Was lief wann in Streetwear und Designermode?

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Jan Joswig in De:Bug 114

Was lief wann in Streetwear und Designermode? Wir greifen in selbstbewusster Unvollständigkeit einige einschneidende Ereignisse heraus.

1963 In Londons Carnaby Street entstehen die ersten Jugend-Boutiquen des Swinging London, Mary Quants Minirock und die Jugendstil-Hippiemode im “Biba Look” setzen sich von hier aus durch. In Paris bestimmen André Courrèges, Paco Rabanne und Pierre Cardin die 60er über den futuristischen, konstruktivistischen Stil in der Mode. Die Beatles tragen Cardins kragenfreie Sakkos.

1965 Marithé & Francois Girbaud, in den 80ern für die Popper-Jeans “Closed” verantwortlich, entwickeln das Stonewashed-Verfahren.

1966 Yves Saint Laurent eröffnet die erste Boutique auf dem Rive Gauche, dem Ufer auf der anderen Seite der Couture-Häuser, um Ready to Wear anzubieten.

1967 Jil Sander eröffnet in Hamburg die erste Boutique in Deutschland, in der französische Designerkleider verkauft werden – Concept Store hieße das heute.

1968 Pierre Cardin behauptet: “Die Haute Couture ist tot.” Ready to Wear/Pret à Porter gehört die Zukunft. Hennes & Mauritz wird in Schweden gegründet.

1969 In London regiert weiterhin der Hippie-Look von Ossie Clarke, Mary Quant, Zandra Rhodes, Jean Muir. In New York stellt Halston seine erste Kollektion vor, Ende der 70er gehört er zum festen Personal um Andy Warhol und das Studio 54.

1970 Die Designer Sonia Rykiel, Kenzo und Issey Miyake bilden das Swinging Paris.

1971 Phil Knight und Bill Bowerman gründen Nike. Vivienne Westwood und Malcolm McLaren eröffnen ihre Anti-Hippi-Boutique “Let it rock”, später erst in “Too fast to live, too young to die” und dann schlicht “Sex” umbenannt.

1973 Die Schuhmarke “Timberland” wird von Nathan Schwartz gegründet, in den 80ern mit seinem Stiefel bei HipHoppern (Timbaland) und mit dem Bootsschuh bei Poppern beliebt.

1974 Giorgio Armani präsentiert in Mailand seine erste Kollektion, seine saloppen Anzüge werden zum Inbegriff der Yuppie-80er, Richard Gere trägt Armani in “American Gigolo”.

1976 Claude Montana lanciert Nappalederhosen für Frauen und führt den Oversize-Look ein, für den er in den 80ern berühmt wird. Vans gestaltet, beraten von den “Z-Boys”-Profiskatern (DVD-Doku: Dogtown & Z-Boys) den Era-Skateschuh. Der Slip-On, der Topschuh bei Nicht-Skatern Anfang der 2000er, ist die Slipper-Variante des Era.

1977 Yohji Yamamoto zeigt seine erste Kollektion in Tokio, ab 2003 kollaboriert er unter dem Namen “Y3” mit Adidas. Die Kombination aus Streetwear-Marke und High-Fashion-Designer setzt sich durch: Stella McCartney – Adidas, Marc Jacobs – Vans, Strenesse – Adidas, Kim Jones – Umbro, Alexander Mc Queen – Puma sind nur einige Beispiele.

1978 Oversize ist in der Designermode der bestimmende Trend.
Die Skaterfirma “Vision Streetwear” wird gegründet. Der Begriff ist noch nicht eingebürgert. Diesel sticken ihren “Only the brave”-Irokesen auf die Rücken ihrer Lederblousons. Die Berliner Ghetto-Marke “Cordon” hat sich das abgeguckt.
In Münster baut sich Straßenkreuzer-Fahrer Titus mit “Titus Skates” ein Imperium aus Skateshop, Versandhandel und Skatespots auf, Titus bietet als Erster in Deutschland eigene Boards an.

1979 Helmut Lang eröffnet in Wien seine Boutique “Bou Bou Lang”. Die erste deutsche Vogue kommt heraus, 87 Jahre nach der amerikanischen. Der Mod-Film “Quadrophenia” erscheint, 1977 wurde das erste Album von The Jam veröffentlicht, 1980 folgt das erste Album von TV Personalities, der Mod-Hype läuft auf Hochtouren.

1980 Das “Official Preppy Handbook” erscheint. Preppies, abgeleitet von den betuchten Schülern der Preparation Schools, sind die amerikanische Entsprechung zum Popper. Terry Jones, Ex-Artdirektor der britischen Vogue, gründet i-D, neben “The Face” das wichtigste Lifestyle-Magazin der 80er. Nick Lohans “Face” bekommt durch den Fotografen Jürgen Teller und vor allem den Designer Neville Brody sein Gesicht.

1981 Yohji Yamamoto und Rei Kawakuba/Comme des Garcons lösen mit ihren Kollektionen, die Hüllen statt Kleider lancieren, einen Skandal in Paris aus.
Die “Antwerpener Sechs” mit Walter van Beirendonck, Dries Van Noten, Ann Demeulemeester, Dirk Bikkembergs und Martin Margiela zeigen ihre Kollektionen in einer Gruppenausstellung in London.

1982 Calvin Klein bringt die Rippenunterhosen mit seinem Namensschriftzug raus. DocMartens werden erstmals in der Londoner Boutique “Red or Dead” im Modezusammenhang angeboten.

1984 Der Micro Pacer von Adidas, der Sneaker mit dem Computer in der Lasche, erscheint. Er ist der Vorläufer des Nike iPod-Modells. Katherine Hamnett bedruckt T-Shirts mit Polit-Sprüchen wie “Think global” oder “Education not Missiles”. Benetton wirbt mit “Alle Farben dieser Welt”. Ihr Trick: Sie produzieren ihre Hemden und Pullover vor und färben sie erst in letzter Sekunde ein, um auf dem neusten Stand zu sein.

1985 Jim Phillips entwirft die “Screaming Hand” (siehe Coverillustration), die Santa Cruz Skateboards für ihr berühmtestes Sweatshirt benutzt. Playhouse haben das Motiv später für eins ihrer T-Shirts gerippt, appropriiert, wie ihr wollt, genau wie das Logo von Motörhead. Bedruckte Strumpfhosen tauchen erstmals unter dem Begriff “Leggings” auf. Grace Jones trägt Azzedine Alaia. Nike präsentiert den “Air Jordan” von Basketballer Michael Jordan, begleitet von einer 5-Millionen-Dollar-Werbekampagne. Zwei Jahre später stecken sie 20 Millionen in die Werbung für die Air-Palette.

1988 “Homeboy” wird in Dietzenbach von Jürgen Wolf gegründet, der Startschuss für Street- und Clubwear aus Deutschland.

1989 “Sabotage”, in Mannheim gegründet, ist die Fashion-lastigste Marke unter den Streetwear-Firmen, die sich in den folgenden Jahren im HipHop-, Skate- und Techno-Umfeld in Deutschland gründen. Ihr folgen Marken wie Illmatic, John Doe, Mutation, Suspect, Beam Me Up. Ein Revival ist nicht absehbar.

1990 Jean Paul Goude, der Erfinder des Grace-Jones-Images, filmt die Werbeclips für Chanels Parfüm “Egoiste”.

1991 Die Streetwear-Marke “X-Large” eröffnet den ersten Shop in New York, Mike D von den Beastie Boys berät beim Konzept.

1993 Die Tokyoter Marke “A Bathing Ape”/”Bape” gibt dem Genre Premium-Streetwear entscheidenden Anschwung, in Tokio folgen kurz darauf “Neighboorhood” und die Toy-Schmiede “Bounty Hunter”. Der Durchbruch in den Mainstream ist Bapes Koop mit Nike, der Bapesta Air Force 1 von 2002. Die Berliner Firma “Irie Daily” positioniert sich als Stüssy Deutschlands, genauso unverwüstlich integer, nur mehr auf Punk und BMX ausgerichtet.

1994 Hardy Blechman startet mit den Military-Hippie-Hosen seines Londoner Labels “Maharishi” den langlebigen Army-Look. Er hat auch das Tarnmuster-Buch “Disruptive Patterns” herausgegeben.

1995 Der ur-amerikanischen Workwear von Carhartt wird von ihrem deutschen Vertrieb “Work in Progress” ein europäisch hippes, sanftes Facelifting verpasst. Damit ist Carhartt die beständigste Größe in der Streetwear. Thomas Marok Marecki gründet in Berlin das wichtigste deutsche Streetculture-Magazin “Lodown”, das hauptsächlich in Japan gelesen wird.

1996 Die Elwood von G-Star schlägt als Designerjeans in der baggy Streetwear-Welt ein.

1997 Die O-Dog von Dickies ist diese Saison das, wofür sonst die Levi’s 501 steht: die Basis-Hose. Im Pariser Marais-Viertel eröffnet Colette. Der Multi-Label-Store gilt als einer der ersten Concept-Stores. Das Angebot richtet sich radikal nach dem Geschmack der Besitzer. Kitsuné-Sweater findet man genauso wie Bless-Sondereditionen und Räucherstäbchen aus Bali.

1998 Michael Kopelman von der Streetwear-Distributions-Firma “Gimme 5” gründet mit “Hit and Run”, später in “Hideout” umbenannt, den führenden Laden für die internationale Speerspitze der Streetwear. Er leitet auch die Sneaker-Pilgerstätte “Foot Patrol” oder die europäische “Bape”-Filiale. Bobbito Garcia veröffentlicht die Sneaker-Bibel schlechthin: “Where you’d get those?”.

1999 Prada entwerfen den Hybrid aus Straßenschuh und Sneaker, der einen neuen Fusion-Schuhstil einläutet. Bernhard Willhelm irritiert mit seinen Schwarzwald- und Picknick-Kollektionen. Andere deutsche Designer wie Stephan Schneider und Frank Leder spielen ebenfalls mit dem Provinziellen deutscher Folklore.

2000 Die Londoner Agentur “Unorthodox Styles” launcht ihre Sneaker-Website “Crooked Tongues”. Die Ex-Modechefin von The Face, Katie Grand, gründet das Magazin “Pop”, das den jugendlichen Hochglanz-Witz viel treffender in die 2000er überträgt als The Face, das 2004 eingestellt wird.

2001 Jörg Haas startet in Berlin seine Streetwear-Website “Beinghunted”, fünf Jahre darauf folgt das Geschäft “Firmament” in Berlin. Walter van Beirendonck kollaboriert mit Wrangler für die Marke W< , die knatschbunten Plastiktrash für die Ravergeneration macht. 2003 Der Onitsuka Tiger Mexiko, original 1966 erschienen, mausert sich zum Retro-Sneaker der Saison. Die schwedische Marke “Acne” eröffnet ihr erstes Geschäft in Stockholm, zwei Jahre später die erste Auslandsfiliale in Berlin. Acne spielt eine zentrale Rolle bei dem Siegeszug der skandinavischen Mode rund um die Röhrenjeans von Nudie, Cheap Monday, J. Lindeberg etc.

2004 Wichtigstes Accessoire der Saison: der Jersey-Schal von American Apparel, der Fairtrade-Firma aus LA mit den sexy Ausrutschern.

2005 Der letzte große Wurf auf dem Modemagazin-Markt kommt von den Machern des “Butt”-Schwulenheftes. Jop van Bennekom und Gert Jonkers gründen mit “Fantastic Man” das “Heft für Männer, die keine Mode mögen”.

2006 Die “Solebox” der Brüder Hikmet und Suekret Sugoer startet in der Nürnberger Straße in Berlin mit einer Premium-Auswahl an internationalen Sneakern, darunter sehr viele Sondereditionen für zum Beispiel Puma, New Balance, Nike. New Rave ist das Modestichwort des Jahres, Londoner Label wie Cassette Playa, Christopher Kane oder Gareth Pugh reüssieren mit neonfarbenen Hoodies und lackfarbenen Leggings, “Super Super” ist das Magazin der Stunde.

2007 Der Palästinenserschal im Original oder als Cashmere-Variante vereint Streetwear und Desinger-Mode auf ignorantestem, apolitischem Volldeppen-Niveau.

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2 Responses

  1. joao carpenteiro

    “2007 Der Palästinenserschal im Original oder als Cashmere-Variante vereint Streetwear und Desinger-Mode auf ignorantestem, apolitischem Volldeppen-Niveau.”
    Wow – harter Tobak! Ist es etwa politischer, wenn sich die de:bug von Nike kaufen lässt? Wie wäre es denn mal mit einem kritischen Artikel zu Nike-Sweatshops statt Dauerlobeshymmnen auf Nike-Sneaker und Händchenhalten im 103? Gehe ich richtig in der Annahme, dass dieser Kommentar nicht gepostet wird?

  2. mark

    naja, was die de:bug über mode denkt, spielt doch eh keine rolle.
    ber zu meiner zeit (jahrgang 1965) diese müffelnden palästinensertücher wirklich noch ne (politische) rolle gespielt haben, während sie heute den dürren jungs nur im latte macchiato rumbaumeln.