HighTech-Sneaker, therapeutische Stoffe und Killerfeatures
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 154

Copyright Olaf Nicaolai und Uwe Walter

Die Mode schaut seit diesem Jahr nicht mehr zurück, sondern in die Zukunft. Und findet dort Gott und Technologie. Auf den folgenden Seiten checken wir daher die neusten High Tech Sneaker, blicken auf die Umwälzungen, die der 3D-Drucker bringen wird und fragen das seit über zehn Jahren für Innovation stehende Label Acronym nach den brauchbaren Gadget-Jacken.

Der Modemacher hat wie der Musikproduzent grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Entweder er schaut zurück oder nach vorne. Entweder er macht die Geschichte produktiv und arrangiert das Beste oder Seltsamste miteinander, bearbeitet und kontextualisiert das Alte. Oder aber er entwickelt das Neue aus dem unermüdlichen Drängen nach vorne, wie ein Rennpferd, dem man den Blick zur Seite und zurück durch Scheuklappen verwehrt. Manchmal hält der Modemacher dabei inne und sinniert über Fragen wie diese: “Warum Frauen gerne Stoffe kaufen, die sich gut anfühlen.” So lautet auch der Titel einer Ausstellung von Olaf Nicolai, in der es vor allem um den riesigen Vorhang ging, der sich durch Farbübergänge wie bei einem Regenbogen auszeichnet. Dazu erschien ein beachtlicher Katalog. Im Stil der Experimentellen Literatur spannt er in Form eines Anmerkungsapparats mit Sach- und Personenregister und in sieben Kapiteln ein komplexes Netz von Referenzen, vom Untergang der Textilindustrie, über soziologische Meinungsforschung, der Entwicklung von Konsumentenbedürfnissen und psychologischen Studien, bis hin zur taktilen Wahrnehmung von Stoffen. Womit wiederum ein teils absurdes textliches Geflecht entsteht.
  

Therapeutische Stöffchen
Heute basieren im Design 70 Prozent aller Produktinnovationen auf neuen Materialien. Dabei steht längst nicht mehr nur die technologische Funktion im Mittelpunkt, sondern vor allem die Fähigkeit zur Überführung in begehrliche Produkte. Das behaupteten jedenfalls die Macher der diesjährigen Berliner Designmesse DMY. Bislang kümmerte sich ein Hauptzweig der Modeproduktion stets um das aktuellste Gutaussehen, aber nur selten um die Suche nach innovativen Stoffarten, die etwa noch effektiver Wasser abweisen, Kälte oder Wärme abschirmen, Geruchsbildung verhindern und vor anderen Unannehmlichkeiten schützen. Aber genau das ändert sich gerade, was vielleicht sogar ein wenig damit zu tun hat, dass von der anderen Seite des schönen Scheins der Bereich der Outdoor-Mode seit Jahren drückt, was mittlerweile zur produktiven Rückübersetzung in die High-Fashion führt. Zudem ermöglicht der Zugzwang von Sustainability und Ökologie ein größeres Forscherinteresse an neuen Materialien. Rund 40 Prozent des Umsatzes der Textilindustrie in Deutschland fallen derzeit auf den Bereich der technischen Textilien.

Copyright Olaf Nicaolai und Uwe Walter

Dieser Sektor ist geprägt durch die Vernetzung unterschiedlichster Technologien zur Entwicklung neuer Materialien und die Erschließung neuer Einsatzmöglichkeiten. Fakt ist: Auch Designer wie Raf Simons, Hussein Chalayan oder Nicolas Ghesquière schauen bei der Stoffmesse vermehrt an den Ständen, an denen sich technologische Neuerungen in der Stoffproduktion vermuten lassen. Dort findet sich irres Geflecht wie wind- und wasserdichte Membrane, die aktiv auf wechselnde Temperaturen und Aktivitäten reagieren oder völlig neue Gewebegenerationen, die bewirken, dass vom Körper abstrahlende Energie in Form sogenannter ferner Infrarotstrahlung vom Textil reflektiert wird. Die Schweizer Schoeller Textil AG entwickelte zuletzt das System “iLoad”, mit dem es möglich sein soll, kosmetische oder therapeutische Substanzen in textile Gewebe einzubetten, aus denen sie dann über bestimmte Zeiträume wieder abgegeben werden. Und sicher, die besagten Designer linsen oft schüchtern zum nächsten Stand, wenn ihnen die verrückten Wissenschaftler von nützlichen und frisch erforschten Stoffen erzählen. Aber sie werden es nicht mehr lange tun. Die Mode merkt gerade: während der zumeist auf retro aufbauende Street Style stecken bleibt, hat Funktionsmode Zukunft.

Sneaker-Perspektiven
Das zeigt sich wie so oft zuerst ganz unten: Während in den letzten zehn Jahren der bunte Vintage-Sneaker die Bürgersteige beherrschte, ist es aktuell wieder der advancte Laufschuh, der sich seinen Weg auf die schicke Straße bahnt. Auch das hat eine Geschichte: die Einführung neuer Materialien wie Nylon oder Polyurethan sowie sukzessive Detailentwicklungen wie seitliche Luftschlitze (um 1950), keilförmige Absätze (1962), Waffle-Sohle (1977), Luftpolsterung (1979) oder Dämpfungsgel (1986) haben das Modul-Arsenal heutiger Sportschuh-Konstrukteure überreichlich gefüllt. Wobei besonders die “europäisch-lederdominierte” und die “amerikanisch-gummiorientierte” für unterschiedliche Entwicklungen sorgten, wie Christoph Bieber in der aktuell im Blumenkamp Verlag wiederaufgelegten “Sneaker Story” beschreibt. Auch heute haben Designer und ihre teils absurd großen Forscherteams immer wieder Ideen zur Neuerfindung des Sneakers. Doch darauf kommt es gar nicht zwingend an. Vor allem machen sich diese Sneaker gut zu den Gadgets, die man mit sich herumträgt. Zum iPad passen einfach keine Retro-Schlappen.

Inwiefern neue Technologie immer auch ein Abstreifen der Geschichte bedeutet, zeigt im Moment kein Schuh poetischer als das Modell Hyperfuse von Nike. Letztes Jahr führten Nikes Designer eine neue Technologie im Basketballsport ein, die nun am Modell Air Max zu sich selbst kommt. Bei Hyperfuse handelt es sich um ein robustes Verbundmaterial, das aus drei Schichten aufgebaut ist – eine für Stabilität, eine für Atmungsaktivität und eine für Verschleißfestigkeit. Unter Druck und Wärme werden die drei Schichten präzise miteinander verbunden. Die einteilige Konstruktion sorgt für einen leichten, atmungsaktiven Schuh und soll darüber hinaus die Nähte reduzieren, die unangenehm am Fuß reiben. Durch das neue Verfahren entsteht auch ein neuer Look, da man dank der offenen Overlays durch das Obermaterial des Schuhs sehen kann. Sichtbarkeit und Glätte als das Gegenteil zum Heritage-Stoff, der sich in die Geschichte einschreibt und aus der Geschichte schöpft. Anstatt ein altes Referenzsystem aus schon Dagewesenem zu reanimieren, werden die Stoffe zusammengeschmolzen und es entsteht ein nahtloser Schuh aus einem Stück, der ganz in sich selbst und in der Gegenwart ruht. Sportler werden gerüstet für die Unbillen des Hier und Heute, und Städter brauchen die richtigen Schuhe, um aus dem SUV zu steigen. Oder eben gar nicht erst hinein zu steigen. Die technische Entwicklungsgeschichte aus dem Hause Nike, die Ende der 70er mit der berüchtigten Waffel-Sohlen ihr Killerfeature erfand (Nike-Mastermind Bowerman soll es mit dem Waffeleisen seiner Frau hergestellt haben) – sie bekommt im Hyperfuse ein weiteres Update.

Freaker 
Damit werden auch notorische Nörgler ruhig gestellt, die stets einwerfen, dass der Sportschuh inzwischen perfektioniert und ein Ende der Entwicklungsgeschichte längst erreicht sei. Dämpfungsgel von ASICS, “Pump”-System von Reebok, der schnürsenkellose Schließmechanismus des “Disc”-Systems von Puma – all das gab es schon einmal und gibt es zum großen Teil heute aus gutem Grund auch nicht mehr. Allerdings, Systeme wie das “Feet you wear” von Adidas oder der aktuell besonders im Kunstbetrieb reüssierende Barfuß-Schuh Nike Free beinhalten grandiose Konzepte: Die Gründe um überhaupt Schuhe zu tragen, liegen im modernen Sport selbst. Er wird auf Bodenbelägen betrieben, die für den Sport ursprünglich nicht entworfen wurden. Genannte Schuhe mit anatomischem Design betonen gerade das Fehlen unnötiger Technologie. Sie sagen: Schuhe sind High-Tech-Produkte, in denen heute in ihrer schönsten Form die Anwesenheit von Technologie gerade deren Abwesenheit simulieren soll. Die formulierte Post-Histoire-Kritik verläuft aber auch insofern im Nichts, weil es ja dem Casual-Konsumenten gar nicht um die Technik sondern den Look des Schuhs geht. Die Dekadenz, die aus dem Sneaker als High-Tech-Produkt für den urbanen Bürgersteig spricht, passt gut in eine Zeit, in der 3D-Drucker die Modeindustrie umzukrempeln drohen. Denn wenn der Drucker und damit sein DIY-Erzeugnis erst einmal etwas weniger als sauteuer ist, dann wird sich vielleicht wirklich alles verändern. 

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Elektronische Lebensaspekte.

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