T-Shirts für den Nährstoffkreislauf aus De:Bug 159

Ausgerechnet Wolfgang Grupp, der alteingesessene schwäbische Textilfabrikant mit dem großen Faible für heimische Produktion, ist für die derzeit ökoradikalste Modelinie überhaupt verantwortlich. Wir klären, wie es dazu kam und was es mit dem Kreislauf-Produktionssystem Cradle to Cradle auf sich hat.

Man stelle sich einen Baum vor. Ein Baum als Produktionsstätte für Blätter. Seine Existenzgrundlage und Rohstoffquelle ist der Nährstoff im Boden. Diesen Rohstoff wandelt er mit Hilfe von Wasser und Sonnenlicht um, und produziert daraus Früchte und Blätter. Fallen die Blätter im Herbst zu Boden, bleiben sie dort nicht als lästiger Baumabfall liegen, sondern dienen als Nährstoff für unzählige Mikroorganismen, die die Blätter zersetzen, verwerten und sie in Form von Humus wieder an das Erdreich zurückgeben. Dieser Humus wiederum erhält den Nährstoffgehalt des Bodens, der gleichzeitig die Nährstoffquelle des Baumes ist. Es entsteht ein perfekter Metabolismus, in dem das Produkt “Blatt” zirkuliert.

Manchmal, so sagt das Sprichwort, sehen wir vor lauter Blättern und Bäumen den Wald nicht. Und so geht es einem auch, wenn man vor den zwei Menschen sitzt, die aktuell für den avantgardistischsten Ansatz der Modeindustrie verantwortlich sind. Was wollen diese beiden Menschen voneinander?
Mona Ohlendorf, 32 Jahre, sieht aus wie die klassische Berliner Modedesignerin: etwas zu großer Pulli, zerschlissene Jeans, ein wenig blass um die Nase. Auf eine gleichzeitig aufgeweckte und verschlafene Art stylisch und locker. Bis vor Kurzem wohnte sie noch modemachend in der Hauptstadt. Dann ist sie nach Burladingen gezogen, irgendwo im Nirgendwo der Schwäbischen Alb, unter das Dach von Trigema. Wolfgang Grupp, 69, ist Chef des deutschen Textilherstellers, schwäbischer Kaufmann und berühmt-berüchtigt für seinen nachdrücklichen, in der Vergangenheit vielen auch etwas zu engagierten Einsatz für deutsche Arbeitsplätze sowie jene TV-Spost mit einem Schimpansen als Anchorman. Auch bekannt durch Auftritte in Talkshows, etwa bei Harald Schmidt, wo er sich auf seltsame Art über Frauen äußerte, und Sachen sagte wie: “Am Schluss sagt man dann immer der Grupp ist verrückt, aber der ist nicht verrückt, der wird verrückt gemacht mit Aussagen, die so wenig mit der Realität zu tun haben, dass ich verrückt werde.” Ein sympathischer Zeitgenosse. Er trägt einen ordentlichen Haarschnitt, maßgeschneiderten Zweireiher mit Einstecktuch im Revers und ist auf eine grundsolide Art braungebrannt.

Zusammen sind Ohlendorf und Grupp für die neue Trigema-Linie mit dem Namen Change verantwortlich. Sie besteht aus elf schlichten Oberteilen und trifft eine Zielgruppe, von der Grupp bis vor Kurzem gar nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt: Lohas, urbane Ökos, gute Menschen, die sich dafür interessieren, wo das herkommt, was sie tragen und wie es hergestellt wurde. Das revolutionäre Potenzial ihrer minimalistischen Mode beruht auf dem Prinzip Cradle to Cradle (C2C). Dies beschreibt schlagwortartig die Idee, Produkte und Herstellungsverfahren so zu gestalten, dass die eingesetzten Rohstoffe und Inhaltsstoffe nach Ver- oder Gebrauch nicht zu Müll, sondern zu Rohstoffen werden. Ziel ist die Entwicklung hochwertiger, kreislauffähiger Materialien und die Umgestaltung von linearen Stoffströmen ohne Rest. Stichwort Wertschöpfungskette. Das T-Shirt als Blatt. Die elf Revolutionsprodukte gab es in dieser Radikalität noch nie zuvor. Sie sind Grau, Weiß, Lachsfarben oder Azurblau und so umweltfreundlich, dass man das T-Shirt für 29,90 am nächsten Tag auf dem Butterbrot essen könnte. Und wenn alles gut geht, wischen Ohlendorf und Grupp 2012 damit American Apparel vom Erdboden.
Im Interview stellt sich unterdessen schnell heraus, dass Ohlendorf und Grupp auch hier sowohl als ungleiches wie gut eingespieltes, geschlossenes System funktionieren – unsere Fragen wirkten da nur störend, es bleibt das Protokoll einer guten Geschichte.

Wolfgang Grupp: Ich führe das Unternehmen Trigema seit 42 Jahren. Ich garantiere 1.200 Arbeitsplätze in Deutschland, ich habe noch nie kurz gearbeitet, ich habe noch nie jemanden entlassen und ich garantiere den Kindern unserer Mitarbeiter nach der Schule einen Arbeitsplatz. Das nur vorweg. Der Professor Baumgart, Erfinder des C2C-Prinzips und Chef des Umweltforschungsinstituts Epea, kam 2004 mit dem Konzept auf mich zu. Trigema wurde von ihm ausgewählt, weil wir im Grunde die einzigen in Deutschland sind, die vom Garn bis zum Fertigprodukt alles überwachen und selbst steuern können. 2006 haben wir das erste textile Teil, ein T-Shirt nach dem C2C-Prinzip hergestellt. 
Letztes Jahr schrieb Frau Ohlendorf mir einen Brief, 20 Seiten, sehr anspruchsvoll, ein Geschäftsmodell. Ich habe gesagt: ‘Frau Ohlendorf, die Idee ist sehr gut, aber eine gute Idee zu haben, ist nicht das Schwierige, problematisch ist die Umsetzung. Frau Ohlendorf: Setzen sie es um.’ Das war vor einem Jahr und nun ist sie fest bei uns eingestellt und hat in Burladingen eine kleine Basic-Kollektion gemacht, die es im Internet zu kaufen gibt, ein Geschäft in Berlin ist geplant, und wenn das klappt wird in Hamburg und München weitergemacht.

Mona Ohlendorf: Ich habe mein Diplom über die ökologischen und sozialen Probleme in der Textilindustrie geschrieben und versucht, dort Lösungswege zu erörtern, mir reicht es nicht, hübsche Klamotten zu machen. Dabei bin ich dann auf das C2C-Konzept gestoßen. Das ist das einzige brauchbare und auch zukunftsfähige Konzept, was tatsächlich Lösungen für unsere Probleme bietet. C2C gibt es eigentlich nicht in der Mode, außer eben die T-Shirts von Trigema. Dann habe ich dort Stoff bestellt und eine eigene Kollektion gemacht, die kam auch sehr gut an. Aber wie das so ist in Berlin als Designerin: Man macht eben etwas, davon kann man auch ganz OK leben, aber es ist nichts, womit man etwas bewegt oder wirkliche eine Masse von Menschen erreicht, sondern eher ein kleines Soziotop, in dem man sich bewegt. Ethische Mode muss aber ein Massenprodukt sein, das für jeden zugänglich ist. Es muss ein konventionelles Produkt sein und einen soliden Preis haben. Erst dann kann man etwas verändern. Trigema hat das Produkt, aber noch nicht ganz so, wie ich es mir vorstelle. 

Grupp: Mich hat das C2C von der Idee immer überzeugt. Aber ich bin ja ein Laie, weder Erfinder noch Designer, und deswegen habe ich als Unternehmer eine Unisex-Kollektion machen lassen. Eine modische Kollektion ist nicht ganz einfach mit C2C zu realisieren, denn man kann gegenwärtig keine Druckknöpfe, Pailletten oder Ähnliches verwenden – denn dann ist die Grundidee, das Kompostierbare, in Gefahr. Früher hätte ich nie an die Grünen als Zielgruppe gedacht: Die haben ja so verrückt gedacht, trugen offenes Hemd und verlumpte Hosen. Aber Frau Ohlendorf erzählte mir dann von einer Gruppe von urbanen Menschen, die aufgeschlossen, umweltfreundlich und zukunftsorientiert sind. Dass es solche Menschen gibt, das wusste ich gar nicht. Ich hatte in meinem Leben nie Ideen, alles was ich gemacht habe, habe ich irgendwo gesehen. Eben hat mir jemand gesagt, ich hätte ja das Batik erfunden. Das stimmt natürlich nicht. Das habe ich irgendwo in Düsseldorf gesehen und dann 68 in großem Stil nachgemacht. Und so ähnlich ist das hier. Ich hatte zwar ein Auto, aber ich hatte den Schlüssel zum Fahren nicht. 

Ohlendorf: Durch die C2C-Zertifizierung ist der Spielraum tatsächlich sehr eng. Die Schnitte werden wir in den zukünftigen Kollektion ausbauen. Fashion bedient immer eine bestimmte Zielgruppe, aber ein T-Shirt braucht jeder, und das lässt sich relativ kostengünstig herstellen. Wir arbeiten ausschließlich mit Jersey, da kann man keine Jeans machen, höchstens eine Jogging-Hose. Jeansstoff müsste man einkaufen und vor allem auch wieder prüfen lassen. Die Idee ist ja, dass man wirklich über 100 Prozent der Inhaltsstoffe Kenntnis hat. Jetzt denkt man: Ein Produzent müsste wissen, was in seinem Produkt ist, aber so ist es leider nicht. Ganz sicher weiß der Mensch, der deinen Pulli hergestellt hat, nicht, was für Farbstoffe darin sind, denn die kauft er ein. Selbst der Farbstoffhersteller weiß das nicht wirklich, weil er selbst wieder zukauft. Beim C2C-Prinzip müssen alle Zulieferer ihre Daten offenlegen und das machen die sehr ungern. 

Grupp: Das EPEA Institut vergibt dieses Zertifikat und es gibt bisher nur ein einziges Modelabel, das es bekommen hat – Trigema Change. Wir sind bisher die einzigen, die das in Strick- und Wirkware umsetzen. 

Ohlendorf: Die Grundidee von C2C ist, dass egal was für ein Produkt vorliegt, man die Produktionsweise von Beginn an so konzipiert, dass es hinterher in einen Nährstoffkreislauf zurückgeführt wird. Dass ich aus meinem Primärrohstoff einen gleichwertigen Sekundärrohstoff mache. Heute ist es so: Ich nehme einen Joghurtbecher und schmeiße ihn in den Müll, der wird dann recycelt, indem man fragt: Was kann ich davon noch benutzen? Dadurch, dass da so viele Komponenten zusammenkommen, Druckfarbe, Lack usw. wird die Qualität des Rezyklats deutlich vermindert gegenüber dem Ausgangsmaterial. Das ist der Punkt, an dem C2C ansetzt: Nicht hinterher gucken, was machen wir damit, sondern vorher fragen, was damit hinterher passiert. Wie kann ich es so gestalten, das es sich in einen Kreislauf einführen lässt und der einmal gewonnene Rohstoff unendlich nutzbar wird. Nicht ver- sondern gebraucht. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob es sich um einen biologischen oder einen technologischen Nährstoff handelt. Man muss schauen, wie man sein Produkt zusammensetzt: Habe ich einen petrobasierten Kunststoff aus Erdöl, das ist ein endlicher Rohstoff, dann ist das ein sehr langlebiges und hochwertiges Produkt und ich sollte dafür sorgen, dass es innerhalb eines technischen Kreislaufs zirkulieren kann. Das heißt: Ich mache einen Joghurtbecher daraus, danach wird es ein Föhn, danach eine Duschhaube und danach wieder ein Joghurtbecher. Und das unendlich. 

Grupp: Also simpel gesagt, wenn ich von der Fertigung ausgehe, die wir aktuell haben, dann ist das Besondere an der Change-Kollektion, dass es einfach keinen Restmüll mehr gibt. Es bleibt nichts übrig. 

Ohlendorf: Die Unterscheidung Naturfaser/Chemikalie ist im Grunde nicht wesentlich für das Prinzip. Biobaumwolle ist natürlich ein Naturprodukt, es gibt aber auch solche und solche Chemikalien. Bei einem Fernseher ist das beispielsweise schwieriger, denn darin befinden sich etwa 1.000 Chemikalien. Es gibt allerdings bereits C2C-Bildschirme. Die Schadstofffreiheit ist natürlich das größte Ziel, auch bei einem technischen Produkt. Die 1.000 verschiedenen Chemikalien in dem Fernseher sind teilweise hochgiftig, aber ohne die funktioniert der Fernseher einfach nicht. Die muss man tolerieren, der C2C-Gedanke ist dann etwa auch, dass man so einen Fernseher nicht mehr kauft, sondern least. Denn man will ja eigentlich nicht den Fernseher, sondern man will fernsehen. Man will auch keinen Staubsauger, sondern man will staubsaugen. Bleiben die giftigen Stoffe also im Besitz des Herstellers, muss er sie wieder zurücknehmen und kann sie dann für die Herstellung neuer Fernseher verwenden. So landen die giftigen Substanzen nicht auf der Halde und es müssen insgesamt viel weniger solcher Substanzen erzeugt werden.
Man muss sich bei C2C am Anfang überlegen: Will ich in den technischen oder will ich in den biologischen Kreislauf. Bei Kleidung ist es so: Wenn du eine Naturfaser möchtest, weil es gut für die Haut ist, dann musst du in den biologischen Kreislauf gehen. Wenn ich aber Funktionsbekleidung mache, dann bin ich eigentlich besser mit einer Synthetikfaser beraten. Und wenn das Produkt tatsächlich so gestaltet ist, dass man es recyceln kann, dann ist gegen das Produkt auch nichts zu sagen. Wenn der Polyester in seiner Qualität bestehen bleibt. Jedes handelsübliche T-Shirt ist mit einem Polyestergarn genäht, weil es billiger und reißfester ist, unser T-Shirt nicht, denn wenn wir Polyester darin hätten, würde er sich nicht zersetzen. Eine Polyesterhose kann man aber ohne Weiteres mit Polyestergarn machen, da ist nichts gegen zu sagen.   

Grupp: Wir haben ein T-Shirt kompostieren lassen und nach sechs Monaten war es fast verschwunden. Man darf sich das aber nicht als einen geschlossen Kreislauf vorstellen, wo man das einzige Produkt am Ende wieder abholt und in eine Komposttonne tut. Die Dinge halten ja auch sehr lange. Man muss die nun erst einmal auftragen.

http://www.trigemachange.com
http://www.epea-hamburg.org

Text aus De:Bug 158
Autor: Timo Feldhaus

7 Responses

  1. Rosa

    tolle, trendige Mode und ökologische Nachhaltigkeit sind kein Widerspruch! Für einen Erfolg sind coole Designs & Formen entscheidend. Wenn dann die verwendeten Materialien auch noch umweltfreundlich ist, dann stimmt doch endlich die “Chemie”! Viel Erfolg!

  2. JKoepf

    So so, nun also doch: 2007 habe ich Herrn Grupp eine Mail geschickt und ihm genau dieses Konzept vorgeschlagen. Trigema, das deutsche American Apparel. Bio-Baumwolle, trendige schnitte, Basics. Dazu kleine Stores in deutschlands hippsten Städten. Ergebnis: Ich wurde abgeschmettert.
    Aber letztlich freut es mich, dass es nun doch geklappt hat. Trigema scheint auf seine Kunden zu hören. Und darauf kommt es an. Gratulation!