Nike McFly, Matrix-Mantel, Mao und Marinetti


Gareth Pugh

Seit 100 Jahren wird die modische Vorstellung von der Zukunft anhand der immer gleichen Ästhetik präsentiert. Wie kann das sein? Und wie sieht die aus? Dabei ist doch die Utopie nicht weniger als das Skelett des Modedesigns. Wir haben fünf Experten Beiträge schreiben lassen zu einer kleinen Enzyklopädie der modischen Utopie.

1913 entwarf der Künstler Kazimir Malevich eine Serie von Kostümen und Set-Designs für die futuristische Oper “Sieg über die Sonne”. Dafür malte er auf einen Bühnenvorhang erstmalig sein genrebegründendes Gemälde “Das Schwarze Quadrat auf weißem Grund”. Es war die Geburtsstunde des Suprematismus. Seine Kostüme hielt er möglichst antirealistisch: wuchtige, grellbunte Bauklötze, eigentlich dem ganz ähnlich, was der britische Designer Gareth Pugh heute entwirft. Eckige, graphische, monolithische Kleider, mit denen man schwer durch Türen kommt. Es ist haarsträubend: Seit Beginn des 20. Jahrhunderts an, von Künstlern wie Marinetti bis zu zeitgenössischen Modedesignern wie Hussein Chalayan, wird die modische Vorstellung von der Zukunft anhand der immer gleichen Ästhetik präsentiert. Entweder sind die Kleider ganz groß und eckig oder eng anliegend und hell glänzend, alles ist irgendwie metallisch, von seltsamer Form und einem kalten Leuchten. Etwa 1930 stellten sich eine Hand voll amerikanische Designer unsere Modewelt so vor: Kleider lassen sich durch Verschlüsse und Anstecker über den Tag variieren, Stoffe sind transparent, ein elektronischer Gürtel würde den Körper klimatisch regeln. Accessoires leuchten, damit die Frau besser einen “honest man” findet. Der Mann an ihrer Seite würde eine Jacke tragen, an der ein Telefon und ein Radio montiert sind. 70 Jahre später sind diese Vorstellungen kaum ein alter Hut. Genau so weit sind aufgerüstete Klamotten, so genannte Wearables, heute – aber auch nicht wirklich weiter. Vor allem werden diese technischen Verfeinerungen von der Mode überhaupt nicht ernst genommen, stattdessen schlägt allerorten die Stunde von Vintage. Recht hatte also der französische Künstler Valimard, der sich 1910 schon vorstellte, wie wir im Jahre 2000 leben. In den wunderschönen Zeichnungen zeigt sich: Fast alle damaligen technischen Utopien haben sich heute verwirklicht, modisch hat sich jedoch wenig ereignet. Visionär also auch seine Idee, den Menschen einfach die Kleider anzumalen, die 1910 en vogue waren. Dabei ist Mode zu entwerfen per se utopisch: Ein Designer entwirft regelmäßig 1,5 Jahre bevor seine Kollektion erscheint ein bessere Welt. Eine Welt, in der die Menschen ein wenig schöner gekleidet sein sollten.
TIMO FELDHAUS

Mode und politische Utopie

Dass politische Utopien ein große Rolle in der Mode spielen, kann man nicht gerade behaupten. Und dass Mode selbst Ausdruck eines progressiven Zukunftswillen sein kann, glaubt heute auch kein Mensch mehr. Dies war schon mal anders: Der Mao-Anzug (in China heißt er eigentlich Sun-Yat-sen-Anzug), benannt nach dem als Gründer des modernen Chinas verehrten Revolutionsführer. Einfarbig, militärisch grünlich oder zivil-blau, Hose, Jacke, manchmal Hut – DAS kommunistische It-Gewand des 20. Jahrhunderts. Denn der Mao-Anzug mit dem kurzen Stehkragen packt das bourgoise Übel modisch an der Wurzel und operiert auf dem Niveau der Bedingungen der Möglichkeit: Wo kein Kragen ist, wird keine Krawatte sein. Keine Stände, kein Geschlecht, keine Schnörkel und kein Individuum. Dafür Konformität, Symmetrie, Gleichgewicht und Gleichförmigkeit. Der Mao-Anzug ist textilgewordene Masse, in Stoff eingenähte Ideologie, Versprechen auf die Gleichheit und die klassenlose Gesellschaft – und am Ende doch nur Zwangs-Jacke totalitärer Uniformierung. Aber das ist lange her. In China gibt es dieser Tage wohl mehr Krawatten als an der Wall-Street. Nicht viel anders steht es um die westliche Version linkspolitischer Modestatements. Joschka Fischers sagenumwobene Nikes zum Beispiel, jener sneakergewordene Traum von der Offenheit des demokratischen Systems, die aus einem Taxifahrer und Straßenkämpfer einen Minister machen kann. Doch die Graswurzelrevolution im hessischen Parlament, die naturgemäß unten, nämlich beim Schuhwerk beginnen sollte, verschwand ein gutes Jahrzehnt später im überdimensionierten großväterlich-staatsmännischen Dreiteiler mit Uhrenkette. Auch aus dem Hoodie der mythischen Friedensaktivistin Petra Kelly, den die Künstlerin Silke Wagner letztes Jahr in einer Installation präsentierte und auf dessen Brust “Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv” geschrieben stand, ist heute wenig mehr geworden als eine gut verkäufliche bildungsbürgerliche Wohlfühlutopie. So gilt auch hier: Scheitern liegt dem Utopiepaket wohl schon immer als Gratiszugabe bei.
DOMINIKUS MÜLLER

Mode und Technik

Marty McFly machte im zweiten Teil der Filmserie ”Back to the Future” die glückliche Erfahrung ein schwebendes und enorm schnelles Hoverboard mit den abgefahrensten Nike Airs aller Zeiten betreten zu dürfen. Die Schuhe: hoch, silbergrau, grün leuchtender Schriftzug und vollautomatische Verschlussautomatik mit surrenden Robosounds – ”Ssss – ssss”. Der Film von 1989 initiierte damit den kurz darauf stattfindenden Feature-Wahnsinn im Sportschuhsektor. Zwar gab es in den 80ern bereits Luftpolster, aber der High-Tech-Fetischismus trieb in den 90ern seine stärksten Blüten. Einherging die Utopie des Roboterfußes mit integrierten Systemen wie Torsion (Adidas), Hexalite (Reebok), Gel (Asics), Trinomic-, Disc System (Puma), Pump (Reebok) oder gar blinkenden Sohlen bei LA Gear. Man wollte Schuhe so technisieren wie Space Shuttles, was gewissermaßen im raschen, aber rauschenden Erfolg auch prinzipiell bestätigt wurde. Der Fuß hat leider irgendwann herausgefunden, dass Pumpen zwar witzig ist aber nicht sinnstiftend und gerissene Disc System-Saiten genauso nervig sind wie geplatzte 180-Grad-Luftkissen. Außerdem sagte der 20-Jahre-Pop-Culture-Turnus wieder Servus und neben Superstar und Chuck Taylor waren ab den Nuller-Jahren Vintage-Sneaker aus immer älteren Dekaden wieder schick. Turnschuh hatte endlich History und Fuß wollte wieder Fuß sein und nicht aussehen wie ein aufgeblasener Ferrari Testarossa. Futurismus und Techno haben im Sneaker-Sektor zurückstecken müssen. Dennoch poppen allmählich wieder aufgebrezelte Wiederauflagen von 90er-Serien wie Pump oder Equipment auf, sogar LA Gear sind wieder mit Disco-Sohle auf dem Plan. Geschichtsunterricht für den Teenager-Lifetime-Neukunden und nostalgische Geek-Wichsvorlage für Mittdreißiger. 2008 wurde Nike von Fans quasi per Petition dazu genötigt, endlich den Nike McFly herzustellen, was in Kleinstserie zwar realisiert wurde, mit dem Filmoriginal aber nicht allzu viel zu tun hatte. Wir wissen nun: 2015, da spielt der Film, werden Schuhe mit Sicherheit weder so aussehen noch automatische Verschlusssysteme haben. Die Zeichen für das nächste Jahrzehnt stehen eher auf Brogues, Lederschuh und anderem klassischen Schuhwerk. Und Hoverboards gibt es auch noch immer nicht.
JI-HUN KIM

Mode in Utopien

Der letzte Zukunftsfilm, der sich modisch ausgewirkt hat, war “Matrix”. Der zeichnete allerdings eher eine Dystopie als eine Utopie. Aber welcher Science Fiction entwirft schon eine bessere Welt als die Gegenwart? Wo bliebe da der Zündstoff? Die Apokalyptischen Reiter sind viel spannender als das harmonische Paradies. Die schmalrechteckigen Sonnenbrillen und langen Ledermäntel von “Matrix” zumindest haben sich bei den verfetteten Kleinfamilien in Fußgängerzonen durchgesetzt. Das bringt eine Gewissheit auf den Punkt: Zukunftsvisionen und Mode passen einfach nicht zusammen. Auch Barbarella sah nur gut aus, weil Jane Fonda in den Karnevals-Fähnchen steckte. Zukunftsvisionen und Technik klappt schon viel besser. Machen wir die Probe aufs Exempel: Sean Connery mit roter Schambelappung in Zardoz oder mit Aston Martin in James Bond 007? Der mit Science-Fiction-Gadgets vollgestopfte Aston Martin lässt einen definitiv eher neidisch werden. Sean Connery sieht im dreiteiligen Anzug der Gegenwart neben dem Aston Martin viel zukunftstauglicher aus als im futuristischen Schamlappen-Dress. Die schärfste Mode von heute und ein Accessoire mit Zukunftsaussicht, so funktionieren Science-Fiction-Film und Mode. Eddie Constantine als Trenchcoat-Träger Lemmy Caution in Godards Science-Fiction “Alphaville” belegt das. Als Aston-Martin-Ersatz fungieren hier die Betonhochhausneubauten von Paris, auf deren 60er-Jahre Zukunftsästhetik Godard sich getrost verlassen konnte. Rainer Werner Fassbinder, der stylische Hund, hat es natürlich auch gewusst und sich in Wolf Gremms Science Fiction “Kamikaze 1989” von 1982 in die heißeste, tagesaktuelle Raubtiermustermode geschmissen, während ihm als Aston-Martin-Pendant die Synthiemusik von Edgar Froese das Zukunftstor öffnet. Und wer, bitte, ist Keanu Reeves gegen die Poster-Boys Constantin und Fassbinder?  
JAN JOSWIG

Mode und Umwelt

Von außen betrachtet schaut es wie folgt aus: Auf der einen Seite ein Alexander McQueen, der zuletzt auf der Pariser Fashionweek seine Modevisionen an die Grenzen des Realisierbaren treibt und den Dior’schen “New Look” in einer Waterworld mit alienhaften Wesen auf skulpturalem, schier unbegehbar futuristischem Schuhwerk neu interpretiert. Und auf der anderen Seite Organisationen wie die niederländische “Made-by”, dank der man die Produktion seines Bioshirts bis hin zum Baumwollbauern zurückverfolgen kann. Warum ist es so schwierig diese scheinbar auseinanderdriftenden Ideen einer Mode von morgen, die einerseits kompromisslos zeitgemäß und andererseits nachhaltig sein soll, zusammenzuführen? Verständigungsversuche auf ästhetischer Eben gibt es: Modelabel wie Magdalena Schaffrin, Barbara ì Gongini, Esther Perbandt, Katherine Hamnet und Andrea Crews, die längst Vorurteile von einer Öko-Mode als einer praktikablen, begrenzt ästhetischen Alltagsmode widerlegen, seien als Beispiele angeführt. Dennoch ist Öko von einem Standard in der Mode (noch) weit entfernt und Versuche ökologische Rohstoffe in ein exaltiertes Designkonzept zu pressen erscheinen bisweilen recht hilflos. Vielleicht weil es in der Mode kaum mehr darum geht dem Menschen ein zeitgemäßes Kleid zu geben, sondern Träume und Visionen zu inszenieren. Insofern kann Alexander McQueens Idee einer Verschnmelzung des Menschen mit seiner natürlichen, auf Grund klimatischer Veränderungen wasserwerdenden Umgebung als hypermodernes Gedankenspiel verstanden werden, das sich längst über eine ökoverliebte Realität hinwegsetzt. Damit also viel mehr “back to the roots” ist, als es ein Hybridmotor jemals sein kann. Die Ökobaumwolle hätte McQueen damit einfach übersprungen.
MAHRET KUPKA

Illustrationen: Dea Dantas Vögler

Aus: De:Bug #139

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