Jede Menge neue Untragbarkeiten aus Schweden

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Jan Joswig in De:Bug 118.

Patrik Söderstam gehört zu den Modedesignern, die nichts lieber als “sharp” sein wollen, denen aber immer der Schalk das Fell juckt. Gareth Pugh ist gerade der Star dieser Modeschule. Statement: ja. Tragbar: wie? Söderstam und sein Jugendfreund Mattias Norstrom trauen sich eine ganze Menge Untragbarkeiten. De:Bug traf sie beim Noovo Modefestival im spanischen Santiago De Compostela.

Der Stockholmer Patrik Söderstam schneidert Klamotten, mag aber kein Mode-Business. Er fotografiert, mag aber keine Models (außer weiblichen). Seine wichtigsten Inspirationen bekommt er, wenn er nachts besoffen in seiner Wohnung zu The Tough Alliance (TTA), der krakeeligen Jungspunde-Hoffnung mit zu viel Höhen aus Schweden, tanzt – nachdem er die Kinder ins Bett gebracht hat. Wie sein Freund Henrik Vibskov, Gareth Pugh oder auch Helle Mardahl ist er nicht so sehr an saisonalen Kollektionen und ihrer Logik interessiert als an einem künstlerischen Dazwischengrätschen, das sich von Klamotten bis zu Grafik erstreckt.

Beim Festival für Mode und Fotografie in Santiago De Compostela “Noovo“ zog er auf dem Catwalk Bilanz über sein bisheriges Schaffen mit großgepunkteten Cape-Hemden, Skelett-Bondagehosen, deformierten Masken und seinem Freund Mattias Norstrom als halbnacktem Faun mit Eier-Geweih. Mattias ist Künstler, Impressario, TTA-Fan, Besitzer einer schwulen Skateboardfirma und großer Gönner seines Heimatdorfes. Das Noovo Festival hat mit seinem Schwerpunkt auf unabhängige Designer und Fotografen, seinem Desinteresse an aktuellen Kollektionen und Verkaufsshows die beiden nach Galizien gezogen.

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Das Festival, das vom spanischen Online-Modemagazin Noovo ausgerichtet wird, will sich auf lange Sicht neben den etablierten Veranstaltungen “Festival de Mode et de Photographie“ in Hyères und dem “Festival for Fashion and Photography“ von Unit F in Wien platzieren. Die Randveranstaltungen der internationalen Mode ziehen immer mehr Interesse auf sich, gerade weil sie sich nicht so stur den Kollektions-Logiken unterwerfen wie die großen Messen in Paris, Mailand, New York. Wenn der Geist smart punkiger Trotzigkeit irgendwo fortlebt, dann bei den beiden Jugendfreunden Söderstam und Norstrom. Kein Wunder, Musik ist ihnen auch viel wichtiger als Mode.

De:Bug: Patrik, deine Oberteile sind großräumig, haben was von Harlekinen und verschlucken die Silhouette. Stellst du sexuelle Reizmuster auf den Kopf?

Patrik Söderstam: Die weiten Schnitte sollen nichts verdecken. Es geht nicht um verstecken, ganz und gar nicht. Normalerweise trage ich sie viel weiter geöffnet. Heute habe ich nur nichts drunter … Außerdem habe ich früher brutal enge Hosen geschneidert. Dazu dann voluminöse Oberteile kombiniert. Ich stehe auf Kontraste.

De:Bug: Wie die Männer in der Renaissance.

Patrik Söderstam: Ich habe auch viel mit Waden-Polsterungen gearbeitet. Erst später habe ich herausgefunden, dass Louis XIV. Waden- und Hodenpolster getragen hat.

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De:Bug: Im 19. Jahrhundert ging die Idee verloren, dass Männer sich modisch rausputzen.

Patrik Söderstam: Yeah, vorher waren wir das flamboyante Geschlecht. Jetzt ist die Lage ernst und Männer glauben, tough sein zu müssen.

Mattias Norstrom: Tough, aber trotzdem experimentell. Das ist schwierig. Man will ja kein Clown sein.

Patrik Söderstam: Ich will definitiv kein Clown sein.

De:Bug: Mode scheint Musik als das Genre abzulösen, über das man sich eine hippe Identität aufbaut.

Patrik Söderstam: Das langweilt mich. Musik ist viel wichtiger als Mode. Mode ist nur die Würze für die Musik. Nimm Tough Alliance. Sie sind gut, weil ihre Musik gut ist. Sie machen auch gute Mode, das würde aber nicht reichen.

De:Bug: In Berlin geht der Trend zu Fashion-Partys, bei denen die Musik zweitrangig ist. So lange es 80s und tanzbar ist …

Patrik Söderstam: Seit Mitte der 90er gucken wir nur zurück auf die 80er, zurück, zurück, zurück. Das ist schlecht.

De:Bug: Aber in den 80ern hatte man auch schon das 50s-Revival.

Patrik Söderstam: Klar, Malcolm McLaren orientierte sich an den Teddy Boys. Aber es kam was Neues dabei raus. Siehst du in letzter Zeit was Neues?

De:Bug: Jungs in Leggings?

Patrik Söderstam: Vielleicht. Aber wo kommt das her?

De:Bug: Louis XIV?

Patrik Söderstam: Die Hardrocker trugen immer super enge Hosen. Mitte der 90er sah ich wie ein Stricher aus. Ich trug Röhrenhosen, kurze Bomberjacke, matrosengestreiftes T-Shirt und Schuhe mit schrägem Absatz. Ich eierte durch die Straßen wie besoffen.

Mattias Norstrom: Das war zur Grunge-Zeit, als Hardrock längst durch war.

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De:Bug: Grunge hat eine Menge Spielerei in der Mode ruiniert.

Patrik Söderstam: Aber ich konnte mich auch nie für die Wiederkehr der Spielerei erwärmen. Electroclash war ein beschränktes Mode-Ding. Ich mag nur Peaches, sie ist Hardcore. New Rave hasse ich genauso wie Electroclash. Es macht mich krank, dass einige New Raver denken, ich würde zu ihnen gehören. Deshalb werde ich mich in Zukunft mehr auf Leinen konzentrieren, mehr Natur- und Öko-Zeugs machen.

De:Bug: Aber dich interessiert nicht, konfrontativ oder subversiv zu arbeiten?

Patrik Söderstam: Nein, in solchen Kategorien denke ich nicht. Dazu muss man kalkulierter vorgehen. Anne Sofie Back macht das. Sie entwirft Luxuskleider aus lausigem Material. Ich bin ein großer Fan von ihr. Auf einer Party steuerte sie mal auf meine Freundin zu und raunzte sie an: He, deine Klamotten sehen aus, als würdest du bei einer PR-Agentur arbeiten.

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De:Bug: Mattias, siehst du deine Skateboards mit Lionel-Richie- oder Errol-Flynn-Porträts als subversive Arbeit?

Mattias Norstrom: Nein, sie sind nur ein guter Witz. Skateboarding ist so eine maskuline Kultur, es war nahe liegend, sie mit einer schwulen Skate-Firma aufzumischen. Die Firma heißt “Moustache Ape”.

De:Bug: In Anlehnung an die japanische Streetwearmarke “Bathing Ape”?

Patrik Söderstam: Mattias ist in Tokio in den “Bathing Ape”-Laden gegangen und hat stolz verkündet: “I’m an ape, too.” Mattias, du hast auch diese Performance gemacht, bei der du im pinken Catsuit durch LA skatest …

Mattias Norstrom: Lustig, aber auch eine ziemlich düstere Sache. Skateboarding soll eine freie und offene Kultur sein, aber es gibt so viele Vorurteile und ungeschriebene Gesetze, die man mit ein bisschen Schwulen-Look herausfordern kann.

De:Bug: Wie in jeder Männer-dominierten Szene. Hast du bei dem Lionel-Richie-Motiv bedacht, dass es zerkratzt, wenn man mit dem Skateboard slided?

Mattias Norstrom: Ja, genauso wie bei meiner anderen Board-Serie, die Möbellackierer nach traditionellen Methoden mit floralen Motiven bemalt haben. Nach ein paar Slides sieht es fies missbraucht aus.

Patrik Söderstam: Wie Jackson Pollock auf Rädern.

Patrik, du findest Catwalks überflüssig?

Patrik Söderstam: Der einzige Grund, warum ich mich beim Noovo-Festival zu einem Catwalk breitschlagen lassen habe, waren meine Masken. Ich wollte unbedingt die Masken zeigen. Ich habe sie aus Ikea-Kisten, den dünnwandigsten, geformt, die ich mit einem Brenner angeschmolzen habe. Ich kann keine Model-Gesichter ertragen. Ich musste Models für eine Fotoserie einsetzen. Ich stopfte dem einen einen Apfel in den Mund, ließ ihn seine Augen schließen und pflanzte ihm einen Militärhelm auf seine strähnige Matte. Kennst du “Disneyland after Dark“? Eine dänische Hardrock-Band, echte Roskilde-Ausgeburten, sie müssen dort leben. Sie waren die Inspiration. Mit Mädchen ist es was anderes. Ich kann dieses Schmutziger-alter-Fotografen-Ding verstehen, die Verführung durch die Linse …

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De:Bug: Seid ihr in Schweden in eine Subkultur eingebunden?

Patrik Söderstam: Mattias veranstaltet ein Open-Air-Festival, auf ihn trifft das zu. Allerdings entscheidest du nicht selbst, underground zu sein. Die Medien ordnen dich so ein.

De:Bug: Aber du kannst dich bewusst entscheiden, nicht für Volvo zu arbeiten, zum Beispiel.

Patrik Söderstam: Klar, wir denken nicht kommerziell. Geld haben wir allerdings gerne.

De:Bug: Und das Festival?

Mattias Norstrom: Die Leute bezeichnen es als Festival. Ich sage lieber “Experience Holiday“. Es ist ein dreitägiger Urlaub in einem traditionellen Ferienpark. Seit den 80ern war er verlassen, wir bringen dort Kunst, Musik, Performance, Film zusammen, eine Menge kleiner Popup-Shows.

Patrik Söderstam: Man kann auch baden und saunen.

Mattias Norstrom: Das Gelände liegt an einem Fluss, den wir einbeziehen.

Patrik Söderstam: Mattias hat einen Strand installiert. Der Fluss hat nur ein Baumufer. Aber Mattias hat einen Truck voller Sand ankarren lassen, hunderte Tonnen Sand, und einen Palmenstrand aufgeschüttet – ohne die Stadtverwaltung zu fragen.

Mattias Norstrom: Man braucht eine Genehmigung, um das Ufer verändern zu dürfen. Ich sehe den Strand als 3D-Graffiti, nicht als ein destruktives Gekritzel, als eine Optimierung des Ortes. Auch die Bewohner des Dorfes nutzen den Strand.

Patrik Söderstam: Es ist ein winziges Dorf mit nur einer Pizzeria. Wir stammen beide daher.

Mattias Norstrom: Das Festival heißt Ganganev, die Organisation Skankaloss, “Experience Holiday with Skankaloss, Ganganev 2008“ kommt also nächstes Jahr.

De:Bug: Du hast für dein Heimatdorf schon mehr getan, als Peter Saville je für Manchester leisten wird … Konzentriert sich das Festival auf skandinavische Künstler?

Mattias Norstrom: Schweden, Dänemark, Finnland. Die Musik funktioniert, aber die anderen Aspekte brauchen noch Anschub. Ich bin kein Freund von Jonglieren … Es soll mehr Richtung Fine Arts gehen. Exklusive Sachen sind auch denkbar, ein Magier, der hinter einem Gebüsch auftaucht, was zaubert und wieder verschwindet – und nur du hast es gesehen.

Patrik Söderstam: Letztes Mal wurde gemunkelt, Rough Alliance würden spielen, eine Band, die Tough Alliance covert. Dann stellte sich heraus, dass es Mattias selbst war.

Mattias Norstrom: Ich hörte, dass sich hinterher jemand über das miese Booking aufgeregt hätte. Das ist die Freiheit, die man als Direktor eines Festivals hat …

De:Bug: Also war dein Halbnackt-Auftritt beim Noovo-Catwalk eine Rough-Alliance-Performance … Patrik, bist du am konventionellen Mode-Zirkus interessiert, Paris, Mailand, New York?

Patrik Söderstam: Nein. Ich würde nur gerne Anne Sofie Back und Vivienne Westwood sehen. Und ich stehe auf Alexander McQueen. Mattias und ich haben früher die Videos seiner ersten Fashionshows geguckt. Er hatte so viel Geschmack, wenn es um Frauen-Brüste ging. Er war so cool. Jetzt säuft er in dem Gucci-Ding ab.

Mattias Norstrom: Bei seinem ersten Interview zeigte er sich nur von hinten.

Patrik Söderstam: Er war offiziell arbeitslos gemeldet und bekam Staatsknete. Da konnte er sich schlecht als der neue Design-Star präsentieren.
Bei einer seiner Fashionshows zog er mitten im Catwalk den Stecker. Alles ging aus, Licht, Musik. So was gefällt mir.

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