Where are we now? - der eiskalte Nachbericht

Augustin Teboul, das Miesmuschelschwarz ist ihre Passion

Augustin Teboul, das Miesmuschelschwarz ist ihre Passion

Bild: BBentler

Kurz vor der Modewoche telefoniere ich mit dem italienischen Diesel-Erfinder und Jeans-Milliardär Renzo Rosso. Er hat nicht so viel Zeit, Kanye West ist zu Besuch. Berlin, sagt er am Ende des Interviews, ist eine tolle Stadt. Das finden ja aktuell viele seiner Landsleute, meine ich, sie kaufen hier Wohnungen, weil sie ihr Geld sicher anlegen wollen. Oh ja, seine Kinder würden auch gerade suchen, sie lieben Berlin. Einen Tag zuvor wurde direkt bei mir gegenüber Käthe Kollwitz mit Spätzle geschändet. Free Schwabylon, die Gentrifizierung schlägt zurück, das sieht nicht hübsch aus. Wie Fieber überkommt eine Debatte das Treiben der Berliner Fashion Week.

Auf der Bread and Butter läuft im Grunde nur ein einziger Typ umher. Eigentlich ist es ja eine Streetwear-Messe, doch hier trägt niemand mehr bunte Sneaker und Kaputzenpullover. Heute sehen alle Männer genauso aus wie Joko und Klaas, die versuchen amerikanisches Elitecollage mit britischem Reitstall zu verbinden. Oben rum mini-kleine taillierte Jäckchen, die Hose bollert in RAW-Denim, gerne trägt man schweres Horn auf der Nase und wer ein richtig heißer Feger ist, zum groben Hemd noch eine lustige Fliege. Auch auf der Bright, die noch jüngere Messe, finden sich graue Haare im Bart der Streetwear. Hier, wo Händler und Zielgruppe das Gespräch gemeinsam Skateboards gucken, erklärt man plötzlich: Die Designer sind mit ihren Kunden gealtert, bunte Drucke und juvenile Exzentrik gefallen nicht mehr so. Auf dem Weg zur Modenschau von G-Star, die in der Kirche des Galeristen Johann König statt findet, wendet sich ein kleiner Kreuzberger verwundert an seine Mutter: Was tun hier all diese schwarzen Autos mit den großen schwarzen Männern davor? Doch auch für sie scheint das ein ungewöhnlicher Anblick, die Mutter hält die VIP-Shuttles, die die traurigen Straßenseiten der Alexandrinenstraße flankieren wie damals der bürgerliche Herrenanzug die französische Revolution, für die Fahrzeuge von Politikern. Sie schnippt ihre Zigarette zu Boden und schnauzt in Richtung Sohn: “Wenn die nicht so eine Scheiße bauen würden, dann bräuchten die auch keine Bodyguards.” Wir steigen in eine der Luxuslimousinen und fahren zur After Party. Auf der Tanzfläche gibt mir ein Claudio seine Karte, es steht “Verantwortlicher” drauf. Er kommt aus Düsseldorf und sucht langfristig ein Zimmer in Berlin, irgendein Zimmer, ein Kleiderschrank, sagt er. Am nächsten Tag mit zwei richtig tollen Hippies im Galeries Lafayette, wo ein Bildband der glorreichen Moderedakteurin Diane Vreeland präsentiert wird, trinken Schaumwein und essen bunte Macaroons. Die mit dem Hut fragt sich: “Warum dürfen nicht alle Menschen dieses schöne Leben probieren? Man muss Moët & Chandon ausschenken in den Armenvierteln dieser Stadt, dann wird es auch schon bald etwas werden mit der Berliner Mode.” Sie sinnieren weiter, es ist schon lange dunkel. Die zeitgenössischsten Momente der Woche: Die zartebittere Inszenierung von flüchtigen Spitzenkleidern mit viel Schatten bei Augustin Teboul und die knuddelweiche Rave-Mode des jungen Eidgenossen Julian Zigerli. Die größte Modenschau bot allerdings das schwäbische Unternehmen Hugo Boss.

Am Freitagmorgen klingelt es an der Wohnungstür, ein Fotograf von der Morgenpost möchte aus meinem Fenster ein Foto machen von dem letzten unsanierten Haus gegenüber. Die Stoßrichtung des geplanten Features wisse er nicht, aber: “Wir sind alle Teil der Gentrifizierung” und dass er schon ewig um die Ecke lebe und persönlich keinen einzigen Schwaben kenne. Wir verabschieden uns mit einem melancholischen Lächeln. Ich wähle noch einmal das neue Berlin-Lied vom alten David Bowie und singe leise mit: “Where are we now you know you know.”