Aber echt richtig nett...

Es weihnachtet gar sehr dieser Tage, offensichtlich. Vielleicht ist das der Grund, warum beim Auftaktkonzert des dreitägigen Apparat-Marathons im HAU 2 keiner so richtig in Tanzlaune scheint. Die vordersten Reihen vielleicht, und ganz sicher die betrunkene junge Dame, die aussieht als absolviere sie derzeit eine Ausbildung zur Bibliothekarin, zur Feier des Tages aber mal die Overknee-Stiefel über die Jeans gezogen und sich jetzt gerade zentral vor der Bühne platziert hat. Da vollführt sie nun unter den treuen Augen von Sascha Ring ein paar Bewegungen, die einem Stripclub vielleicht doch besser zu Gesicht stünden als diesem Theater hier und zwischendurch gluckst sie vergnügt ihre Begleitung an: “Ich bin ja soooo betrunken, whooo!!!“ Nach einem Sigur-Rós-artigen Intro lächelt Sascha ob des aufbrausenden Applauses sein Publikum mit einer Mischung aus überglücklich und überfordert an und wünscht jetzt erstmal allen eine frohe Weihnacht. Jaja, der Sascha ist schon echt ein Netter, so viel ist mal sicher.

Die Sigur-Rós-Reminiszenzen gehen weiter, nun mit “Arcadia“ vom 2007er Shitkatapult-Album “Walls“. Damals war Apparat zwar noch nicht als Band unterwegs, Geklampfe und Fistelgesang wurden aber trotzdem schon gern mal verwendet. Super-kuschelig ist das alles und wie gesagt vorweihnachtlich, aber basst halt nicht. Der Glühlämpchen-Stage-Dekor gibt sich derweil alle Mühe, vom kalt leuchtenden Laptop-Apfel abzulenken. Das MacBook Pro steht ganz vorn auf der Bühne, direkt neben Sascha, und scheint leise sowas wie “never forget where you come from“ zu flüstern. Anerkennendes Kopfnicken begleitet den Beat, mehr Bewegung lässt sich das in dicke Pullover eingepackte Publikum aber noch immer nicht entlocken, auch nicht, als Apparat mit “Song of Los“ den ersten Hit vom diesjährigen Überalbum “Devil‘s Walk“ auspacken. Irgendwann gesellt sich dann endlich auch ein Bassist auf der Bühne dazu und nach einem kurzen Gruß an die Kumpels von Modeselektor versucht die so aufgestockte Band auch die hinteren Reihen mit dem Moderat-Schlager “Rusty Nails“ endlich mal dazu zu bringen, die Füße zu bewegen. Klappt leider trotzdem nicht. Noch ein, zwei intendierte Tanznummern, dann ist es Zeit, die Streicher auf die Bühne zu holen.

“Ach du Scheiße“, denkt man sich beim Anblick von Cellist und Geiger natürlich erstmal. Das könnte nun wirklich ziemlich nach hinten losgehen und weil Fremdschämen sich blöd anfühlt, wäre draußen Bier holen jetzt vielleicht eine gute Option. Überraschenderweise geht das mit den Streichern dann aber doch gut, auch ohne Bier. Es geht sogar so gut, dass man Sascha Ring innerlich glatt ein bisschen gratulieren will. Tanzmusik mit Streichern, das kennt man ja sonst nur aus dem amerikanischen Süden oder den Siebzigern. Apparat meistert diese selbstauferlegte Herausforderung jedoch ohne in Trash, Schnulz oder schnulzigen Trash zu verfallen. Gut beraten ist, wer aufhört, sich über die stocksteifen Menschen hinten im Saal zu wundern und sich stattdessen die nächsten paar Songs über auf die wummernden Bässe einlässt, die gerade den Fußboden in eine Waschmaschine im Schleudergang verwandeln. Am Ende stellt Sascha noch schnell die Band vor, den Ton-Mann, den anderen Ton-Mann, die Beleuchter, den Tourmanager… Als Zugabe wird die obligatorische Schmuse-Single “Black Water“ rausgeholt und als Zugabe der Zugabe kommt dann auch noch Soap&Skin auf die Bühne, sagt kurz “Hallo“ und singt dann “Goodbye“.
Hätte das Konzert ein bisschen früher Fahrt aufgenommen, es wäre wohl ein grandioser Abend geworden. So war er wie Sascha Ring selbst – einfach nur richtig nett.

5 Responses

  1. leakb

    Als wir um 20.30 kamen, war die Supportband auf jeden Fall schon in vollem Gange.

  2. gerd

    Der Autor dieses Beitrags kommt wohl nicht darüber hinweg, dass Apparat einfach nicht mehr dancy Musik machen will (zumindest mit seinem Bandprojekt und dem jetzigen Album). Außerdem ist es recht schäbig, sich über das Publikum auf solch eine arrogante Art zu äußern. Soll er denn die Ausdruckstänzerin aussortieren lassen?
    Also ich war bei dem Konzert. Und ich habe mich sehr gefreut, dass er sein Album nicht künstlich aufgepustet hast um es tanzbarer zu machen. Es war grossartig!

    ps. der Autor sollte auch mal besser recherchieren wenn er denn schon so klugscheisst. Apparat spielte nämlich schon bei “Walls” mit Band.

  3. Paul

    Da hat der Autor wohl richtig Spaß gehabt. Also ich kann seine Meinung nicht verstehen. Ich fand den Abend sehr gut. Und da “nett” bekanntlich der kleine Bruder von Sch**** ist, sollte man dieses Wort nicht noch mit “richtig” dekorieren. Aber was weiß ich schon, ich finde die hier geschrieben Zeilen ja auch richtig nett.

  4. Horst

    Da hatte einer aber die Nase ganz oben bei dem Konzert.

    Was erwartet der? Wall of Deaths?