Wir waren da! Feine Sache.

Fast hätten sie geschafft ein Phänomen zu kreieren, das man sonst nur von klassischen Klavierkonzerten oder Kammerorchestern kennt: im grossen Saal der Berliner Volksbühne eine derartige Intimität herzustellen, dass der zartbesaitetere Teil des Publikums (mich eingeschlossen) sich heimlich die Tränen trocknet. Aber dafür sind Efterklang dann doch zu sehr Rockband. Auf Momente der absoluten Präzision folgte spontan improvisierte Klangforschung, so dass sich das Publikum nie ganz sicher sein konnte, ob es sich als Zeuge einer ehrlichen Neubauten-Hommage oder eines abgekarteten Spiels fühlen sollte.

Doch zurück zum Anfang: Peter Broderick, der später auch Teil des Efterklang Bühnen-Ensembles werden sollte, improvisierte seine wunderbar schräge Version des klassisch ausgebildeten Musikers, der mit abgeschnittenen Handschuhen in der U-Bahn sein Genie verschwendet. Vorher hatte die Glocke geklingelt. Die Theaterglocke: Hinsetzen bitte jetzt, der Mann da vorne macht seinen Mund auf: einfach so. Heraus kommt etwas Wunderbares, wenn auch mit Texten, die nicht jedermanns Humor treffen, so wie das eigene Tagebuch aus der ersten Klasse, das inklusive Furzwitz zu Geigenklängen vorgetragen wird. Dann wieder spielt das Multitalent via Looppedals mehrere Instrumente gleichzeitig, overdubt seinen eigenen Gesang, und man fragt sich leise ob Jamie Lidell doch nicht der erste war, der seine Live Performances so gestaltet hat. Das junge Publikum weiss dann auch den ein oder anderen Geniestreich nicht genug zu schätzen und endlich geht das Putzlicht aus.

Nach dem nächsten Klingeln ertönen die ersten Klänge von „Hollow Mountain“. Der ausverkaufte Saal füllt sich mit den in absoluter Perfektion vorgetragenen ersten drei Tracks des neuen Albums „Piramida“. Danach entführt die Setlist in vergangene Platten und langsam löst sich auf der Bühne die Struktur und vielleicht auch die Anspannung. Die in Berlin lebende dänische Band hat Respekt vor dem Ort und es ist erst das sechste Konzert dieser Tour. Vielleicht wähnt man die Kritiker nach dieser absoluten Glanzleistung – ohne ein einziges wehendes Haar – auf seiner Seite.

Die ersten Bits von Improvisation lockern auch die Atmosphäre im Publikum, spätestens als der neue Tourdrummer, nachdem er einigen Topfdeckeln wahrlich zarte Klänge entlockt hat, anfängt mit seinen Becken zu schmeissen, hat sich Efterklang die Herzen der Zuhörenden erobert. Und als dann die ersten Töne von „The Ghost“ erklingen wird es zum ersten Mal etwas lauter im Saal. Das Stück, das durch seine erste Performance im Sydney Opera House schon vor Release der Platte im Internet kursierte, verliert all seine Steifheit und jegliche Anmutung von Koloratursoli, als die Neonröhren anspringen, Peter Broderick als Zombie über die Bühne pest und Bassist Rasmus tatsächlich anfängt zu moshen. Ein solches Mikroelement von Punk hätte keines der letzten Stücke vermuten lassen. Der erste Höhepunkt des Abends ist geschaffen, weiter im Geschehen.
Als nächster Programmpunkt „Between the Walls“ – das in einem Neil Young-artigen Interlude endet, welches sich mittels schleichender Variation in Ligety-eske Klangforschung verwandelt, und während Katinka Vindelev ihre Opernstimme in Flächensounds verwandelt, wird auf alles mögliche eingedroschen was sich auf der Bühne so befindet, die Saiten der Violine geschrubbt und Sänger Caspar fängt an nicht nur Klänge sondern auch die Bühnenleitern zu erforschen. Beim Klettern hat natürlich auch er Schlagwerk dabei und singt im Wechsel mit Peter eine Ode an die Leiter, dass sie ihn doch halten möge.

Die nächsten Stücke übernehmen das Improvisationsmoment und endlich darf auch der Fehler als Klang gelten. Das Aufbrechen der Stücke hat zur Folge, dass man nicht nur einen Einblick in das Know-how der Musiker bekommt sondern auch das Publikum endlich aufsteht, während Casper über Stühle klettert und zu „Dreams Today“ anfängt auf einem zu hüpfen. Das ist die Dekonstruktion von Rock&Roll in Neuer Musik – Steve Reich meets Talking Heads. Aus der perfekten Beherrschung jeder Mikrosekunde schält sich ein “unplugged-happening”. Die Zugabe besteht aus einem Besen, der die Bühne und später auch das Schlagzeug schrubbt, einer Kinderorgel und mit den Füßen getretenen Rhythmen, aus denen sich ohne jegliche Mikrofonverstärkung zusammengesetzte Vocal-Fetzen herausschälen.

Ganz am Ende findet man sich noch einmal elektronisch zusammen und setzt mit „Modern Drift“ und „Monument“ die letzten Highlights des Abends für das beschwingt stehende Publikum, das Zeuge einer einzigartigen Erfahrung geworden ist. Der Genius der Musiker und ihre Liebe zu ihrem eigenen Tun wurde nicht beschworen sondern manifestiert. Die Frage nach Kalkül stellt sich nur ganz wenigen. Alle anderen gehen zufrieden nach Hause, denn sie waren dabei wie ein Haufen Menschen zusammengekommen sind und irgendwie live in Efterklangs Proberaum gesessen haben, in dem jede Jam-Session auf Anhieb sitzt. Weil alle ihre Instrumente so beherrschen, dass man das Gefühl bekommt, sie würden ihren Kindern ein Schlaflied spielen. Und alle sind eine große Familie, die sich morgens manchmal statt mit Croissants, mit einem improvisierten Schlagzeug aus Topfdeckeln begrüßt. Wenn das jetzt ironisch klingt, dann trifft es nicht den richtigen Ton. Denn es war ganz schön romantisch.

Text: Johanna Grabsch
Fotos: Lisanne Schulze