Ehering statt Tattoo

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(Jochen Wegner, Focus Online)

Da, wo sich die “Elite mit Charme“ (laut dem zweiten Festredner Werner D’Inka) versammelt, beim Herbstempfang der Frankfurter Allgemeinen im Berliner Hotel de Rome, konnte man stupende Entdeckungen machen: Mann trägt Ehering statt Tattoo.

Mit Schmuck signalisiert der zivilisierte Mann, dass er sich noch den Draht zu archaischer Wildheit bewahrt hat, dass ein Krieger in ihm steckt – allerdings in sehr gezähmter Weise. Schmuck am Mann ist in etwa so ein verschämtes Bekenntnis zum undomestizierten Barbar wie das Oberarm-Tattoo oder die einzelne Zopfsträhne an einer akkuraten Kurzhaarfrisur, die bei vielen Hippies nach ihrer gesellschaftlichen Etablierung von ihrer Matte übrig bleibt.

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(Henning Krumrey, Focus Parlamentsbüroleiter)

Als Ehering-Träger lässt Mann sich allerdings nicht so leicht in diesen kompromittierenden Sack stecken, weil der Ehering sich über seinen Schmuckwert hinaus durch seine Funktion rechtfertigt. Der wirklich clevere Mann geht also die monogame Ehe – eine äußerst unarchaische Institution – ein, um mit dem Symbol dieser Institution, dem Ring, seinen Anschluss ans archaisch Urmännliche zu signalisieren.

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(Wulf Schmiese, FAZ. Man beachte auch die Vintage-Strickkrawatte von Agnès B. und das Hemd mit dem Button-Down-Collegekragen.)

Bei einer Scheidungsrate von 50% in den ersten zwei Ehejahren beweist ein Eheringträger genauso viel Mut zum Abenteuer wie ein Tattooträger (ob die körperlichen Schmerzen beim Tattoo-Entfernen größer sind als die seelischen bei einer Scheidung, wollten wir als taktvolle Gentlemen nicht entscheiden müssen).

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(Stefan Dietrich, Chef Innenpolitik der FAZ, so subtil wie perfekt: der Bimetall-Look aus silbergrauem Haar und silberner Krawatte gegen goldenen Ring und goldenes Bier)

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