10 Jahre De:Bug: School of 1997

Jan Joswig in De:Bug 115.

Als De:Bug gegründet wurde, waren diese drei schon lange dabei. Sie gehören zu dem frühen Netzwerk, das das Nest bereitet hat, aus dem De:Bug schlüpfen konnte.

Alexandra “Sick Girl” Dröhner und Clemens “Clé” Kahlcke kennen sich seit Mauerfall, sind sich seitdem dort über den Weg gelaufen, wo es heiß war, und haben selbst ordentlich Scheite ins Feuer geworfen. Ihre Biographie deckt sich mit der Nachtlebenshistorie Berlins.

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Vom Fischlabor ins E-Werk

Alexandra stand Ende 1990 am Tresen des Fischlabors. Weil sie die exaktesten Abrechnungen vorlegte, warb sie Dimitri Hegemann 91 als Geschäftsführerin des Tresors ab: Schotter aus dem Keller karren, Veranstaltungsplakate in Stüssy-Lettering malen, DJs und das Finanzamt ruhig halten. Nach einem Intermezzo bei Low Spirit und Frontpage übernimmt sie im E-Werk die Promo und das Samstagsbooking. Sie ist die Erste, die den Saxophon-spielenden Moodymann nach Berlin holt oder eine “Relief“-Nacht zur Love Parade organisiert.

1997 hat sie sich bei Style & The Family Tunes ums Styling für die Fotostrecken gekümmert, ein italienisches Restaurant geführt und ist schließlich wieder zum Tresor zurückgekehrt, wo sie bis 2004 Geschäftführerin war. Seitdem ist sie mit Johanna Grabsch als DJ-Team “Sick Girls“ unterwegs für alles, was neu ist und Alarm schlägt. Zuerst war das HipHop, dann Grime, jetzt gerne 130 BPM und mehr.

Alexandra: 1997 war das totale Nulljahr. Unendlich schwierig, sich daran zu erinnern. Was mich fasziniert hat, war der Brighton-Sound, Cristian Vogel, Tobias Schmidt, Neil Landstrumm. Modisch gab es Ende 97 das erste zaghafte 80er-Revival. Ich hatte auf dem Flohmarkt eine weinrote Aigner-Lederjacke mit dem Hufeisen-A auf der Tasche gefunden. Ich besaß eine dunkelblaue und eine dunkelbraune Dickies. Zur dunkelblauen habe ich dunkelblaue DC-Sneaker getragen. Dazu große weite HipHop-Männerhemden. Blazer zu Turnschuhen. Drink: Wir haben Hemingways bis zum Umkippen gekippt. Im WMF wurden die flaschenweise auf Vorrat gemixt.

Alexandra Top 5 1997:
Photek – Modus Operandi (Science)
I-F – Space invaders are smoking grass (Viewlexx)
Air – Sexy Boy (Source)
Daft Punk – Around the world (Virgin)
Aphex Twin – Come to daddy (Warp)

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Missionarische House-Sets

Clemens Kahlcke war schon in den 80ern der Top-DJ in der Partyhochburg Kiel, wo er im Pfefferminz New Wave auflegte: No More, Sisters Of Mercy, Talking Heads, Ministry. Als er bei einer Radioshow gefragt wurde, warum er denn “Die Zimmermänner“ (eine Hamburger Popper-Funk-Band mit deutschen Gymnasiasten-Humor-Texten) spielen würde, antwortete er: “Ich stehe halt auf Heavy Metal.“ 1986 ging er nach Berlin und tauchte im Dschungel und Tchatcha ab, um ab 1989 auf den “Radio Mars“-Abenden als Clé im Fischlabor zu spielen – und Alexandra kennen zu lernen.

Sein DJ-Kumpan Terrrible bringt ihm das Mixen bei, er wechselt als Resident-DJ zum Tresor und (über)fordert im Planet, 90 Grad und E-Werk das Publikum mit seinen missionarischen House-Sets aus Wild Pitch, frühen Strictly-Rhythm-Sachen und Relief. 1997 inszeniert Katharina Thalbach im E-Werk Don Giovanni und bittet Mike Vamp um Beats. Der holt sich Clé dazu, seitdem konzentrieren sich die beiden als Märtini Brös darauf, “konsequent an unserer Dekonstruktion zu arbeiten“. Gerade sitzen sie an einem neuen Album.

Clé: 1997 war musikalisch total unspektakulär. Ratlosigkeitsjahr. Labbrig. Relief war beliebig geworden. Das E-Werk-Ende hat zur Zersplitterung in viele kleine Szenen geführt. Das bildete die leere Folie, auf der man sich gut neu entwerfen konnte – zum Beispiel wir mit Märtini Brös. Deutsche Texte in Minimalhouse. Matthew Herbert hat das Witzige, Humorvolle mit angestoßen.

Clé Top 5 1997:
Moodymann – Dem young sconies (Planet e)
Blake Baxter – Our love (Disko B)
Elevate Special Project – Warped (Elevate)
Super Collider – Darn cold way o’lovin (Loaded)
Soundhack – 001 (Soundhack)

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Work that Pant

Dickies’ “874 Work Pant”, wie die O-Dog offiziell heißt, war in einem Modejahr, in dem Rave-Wear endgültig abklang, jeder Flohmarkt-Trainingsjacken (diese braun-beigen in Opa-Strick) trug, Grunge immer ging, aber weder Chucks noch die Slip-Ons von Vans irgendwo in Deutschland zu kriegen waren, die Konsenshose schlechthin. Die klassische 874 Work Pant hatte in ihrer brettharten Renitenz auch die Clubkids erwischt, nachdem sie schon von Skatern und Grunge-Schluffis geliebt worden war.

Europäische Arbeitskleidung wie Kansas aus Dänemark oder Boco aus dem Pott (Duisburg) versagte zielsicher dabei, ein auch nur annähernd vergleichbares Potential zur coolen Vereinnahmung anzubieten. Aber Ted Herold war ja auch immer eine Schießbudenfigur gegen Jerry Lee Lewis. Die Dickies-Kurzarmhemden mit ihrem steifen Reverskragen, in denen man wie ein suspendierter Highwaypatrol-Officer aussieht, wirkten auch sehr hebend auf die Moral der professionellen Müßiggänger.

Dann kam die Jahrhundertwende und Electroclash und alle wollten nur noch asymmetrisch abgerissen aussehen. Mittlerweile weiß man aber längst wieder eine korrekte Bügelfalte zu würdigen. Und keine Bügelfalte hält sich korrekter als die der 874 Work Pant. Wir zeigen die farblich aufgemischten aktuellen Dickies-Chinos, die das Zeug haben, zur Konsenshose der School of 2008 zu werden.

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Foto: Nadine Elfenbein
Produktion: Jan Joswig
MakeUp: Daniella Midenge
Models: Alexandra Dröhner, Clemens Kahlcke
Alle Hosen: Dickies 874 Work Pant (www.dickies.de)
Oberteile: Historische 97er-Ravewear
Wandbilder: Ash (Punks are not dead), Anti Privé (Image is dead), Dave The Chimp (Journey to Bethanien), mit Dank an die Ausstellung Backjumps im Haus Bethanien, Berlin

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One Response

  1. DuSau

    Konsumorientiertes,neoliberales Vagabundentum ! Was für Klamotten toll gefunden werden ist wirklich unheimlich mitteilenswert.Johanna findet`s sicher scheiße!