Zwischen Mode und Wissenschaft

Die Mode von Acronym ist wie die Musik von Soundforschern wie Carsten Nicolai. Am Anfang steht die neue Idee, die Funktion, die Formel. Erst daraus ergibt sich die Ästhetik. Vor über 15 Jahren von Michaela Sachenbacher und Errolson Hugh gegründet, entwirft die Firma noch heute Kleidung, die auf dich aufpasst, anstatt dass du auf sie aufpassen musst. Als Übersetzer von Stil und Technologie arbeiteten Acronym bereits mit dem Ausrüster der GSG9 zusammen. In der globalen Modewelt geben sie die Figur Q aus James Bond – in ihren Büros in New York, Berlin und Tokyo haben sie immer eine neue Erfindung parat.

Vor über 15 Jahren von Michaela Sachenbacher und Errolson Hugh gegründet, entwirft die Firma noch heute Kleidung, die auf dich aufpasst, anstatt dass du auf sie aufpassen musst. Als Übersetzer von Stil und Technologie arbeiteten Acronym bereits mit dem Ausrüster der GSG9 zusammen. In der globalen Modewelt geben sie die Figur Q aus James Bond – in ihren Büros in New York, Berlin und Tokyo haben sie immer eine neue Erfindung parat.

Debug: Was unterscheidet euch von klassischer Active Sportswear?

Errolson Hugh: Wir begreifen Stil als eine Funktion. Bei reiner Funktionskleidung, etwa für den Outdoor-Bereich, geht es immer darum, in einem spezifischen Terrain bestimmte Hindernisse zu überwinden. Die Berge, den Wald oder das Wetter. Bei Acronym befinden sich diese Hindernisse in der Stadt. Das kann auch das Klima sein, vor allem aber sind es andere Menschen. Die wichtigste Funktion von Kleidung in der Stadt ist Kommunikation. Was du trägst, zeigt, wer du bist, wo du herkommst und was du machst.

Debug: Andere Designer erträumen ihre Kollektion an Figuren wie dem Dandy oder Marie Antoinette.

Hugh: Das machen wir überhaupt nicht so. Wir haben einen ganz anderen Ansatz. Wir fangen mit einem Problem an. Etwa: Wie kriege ich mein Handy so schnell wie möglich aus der Tasche und in die Tasche. Wir haben eine Gravity Pocket entwickelt, es befindet sich im Ärmel und du kannst mit nur einer Hand die Tasche öffnen und das Telefon schießt heraus. Von dort aus ist erst die Jacke entstanden.

Debug: Was muss eine moderne Jacke können?

Hugh: Sie sollte atmungsaktiv, haltbar und wasserabweisend sein. Auch Details wie versteckbare Kapuzen und die Möglichkeit, einen MP3-Player zu verkabeln, sind uns wichtig. Oder Modularität: Wir haben ein Patent auf ein bestimmtes Stück, bei dem Tasche und Jacke zusammen funktionieren. Du kannst die Jacke aus der Tasche herausholen, ohne dass man die Tasche abnehmen muss. Unser Ziel es ist stets, Technologie in eine Form zu bringen, die dann für den Alltag tauglich ist.

Debug: Diese Kombination erinnert an den “Strumpf“ bei Walter Benjamin, den er in einer Kommode seiner Eltern fand, aufrollte und merkte: ‘Form und Inhalt, Hülle und Verhülltes sind dasselbe‘. Der Philosoph begreift das spielerische Entrollen des Strumpfballs als Vorgriff auf die eigene spätere Philosophie.

Hugh: Unser Ansatzpunkt ist zumeist eine Frustration, dass es gewisse Dinge einfach nicht gibt, obwohl sie technologisch möglich sind. Zum Beispiel cool aussehende Helmut-Lang-Blazer, die im Regen funktionieren. Wir haben also einen Blazer aus Gore-Tex geschnitten, mit dem man Snowboard fahren kann, den aber auch jemand zum Grammy Award getragen hat. Das war nicht geplant, aber das finden wir gut. Im Performance-Bereich werden Dinge vertikal gedacht: spezielles Design für spezielle Aktivitäten. Der Gebrauch der Jacke bestimmt die Funktion und dann auch den Stil der Jacke. Wenn man die Jacke aus ihrem Kontext löst, funktioniert sie nicht mehr. Das Design bei Acronym ist immer horizontal angelegt. Je mehr Aktivitäten in einer Jacke zusammenkommen desto besser.

Debug: Ist die US-Armee mit ihren Erfindungen dabei direkte Konkurrenz?

Hugh: Nicht unbedingt. Aus den Bereichen Militär, Industrie und Aktivsport kommen die Innovationen. Aber die US Forces haben ein anderes Problem als wir: den Preis, es darf nicht teuer sein. Denn sie müssen 60.000 Menschen damit ausstatten. Alle Materialien, die die US Armee benutzt, müssen in Amerika produziert sein. Fernost ist für sie keine Option.

Debug: Funktionieren sie denn als Stilvorbild?

Hugh: Es ist kein Zufall, dass Modeklassiker Namen wie Bomberjacke, Trenchcoat oder Feldjacke tragen – sie wurden beim Militär erfunden. Entwickelt, um zu funktionieren. Ich weiß nicht wie viele Stunden in den richtigen Sitz einer solchen Jacke investiert werden, mehr als bei einem H&M-Teil auf jeden Fall. So entstehen Sachen, die zeitlos sind. Für die Bomberjacke MA1 wurde das allererste Mal Nylon verarbeitet. Auch das T-Shirt haben sie erfunden. Vor dem zweiten Weltkrieg gab es nur Tank Tops. Die Idee, das Shirt auf den Oberarm laufen zu lassen, ist dem Schweißmanagement geschuldet.

Debug: Ein wasserabweisendes Hemd ist ja auch ein bisschen verrückt. Wenn es regnet, ziehe ich mir eine Jacke über, oder?

Hugh: Ich möchte den User der Jacke, die Bezeichnung Konsument mag ich nicht, nicht unterschätzen. Vielleicht zieht er die Jacke im Büro an, vielleicht ist er auch ein Parkour-Typ und klettert und springt nachts damit durch die Stadt. Alles ist denkbar. Es ist ja auch eine Philosophie. Acronym kann bedeuten, draußen zu bleiben, wenn alle anderen reingehen müssen. Es kann auch bedeuten reinzukommen, etwa in einen Club, wenn alle anderen draußen bleiben müssen.

Interview: Timo Feldhaus
Fotos: Lena Emery
http://www.acronym.de

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Elektronische Lebensaspekte.

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