Trotz Abbruch: Schöne Shows gab es zuhauf

Freitagnachmittag am Flughafen Tempelhof: Die Popkomm wird gerade abgebaut, nebenan beginnt das Festival. Um 16.15 steht bereits der erste Programmhöhepunkt an, aber keiner weiß es: Amiina, mit Betonung auf dem A, wahlweise bekannt geworden als “das Streichquartett von Sigur Rós” oder “die Band mit der Säge”, präsentieren Songs von ihrem kommenden Album “Puzzle”.

Die vier Isländerinnen sind jetzt zu sechst unterwegs, neu sind ein Schlagzeuger und einen Herr am Laptop, der für die Samples zuständig ist. Ansonsten bauen die Songs auf das gewohnte Amiina-Instrumentarium: Xylophon, Violine, die Säge natürlich, Akkordeon, Glöckchen und die bewährte Tischharfe mit dem kurzen Sustain. Die Band hat sichtlich Freude am Spiel, es wird reihum geschmunzelt und gescherzt, die Sägerin mit der Geigerin, der Drummer mit dem Elektroniker, sowieso spielt jeder alles. Die Zeit geht viel zu schnell vorbei. Der letzte Song beginnt wie ein Stück der frühen Under Byen und gewinnt eine fast Mogwai’sche Dynamik, die man so von Amiina gar nicht kennt. Sie steht ihnen ganz wunderbar. Der Wind treibt den Nebel über die Bühne, alle sind glücklich.

Und wie schick das Publikum wieder ist: Nylons, Lederschuhe ohne Socken und hochgekrempelte Hosen, so weit das Auge reicht. Ein paar Skandinavier haben sich besonders fein gemacht und halten nervös nach Modebloggern Ausschau. Zwei Typen schmieren sich gegenseitig Glitzer ins Gesicht. Um 19.45 spielt Zola Jesus in Hangar 5, sie hat zwei Lederjacken mit Keyboards dabei. Ihre Show wirkt energisch, aber etwas beliebig. Liegt es an der Bühne? Am Slot? Nika hat Durst. Ihre Stimme ist ein bisschen trocken, der Sound einen Tick zu laut. Irgendwann fährt ein gellender Schrei durch die Boxen, die Gesichter ziehen sich zusammen. “Die Clubshows sind bestimmt besser”, schreit einer seinem Nachbarn ins Ohr.

Ärgerlich: Von fünf Schleusen vor Hangar 5 führt nach dem Konzert nur eine nach draußen. Dass die Crowd Control so nicht ewig funktionieren wird, dürfte auch den Crowd Controllern klar sein. In Hangar 4 drücken sich derweil die Furzbässe von Goose durch die Reihen, danach spielt Robyn eine saubere Popshow. An der Mainstage folgen LCD Soundsystem und die Editors. Vorteil: Die Kloschlangen sind jetzt sehr kurz. Wer nicht gerade bei den Editors mitklatscht, vertreibt sich die Zeit bei der Pariser Institution Herman Dune. Viele warten auf Fever Ray, einige zu lang: An Hangar 4 ist Einlassstopp.

Die Show hat es traditionell in sich. Fever Ray starten nicht, wie im vergangenen Jahr, mit “If I Had A Heart”, sondern mit “Triangle Walks”. Neue Setlist, bewährtes Konzept: Zwei dicke, grüne Laser-Stielaugen starren über das Publikum hinweg, fächern sich auf und bilden eine zweite Decke in der vernebelten Halle, schließlich laufen blaue Wellen durch die Fläche. Dann folgen geometrische Figuren, auf der Bühne werden alte Schirmlampen im Takt der Samples getriggert. Zwischen den Leuchtquallen: Schamanin Karin Dreijer Andersson und ihre maskierten Kollegen Nosferatu und Gollum. Nein, im Ernst: Fever Ray zu toppen ist schwer, das weiß die ganze Halle. Was wohl aus Peaches’ Lasershow morgen wird?

Es ist jetzt ein Uhr, Atari Teenage Riot prügeln Hangar 4 mit Breakbeats und verzerrter Bassdrum windelweich, das Dauer-Strobo gibt den Leuten den Rest. Alec Empire und Nic Endo schreien sich die Seele aus dem Leib, für den verstorbenen Carl Crack steht CS Kidtronic aus Brooklyn am Mic. Das Konzert ist Alec wichtig, sagt er, zum ersten Mal seit elf Jahren tritt die Band in Berlin auf. Das letzte Konzert auf einer Demo gegen die deutsche Intervention im Kosovo-Konflikt endete in einer Straßenschlacht mit der Polizei und mit der Verhaftung der Band. Auch 2010 scheißen Alec und Co. auf die Staatsgewalt: “Burn, Berlin, Burn”, “Deutschland Has Gotta Die”, “Start The Riot” sind Programmklassiker. 50 Meter weiter stehen ein paar Polizisten in Kampfanzügen vor der Schleuse.

Nach zehn Stunden Festival geht es erst mal nach Hause. 2manydjs und Fatboy Slim stehen noch an, aber man kann nicht alles haben. Tatsächlich beenden die Veranstalter das Festival um halb 3, die Situation vor Hangar 4 drohte aus dem Ruder zu laufen. Wie erwartet waren die Schleusen doof geplant und die Traube zu groß. Das Problem: Kein Einlass für die hinteren Massen, kein Fluchtweg für die vorderen. Die Stimmung ist am Samstag entsprechend gedrückt, der neue Timetable wird bereits vor dem Eingang verteilt. Viele Acts sind rausgeflogen, alle Bühnen schließen um 23 Uhr, der Rest wird irgendwann nachgeholt. Viele haben weite Anreisen in Kauf genommen.

Es sollte nicht die letzte Panne bleiben. Um 19 Uhr spielt Neon Indian, oder auch nicht. Aufgrund von “weird transformer/synth interaction issues” kommt die Chillwave mit 40 Minuten Verspätung, immerhin reicht es noch für “Mind, Drips”, “Should Have Taken Acid With You” und “Ephemeral Artery”. Dann ist Schluss. Alan Palomo, sichtlich ungechillt, entschuldigt sich beim Publikum und hofft, er könne am gleichen Abend noch ein paar Lieder nachliefern. Daraus wird nichts. Auf der Hauptbühne steht jetzt Alex Ridha hinter einem Boys-Noize-Pult, eingerahmt von zwei Boys-Noize-Stellwänden. Die mutmaßliche Zehn-Millionen-Watt-Lichtanlage taucht das Publikum abwechselnd in Weiß und Rot, Ridha bläht der Crowd kaputtgezerrte Bässe ins Ohr. Party like it’s 2008!

Nebenan hat sich Peaches die Laser von Karin Dreijer Andersson ausgeliehen und beschert dem Berliner Publikum ein besonderes Heimspiel. Der Funke springt nicht sofort über, schließlich hat man Laserflächen schon am Vorabend gesehen, und nicht alle von Peaches’ Tracks sind für große Hallen gemacht. Dann taut die Masse auf, Peaches zieht sich einen Spiegelanzug an, richtet alle Laser auf sich selbst und tanzt, als ob keiner zuguckt. Das wirkt.

Zurück an der Hauptbühne verklingen noch die letzten Töne von Hot Chip, dann ist Schluss. Gerüchten zufolge scheppert es in den ersten Reihen – bei der Anlage eigentlich unvorstellbar. Fazit? Gemischt. Starkes Line-Up, starke Technik. Blöde Planung, übertriebene Lösung? Vielleicht relativiert sich der Frust, wenn man bedenkt, was alles hätte passieren können. Das mit der Kohle muss man jetzt irgendwie regeln. Letztes Jahr war’s der Sound, dieses Jahr die Sicherheit. 2011 wird alles perfekt, ganz sicher.

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6 Responses

  1. jorren

    “Ein paar Skandinavier haben sich besonders fein gemacht und halten nervös nach Modebloggern Ausschau.”

    Mitte-Skandinavier oder Neuköln-Skandinavier?

  2. Henry Chinaski

    Fand es dieses Jahr wirklich eher peinlich.

    Caribou extra vorzeitig abgebrochen damit 2manydjs gesichtet werden kann, dann irgendwie vordere Reihe und irgendsone KrawallBrüder auf der Bühne mit Mics und DJ Choreographie.
    Abbruch und aus.
    Die Mainstage Anlage hat nicht nur gescheppert! Soulwax gingen zum Glück noch gut, aber Boyze Noize war recht ermüdent! Totkomprimierter Bass Matsch.

    Die Leute recht entspannt und besonnen.

    Die Planung dumm und abzocke pur. Hunderte bleiben nach dem aus der Mainstage immer außen vor.

  3. mario

    große veranstaltungen sind immer dumm

  4. Gordi

    Das sind doch die Veranstalter die auch das Melt machen, oder?
    Da kanns ja nur scheisse werden….