Print ist Umweltverschmutzung

ifw_caps4.jpgChristoph Cadenbach in De:Bug 119.Modejournalismus ist zumeist marktschreierischer Hochglanzpomp. Das Online-Modeportal Modabot zeigt dagegen erfolgreich, wie man unaufgeregt über Fashion berichten kann. Ob diese Bescheidenheit auch bei der von Modabot ausgerufenen Internet Fashion Week funktioniert, muss die Premiere im April 2008 erst noch beweisen.Wer glaubt, der Unternehmergeist der New Economy sei längst weiter ostwärts gen Indien und China geweht, kennt Panos Destanis nicht. Der in Wiesbaden aufgewachsene Grieche – 41 Jahre alt, kräftige Statur, glatt rasiert – spricht am liebsten Business-Englisch. Jede seiner Handbewegungen ist ein Anpacken-Wollen, jeder Augenaufschlag ein Versprechen, das Risiko als Chance zu betrachten. Hier trifft überlegtes Unternehmertum auf optimistischen Größenwahn.Vor zwei Jahren hat der Wahlberliner Destanis zusammen mit drei Partnern, Teo Adebisi ist heute noch mit dabei, das Modeportal Modabot ins Web gerufen, eine Online-Plattform mit Nachrichten aus und über die Modewelt. Ankündigungen für Messen oder Schlussverkäufe stehen hier neben nett gemachten Videointerviews mit Designern und Texten, in denen sich die Autoren grundsätzliche Gedanken über die Präsentation und Möglichkeiten von Mode im Online-Medium machen. Und dies ist ganz und gar nicht selbstverständlich für eine Fashion-Website. Wer hätte gedacht, dass ein Computer-Nerd wie der Freie-Software-Papst Richard Stallman in einem Text über Mode auftaucht? Schließlich erinnert er rein ästhetisch mehr an Murat Kurnaz als an Tom Ford.panos_modabot.jpgPanos DestanisIn seinen auf Modabot veröffentlichten Texten treibt Panos Destanis diese Überhöhung voran. Darin schreibt er Sätze wie: “Das Phänomen der ‘nutzergenerierten Inhalte’ und deren allgemeine Verfügbarmachung stellt alle heutigen Paradigmen des menschlichen Zusammenlebens in Frage, ein neues Spiel beginnt“, und konstatiert weiter, dass “damit ein neues Kapitel der menschlichen Geschichte aufgeschlagen wird“. Im persönlichen Gespräch klingt Destanis ähnlich visionär, nur wirkt er dabei entspannter, weil er seine Sätze mit einem lässigen “weißte“ beendet.Gelernt hat Destanis, wie es sich für einen richtigen Start-Upper gehört, etwas ganz anderes. Er ist Arzt und kam erst über das E-Learning mit der Netzwelt in Kontakt. Und im World Wide Web ist Mode derzeit nun mal der umsatzstärkste Markt. In De:Bug 117 wurde bereits der Berliner Styleserver vorgestellt, ein Online-Shop für exklusive Designermode. Neben Modabot will Panos Destanis im April 2008 die erste “Internet Fashion Week“ ausrichten, und diese Ankündigung hat schon für reichlich Geschnatter zumindest in der Online-Modewelt gesorgt. Im Konferenzraum-Schrägstrich-Abstellkammer seines Partners Nadim Habib sprach er mit De:Bug-Redakteur Jan Joswig und Autor Christoph Cadenbach über Fashion 2.0, die Chancen einer Online-Modemesse und Unternehmergeist in Deutschland generell.De:Bug: Du kommst gerade von einem Startup-Vortrag. Wie schätzt du die Situation der Startup-Szene hier zu Lande ein?Panos Destanis: Es gibt einen Mangel an IT-Kräften. Obwohl es viele Informatiker gibt, gibt es nur wenige Leute, die es als Startup-Unternehmer wagen, auf den Markt zu gehen. Deutschland ist da tendenziell vorsichtig. Einen Unternehmergeist wie in San Fransisco gibt es hier nicht. Helmut Schmidt sagt ja immer, wie er die Amerikaner bewundert, weil sie diesen Abenteuergeist haben. In Deutschland setzen sich größtenteils nur Ideen durch, die als Kopie angelegt sind. StudiVZ ist das beste Beispiel dafür. Hier nahm man sich Facebook als Vorbild. Aber nicht nur die Macher, auch die Investoren verhalten sich so. Die deutschen Venture Capitalisten fragen sehr häufig danach: “Funktioniert das in Amerika?“De:Bug: Dein Modeportal Modabot war dagegen eine unverbrauchte Idee. Kannst du uns kurz erläutern, worum es dabei geht?Panos Destanis: Wir verstehen uns als ein Kompetenzzentrum für Mode. Eine Art Information-Hub, ein Informationsverteiler (ein Hub ist ein Knotenpunkt innerhalb eines Netzwerks, A.d.R.). Inhaltlich haben wir uns Avantgarde-Mode ausgesucht. Wir hatten damals die Wahl zwischen elektronischer Musik und Mode. Grob gibt es bei uns zwei Informationsebenen. Die eine ist selbst erstellter Content wie Texte, Fotos und Videos. Die andere sind Pressetexte, die so eingestellt werden, wie sie bei uns aufgelaufen sind. Allerdings filtern wir die Texte. Veröffentlicht wird nur das, von dem wir denken, dass es relevant ist. Wir wählen aus und gewichten. Das entspricht eigentlich nicht der Funktionsweise eines “bots“, eines Computerprogramms also, wie es im Namen Modabot vorkommt. Ein “bot“ geht normalerweise nicht diskriminierend vor, stellt also sämtliche Inhalte ein. Um die beiden Informationsebenen dem User klar zu machen, verweisen wir bei jedem Text unterhalb der Titelzeile darauf, ob es ein von Modabot geschriebener Text ist oder ein Press-Release.De:Bug: In deinen Texten schreibst du öfter über die Freie-Software-Bewegung rund um deren Gründervater Richard Stallman und den Entwickler des Betriebssystems Linux, Linus Torvalds. Deren Idee war es ja, gerade keine Restriktionen innerhalb der Informationsübertragung mehr zu implementieren. In ihrem Fall bedeutete das unter anderem die Offenlegung des Quellcodes von Computerprogrammen. Wäre es bei Modabot also nicht sinnvoll, auf die selektierende, redaktionelle Kontrollinstanz zu verzichten und sämtliche Pressetexte zu veröffentlichen?Panos Destanis: Das ist eine philosophische Frage. Es ist beispielsweise im Konkreten die Frage zwischen Iqons (eine Art MySpace für Modejunkies, A.d.R.) und Modabot. Das soll nicht kämpferisch klingen, aber es sind zwei wichtige Paradigmen des Netzes, die sich hier gegenüber stehen. Auf der einen Seite das “Maschinelle“ wie bei Iqons, wo jeder User Texte und Bilder ungefiltert einstellen kann, auf der anderen der gelenkte Informationsstrom wie bei uns. Auch Linux hat in Linus Torvalds einen Chefentwickler, einen Spiritus Rector. Wenn man sich offene Plattformen anschaut, ist etwas interessant: User Generated Content hat nur bedingt eine inhaltliche Richtung, relevante Entwicklungen können abgebildet werden, oder aber auch nicht.Neulich hat Iqons TV einen Aufruf gestartet, ob nicht User Lust hätten, als Videoreporter bei der London Fashion Week dabei zu sein. Was bedeutete das im Umkehrschluss? Dass die Selbstorganisation nicht ausreichend war, ein Ereignis systematisch – und darum muss es gehen – zu thematisieren, es benötigte einen Impuls.Der Vorteil von Iqons ist natürlich die Offenheit der Plattform, die Unerwartetes, Kontraintuitives, befördern kann und stark an der Kommunikation der User orientiert ist. Wir haben von Anfang an gewusst, dass mechanische Tools an den richtigen Stellen sehr viel Sinn machen und werden in Zukunft einige interessante Entwicklungen vorstellen, trotzdem möchten wir eine gewisse Richtung vorgeben. Wir sind eine unaufdringliche Modeplattform mit einer bescheidenen Meinung.De:Bug: Ihr beschreibt euch selbst als Nachrichtenagentur für Avantgarde-Mode. Ist der Name nicht ein bisschen begriffsinflationär?Panos Destanis: Natürlich ist das hoch gegriffen, wenn man sich Modabot anschaut. Wir sind nicht Reuters oder dpa. Manchmal schon, aber nicht immer. Der Witz daran ist, dass du mit dem Begriff Nachrichtenagentur bestimmte Implikationen evozierst. Die Bezeichnung Avantgarde-Mode ist natürlich ein bisschen schwammig. Letztendlich ist es eine sehr subjektive Entscheidung, was in unseren Bereich fällt und was nicht.De:Bug: Wie viele Menschen lesen euch?Panos Destanis: Wir haben rund 2.500 Besucher pro Tag und im Schnitt schaut sich jeder Besucher 2,4 Seiten an. Umfragen haben ergeben, dass die meisten Leser alle drei bis fünf Tage auf unsere Seite kommen.De:Bug: Und finanziell? Verdient Ihr Geld mit Modabot.Panos Destanis: Im Internet Geld mit Informationsprodukten zu verdienen, ist problematisch. Ich habe mal mit der Herausgeberin eines bekannten Magazins geredet. Sie sagte, der wichtigste Grund, warum sie nicht mehr Geld in ihren Online-Auftritt investieren, sei die Aussichtslosigkeit. Sie wüssten nicht, wie sie das Geld zurückbekommen sollen. Irgendwo ist bestimmt jemand, der viel Geld verdient. Wir sind es noch nicht.De:Bug: Du hast eingangs gesagt, ihr hättet die Entscheidung zwischen elektronischer Musik und Mode gehabt. Warum dann Mode?Panos Destanis: Weil eine ehemalige Partnerin bei Modabot, Ariane Schmidtmann, Modedesignerin ist. Ich habe aufgelegt in Berlin, ich wäre sehr gut klargekommen mit elektronischer Musik, aber Mode ist definitiv ein interessantes Thema.De:Bug: Wo hast du aufgelegt?Panos Destanis: In der Schnabelbar, Tresor, Lore, Delicious Doughnuts und im Yaam, etwa von 1997 bis 2001. Ich habe zwei Namen gehabt. Deffen war für elektronische Musik und Floyd für schwarze Musik. Vor Modabot hatte ich auch mal eine Website, auf der ich elektronische Musik besprochen habe. Sono51 hieß die, ist aber heute Offline. Die wurde sogar mal in der De:Bug besprochen.

Online versus Print

De:Bug: Zurück zur Mode. Das Fashion-Business funktioniert oft nach dem Ausschlussprinzip – nicht jeder darf mitmachen. Das fängt schon bei Magazinen an, die ja oftmals sehr teuer und nicht überall zu haben sind. Ist der Exklusivitätsgedanke der Modewelt nicht etwas, dass der Verfügbarkeit des Internets entgegensteht?Panos Destanis: Ich sehe das Problem, aber ich sehe es anders. Das Style-Magazin könnte im Endeffekt auch jeder kaufen. Und das ist im Grunde übertragbar auf das Netz, denn der Witz ist ja nicht, dass im Netz alles verfügbar ist, sondern dass du nicht weißt, wo du hingehen sollst. Früher hatten wir eine “economy of scarcity“ (Knappheit, A.d.R.), heute eine “economy of abundance“ (Überfluss). Bei scarcity war die Frage, wie bringen wir unsere Zeitschrift genau dahin, wo die Leute sie lesen wollen, also ein Vertriebsproblem. Heute geht es darum, wie machen wir auf uns aufmerksam.De:Bug: Gibt es eine Website, die einem Coffeetable-Magazin entspricht?Panos Destanis: Beispielsweise Fashion156 oder das hintmag. Aber sich einen Status zu erarbeiten, ist Online sicherlich eine große Herausforderung. Prinzipiell glaube ich aber, dass man auch Online branden kann.De:Bug: Was sind die Nachteile des Mediums Print?Panos Destanis: Erstens ist Print vergänglicher. Wenn du eine Zeitschrift gelesen hast, legst du sie weg und das war’s. Online-Artikel können dagegen sehr einfach archiviert werden. Zweitens ist Print Umweltverschmutzung, dass soll jetzt gar nicht heroisch klingen. Und drittens, “Rich Media“ geht nicht im Print. All das, was mit Dynamik zu tun hat, haut nicht hin. Modabot hat von Anfang an Videos eingebunden. Das war in Deutschland für eine Mode-Website ein “USP“, ein Alleinstellungsmerkmal. Wir haben von Anfang an die coolsten Leute vor die Kamera gekriegt, obwohl uns niemand kannte und wir keinen Namen hatten. Bei der Mercedes Benz Fashion Week im Sommer 2007 wurde Modabot durchgewinkt. Wir haben den damaligen Berliner Wirtschaftssenator Harald Wolf interviewt, den Karstadt-Chef Peter Wolf und Fern Mallis, einen der Köpfe von IMG.De:Bug: Die Leute haben “Nachrichtenagentur für Avantgarde Mode“ gehört und sind sofort darauf angesprungen?Panos Destanis: Ja genau! Auch die Designer waren sofort offen für Interviews. Von Wedel & Tiedeken zum Beispiel, die in der deutschen Modeszene echt mal was bedeuten. Außerhalb des Print-Bereichs spricht aber niemand mit ihnen. Lifestyle-Formate beim ZDF zeigen lieber zum zigsten Mal Lindsay Lohan oder was Angelina jetzt trägt.De:Bug: Aber viele Blogger haben doch noch immer Schwierigkeiten, einen Fuß in die Tür zu bekommen.Panos Destanis: Größtenteils schon. In Frankreich hat neulich Chanel ein paar Blogger wie Susie Bubble eingeladen. Die durften zwar nur am Parfüm schnuppern, aber immerhin. Wir haben den Vorteil, dass wir nicht als Einzelperson, sondern als Nachrichtenagentur auftreten. Wir sind institutionalisiert.De:Bug: Bisher haben die beiden hochnäsigen Kulturen Kunst und Designermode im Netz total versagt. Internetkunst ist am Markt weitestgehend vorbeigegangen und in der Mode verbarrikadiert man sich hinter Flash-Websites. Stimmt diese Polemik?Panos Destanis: Das Problem dieser und anderer Branchen ist die Schwierigkeit, die volle Kontrolle über das Präsentationsumfeld zu behalten, was sich auf der low-level Ebene beispielsweise in der Diskussion “Flash versus html” ausdrückt. Dieses Problem kann nicht auf die altbewährte Weise gelöst werden, und ich denke, dass die Akteure sich auf das Medium Internet auf eine innovative Art und Weise werden einlassen müssen, ganz besonders in der Ära von embedded content, widgets und den social networks, in denen sich Leute ihre Inhalte selbst zusammensuchen.

Internet Fashion Week

De:Bug: Spätestens im Frühjahr 2008 wird das Problem, Mode Online ansprechend zu präsentieren, auf Panos Destanis und seinen Art Direktor Nadim Habib zurückkommen. Dann, im April, soll die erste Internet Fashion Week auf den Bildschirmen flimmern. Der griffige Name hat sich in der Netzwelt bereits herumgesprochen und es durfte spekuliert werden. Star-Mode-Bloggerin Susie Bubble fabulierte von Echtzeit-Übertragungen der Fashion Weeks in New York oder Paris und schlüpfrigen Backstage-Reportagen. Zeit, den Macher höchst persönlich zu fragen. Wie sieht er nun aus, der Online-Catwalk?Panos Destanis: Zuerst einmal wollen wir eigene Schauen initiieren. Das sind Laufstege, ohne Zuschauer, inszeniert für das Netz. Die Schauen sollen von Filmemachern ästhetisch ansprechend und netzspezifisch dokumentiert werden. Verschiedene Kameraperspektiven sind denkbar. Die Kamera könnte die Models beispielsweise begleiten. Der User soll dann die Möglichkeit haben, zwischen den unterschiedlichen Perspektiven zu wählen. Auch 360-Grad-Views oder Zoom-Funktionen sind denkbar. Echtzeit-Übertragungen von Schauen in Paris, New York oder London wären zwar fantastisch, aber das dauert wohl noch eine Weile (lacht). Dazu brauchen wir erst einen Namen und eine nachhaltige Finanzierung, für die wir derzeit Partner suchen.De:Bug: Modenschauen sind Zeremonien. Wie wollt ihr den Glamour transportieren?Panos Destanis: Wir denken intensiv darüber nach.De:Bug: Und die Exklusivität? Für einige Modeblogs muss man bereits Geld bezahlen. Wollt auch ihr euren Zugang beschränken?Panos Destanis: Nein, initial nicht. Ich möchte nicht, dass es am Ende eine kleine geschlossene Veranstaltung ist. Wie bei Modabot sehen wir uns auch hier als Information-Hub. Sogar als internationalen Information-Hub. Ich würde mir wünschen, dass wir irgendwann die gesamte Bandbreite internationaler Mode abbilden, zum Beispiel auch chinesische und japanische Mode.De:Bug: Zum Ende jetzt noch einmal so richtig serviceorientiert für den Leser. Welche Modeblogs kannst du empfehlen?Panos Destanis: Ich lese sehr viele Modeblogs, unter anderen “Mode et Utopie“, “business of fashion“, “coutorture“ und den Blog von Susie Bubble. Mir gefallen Blogs, die einen guten Stil und eine attitude haben.De:Bug: Was hältst du von der neuen Mode-Community Ilikemystyle, die vom deutschen Journalisten Adriano Sack gegründet worden ist?Panos Destanis: Die Idee, Fotos von sich ins Netz zu stellen und von anderen Usern seinen Style bewerten zu lassen, ist schon ein wenig abgearbeitet. Aber Ilikemystyle hat es geschafft, dieses klassische Community-Konzept mit einer neuen, sehr gelungenen Ästhetik zu verbinden.De:Bug: Ganz andere Frage. Du hast Medizin studiert und schreibst neben dem ganzen New-Economy-Kram noch an deiner Doktorarbeit. Was ist das Thema?Panos Destanis: Ich habe zwei Trainingsprogramme auf ihre Tauglichkeit hin untersucht, Beschwerden im Schulternackenbereich zu lindern. Schulternackenbeschwerden haben vor allem Menschen, die lange vor dem Computerbildschirm sitzen.

About The Author

Cloud Computing in Wolkenkuckucksheim!

One Response

  1. shoes

    You are actually a good webmaster. The site loading speed is incredible. It seems that you are doing any distinctive trick. Also, The contents are masterwork. you’ve performed a wonderful task in this subject!