Die gut abgehangene Nachlese


Mode muss sich setzen. Das ist nichts für mal schnell schnell und zwischendurch – wie Medienkunst zum Beispiel. Über die Transmediale kann man fast in Echtzeit berichten. Aber die vergangene ”Berlin Fashion Week“ braucht ihre Zeit zum Setzen. (Oder habt ihr auf der Transmediale etwa einen Iro-Punk mit Böhse-Onkelz-Aufnäher gesehen? Eben, Mode ist halt viel brisanter.) Eine Woche, nachdem der letzte Laufsteg und der letzte Showroom hochgeklappt wurden, kommt hier also das Fazit, aus dem ihr für das nächste Jahr schöpfen könnt. Die Knallererkenntnis: Die Jeans geht unter. In zwei Jahren wird sie (für eine Saison) das peinlichste Kleidungsstück überhaupt sein. Die Stände der großen Jeanser auf der Bread&Butter-Messe sahen aus wie die Lieblingskneipen von Prügel-Bruno aus der Muckibude. ”Waschungen“ klingt auch nur noch so wie Ballonseide. Die kleinen skandinavischen Jeansmarken wie Acne, Nudie, Cheap Monday bereiten mit ihren noblen, 60s-ausgerichteten Röhrenjeansen ohne Schnickschnack in ”cleaner Optik“ den Übergang von der dezenten Jeans zur nicht vorhandenen Jeans vor. Wer’s nicht glaubt, soll sich in zwei Jahren noch mal melden. Alle Streetwear-Marken wollen jetzt aussehen wie altbritische Traditionsfirmen mit Salon-Anschluss. Warum dann nicht gleich auf die altbritischen Traditionsmarken zurückgreifen? Burlington, Burberry’s, Barbour, Clarks … Vorteil: Die Marken selbst wissen noch nichts davon. Mit durchgedrücktem Rücken sitzen wird einer der Distinktionspunkte 2006 werden. Auf den großen Messen B&B und Premium sieht man nicht den heißen Scheiß von morgen, sondern den lauen Scheiß von gestern, der einem als der heiße Scheiß von übermorgen verkauft werden soll. Das steckt in der Logik eines Marktes, dessen Produktion ein Jahr Vorlauf hat. Ausnahme: der BBBStudio-Bereich auf der B&B, der kleine forsche Designer/innen wie Penkov, Kaviar Gauche oder Thorleiff vorstellt. Eine Ahnung vom heißen Scheiß von morgen bekommt man ansonsten eher auf den begleitenden Veranstaltungen wie Berlinerklamotten, Beck’s Fashion Show und Ideal Fashion Show. Wir ahnen noch gar nicht, wie wir aussehen werden. Das ist die Überraschung, auf die man hofft. Im temporären Berlinerklamotten-Laden auf der Karl-Marx-Allee wollen die lokalen Jungdesigner/innen sich darin übertreffen, ihre Punkwurzeln so zu sublimieren, dass sie auch in die Staatsoper passen. Das wird immer schicker, bleibt aber sympathisch und interessiert auch die Kuratorin der Pariser Messe ”Who’s Next“. Das Modedesign ein Spiel mit Unmöglichkeiten sein kann, die genauso sehr Statement wie tragbar sind, zeigten die Shows von Beck’s und Ideal. Bei der Beck’s-Show mit souverän zurückgenommenem Marken-Branding waren die Patchworkkleider aus Grobstrick von Marlis Candinas erst der große Lacher, dann hatte man’s begriffen und wurde ehrfürchtig. Dean&Tyler hingegen murksen an 60s-Smartness rum und achten nicht mal darauf, dass der Hemdkragen zum Sakkorevers passt. Borroughs sagte: ”Ein Anzug braucht nicht teuer zu sein, aber er muss gut sitzen.“ Die Ideal Show war nicht nur der zeitlich letzte Termin, sondern auch der krönende Abschluss. Die Modelauswahl schwankte zwar zwischen Charaktertypen und grauer Alltäglichkeit, aber vor allem die Kollektionen von Wendy&Jim, C.Neeon und Henrik Vibskov (und die Latexstrumpfpuschen von Postweiler Hauber) zeigten mal wieder, wie sehr man mit Spaß an Kostümierungen, Verschiebungen und buntem Schabernack die Mode aus dem banal Schönen herausholen kann, ohne wie ein Clown auszusehen. Heute Wagnis, morgen Klassiker. Allgemein wird es weiterhin gediegener, man hört immer öfter den Namen von Cary Grant statt von Cyndi Lauper. Mode als Charaktertest: Mit der verschärften Gediegenheit zeigt sich, wer eine echte Krämerseele ist, denn hinter wildem Flippie-80s-Plunder kann sich niemand mehr verstecken. ideal becks berlinerklamotten breadandbutter premium

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Elektronische Lebensaspekte.