Windows Phone FM Live: Bodi Bill und Thavius Beck


Fotos: Svenja Schneidereit

Ein bisschen merkwürdig fühlt er sich an, dieser Samstag Abend im Berliner Tape, so wie Anfang und Ende zusammen. Der Club mit dem stilisierten Bretterbaum auf der Tanzfläche wird nämlich seine Türen in ein paar Tagen endgültig schließen, gleichzeitig ist das heutige Konzert der Auftakt zur “Windows Phone FM Live”-Reihe. Zuletzt spielten die Dancepop-Darlings Bodi Bill, die in ihren teils wunderlichen DIY-Outfits perfekt unter den angestrahlten Bretterbaum passen, drei Tage in Folge im ausverkauften Lido. Sie hier im winzigen Tape Club zu sehen, fühlt sich vor diesem Hintergrund schon ziemlich besonders an.

Durch den Abend führt Captain Love Bubble, eine pausbackige, kleine Londonerin mit Tambourmajors-Hut und guter Laune, die mit ihrer quietschigen Stimme zwischendurch den ein oder anderen Freestyle-Rap zum Besten gibt. Das kann man nur niedlich finden, es geht nicht anders. Gegen 23 Uhr stimmt Captain Love Bubble uns darauf ein, dass wir jetzt gleich live im Internet sind, dann greift “Windows Phone Sound Ambassador” Thavius Beck zum Smartphone und startet sein Set.

Von sechs, den Live-Stream fütternden Kameras umringt, mit Free Drinks versorgt und mit Strohhalmen im Mund wird nun angeheitert zu Thavius‘ schweren Hip-Hop-Bässen gestampft. Die meiste Zeit drückt der zertifizierte Ableton Live Trainer auf seinem bunt blinkenden Novation Launchpad herum, gelegentlich reckt er es triumphierend in die Höhe. Die aus den Boxen dringenden Sounds zu den blinkenden Quadraten in Bezug zu setzen, fällt nicht ganz leicht. Ist aber wiederum auch ganz und gar nicht wichtig, denn tanzbar ist das alles auf jeden Fall. Und darauf kommt es ja eigentlich auch an, wir sind schließlich auf einer Fashionweek-Party und nicht bei der NAMM, auf der Thavius allerdings auch schon mal aufgetreten ist.

Mit all seiner Musiktechnik ist Thavius Beck jedenfalls so zeitgemäß, dass Bodi Bill im Vergleich fast ein wenig restaurativ anmuten, wenn sie Violine spielen und ansonsten kindlich-naiv in Vogelkostümen zwischen Röhrenfernsehern umherspringen. “Das nächste Lied”, sagt Sänger Fabian Fenk irgendwann, “ist für den Baum. Also für den Baum generell.” Und guckt mit großen, fragenden Augen erst auf den Holzbaum, dann in sein verschwitztes Publikum, das in literweise umgeworfenen Free Drinks umhertanzt. Bei “Brand New Carpet”, dem Hit vom letzten Album, singen die ersten Reihen verliebt mit, für Uneingeweihte werden die Lyrics in Retro-Schriftdesign auf den Fernsehern eingeblendet. Bodi Bill setzen beim Exklusiv-Event auf Inklusivität, es würde auch nicht sonderlich verwundern, wenn sie nach dem Auftritt von der Bühne kämen und uns einfach alle mal umarmen würden. Und dann springen auch noch Comic-Delfine über die Fernseh-Bildschirme! Als Fabian sich irgendwann eine überdimensionierte Pappmaché-Taschenuhr um den Hals hängt, die ihn in der Fabelwesen-Ikonographie irgendwo zwischen Alice im Wunderland und Public Enemy positioniert, drängt sich die Frage nach der Zeit dann doch noch mal auf. Thavius Beck ist einfach sowas von 2012, aber Bodi Bill? Ist das noch Zukunft oder doch schon Retro? Die überdimensionale Uhr verrät es uns: Ihre Zeiger stehen still, hier schreitet gar nichts fort und genauso wenig zurück. Die Zeit steht eben ein bisschen still in der Fantasiewelt von Bodi Bill, so wie Anfang und Ende zusammen.

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Ratatat im Club 103, Berlin, 7.8.2008


Das organisierende Prinzip hinter Ratatat ist das Zuviel. Die Hype-Band aus Brooklyn verwendet zu viele jaulende Hardrock-Gitarrensoli, zu viele naive C64-Sounds, zu viel bratzige HipHop-Beats, zu viele “Alarm im Weltraum“-Synthieflächen, zu viel Gänsehaut-Elektronik, zu viel zuckersüße Plinker-Pianos, zu viel Prog-Rock-Bombast, zu viel Esoterik-Kitsch, zu viel Kiffer-Ironie, zu viele Barthaare, zu viele Batik-T-Shirts, zu viel Zuviel. Und dieses übergeschnappte, irrsinnige und komplett überfordernde Zuviel, für das Ratatat auf ihren Platten schon mal 70 Spuren übereinander schichtet, das ist live natürlich verdammt schwer in eine adäquate Form zu bringen. Am Anfang war der Sound so klebrig wie der Fußboden in der komplett überfüllten 103. Dass Ratatat das heiße Ding sind, sieht man nämlich nicht nur an ihren Remix-Aufträgen, die von Kanye West zu Jay-Z gehen, und ihren Touranfragen, sie eröffneten schon für Franz Ferdinand, Tortoise und Interpol, sondern auch an der vier Din-A4-Seiten langen Gästeliste, von der trotz allerbestem Grillwetter wohl die meisten auch tatsächlich erschienen sind. Die infernalische Hitze im Club schien zu Beginn auch auf die Band zu drücken. Die Beats kamen zu matschig, die Keyboards waren zu leise, die Gitarre zu quäkig. Scheinbar dauerte es etwas, bis Mike Stroud sich mit den handgezählten 15 Effektgeräten und Fußpedalen auf dem Boden zurechtfand, der Tour-Keyboarder Jacob Morris unter seiner Naturkrause zwischen den Bongos, Schellenkränzen und Rasseln durchblickte und zu den Beats, die von der Festplatte kamen ebenso wie einige Soundgimmicks, nicht einen Soundbrei, sondern fein ziseliertes, kristallines und ziemlich überwältigendes Klanggewitter entfachte, das die Saunalandschaft doch noch in einen hysterisch kreischenden Club verwandelte. Und das auch ohne die zehn Gitarristen, die sich Stroud als Begleitband wünscht. Ratatat sind eine merkwürdige Truppe. Schreiende, heulende, wimmernde und jaulende Gitarren, aber niemand, der auch nur einen Ton singt. Mehr als ein genuscheltes “Thank You“ war nicht drin. Egal, denn irgendwann verschmolz die Psychedelik-Hardrock-Elektronika mit den auf die Leinwand hinter der Band geworfenen Feuersbrünsten, Supernovas, schwarzen Löchern und roten Zwergen, durch die hin und wieder ein Skater mit einem Ollie-Kickflip in Superzeitlupe glitt. Nach knapp 40 Minuten endeten der Bildersturm und das Klanginferno. Kurz noch drei Stücke Zugabe, dann war endgültig Ende. Länger hält das auch niemand aus. Davor spielte eine höfliche Glampunk-Band Namens Endlos Endlos, die behaupten, aus Moskau zu kommen. Der Sänger sah aus wie Klaus Kinski in der Jesus-Christus-Erlöser-Phase, benahm sich jedoch nicht so. Als jemand aus dem typischen Berliner Klubpublikum aus Spaniern, Amerikanern, Holländern, Iren, Osteuropäern (das sind die, die etwas Deutsch sprechen), Franzosen und Japanern gröhlte “Show us your tits“, entschuldigte sich der Kinski-Widergänger in dem engen Silberfummel, dass er wohl etwas zugenommen habe – zu viel Fast Food. Auf solche Provokationen lassen sich Ratatat natürlich längst nicht mehr ein. Sie lassen die Gitarren für sich jaulen.
http://www.ratatatmusic.com

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Maurice Fulton im Robert Johnson

Kalte Städte, da muss wohl die Musik von Innen wärmen. So gedeiht in Frankfurt am Main, bzw. im nahen Offenbach, unter Atas schützenden Händen ein weithin strahlendes Deephouse-Leuchtfeuer, das Robert Johnson. Finlandia Vodka hatte geladen, Maurice Fulton, DJ Deep, Vincenzo und die Needs(not wants)-Jungs waren gekommen. Was folgte war eine Deephouse-Rundreise de Luxe: butterweich, deep, Vocals satt. So deep, als wäre der draußen vorbeiströmende Main der Mariannengraben und gegenüber nicht der Frankfurter Osthafen, sondern die Skyline von Windy City. Dabei blieben die einzelnen Sets brav im Deep-House Kontext der Needs-Nächte im Robert Johnson, bis dann morgens die Disco-Geschichtsstunde eröffnet wurde, und die alten, gut abgehangenen Schinken unters dankbare Volk gebracht wurden. Schwofen, statt Raven war angesagt und der Debug-Lokalreporter fragt: Can you feel it?

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Ewan Pearson lässt die Finlandia-Flaschen im Kinzo klirren


Berlin hat diesen Club direkt am Alexanderplatz. Wenn man morgens raustorkelt, guckt man auf den Fernsehturm, das Rote Rathaus und Berlins älteste Kirche. Kultur-Clubbing in Reinstform. Und jetzt ist es auch drinnen ganz frisch aufpoliert. Wie aus dem Ei gepellt, das Kinzo. Hier hatte Finlandia Wodka im Zuge ihrer “Fresh Styles Approved”-Partyreihe Ewan Pearson reingebucht. Der fügte sich reibungslos in den Geschmack der Nacht wie ein waschechter Berliner. Hits mit Griff und diesem typischen Mitsing-Flair im Techhouse, wie es im harmoniesüchtigen Berlin immer beliebter wird. Als Remixer ist Pearson eine charakterausgeprägtere Nummer denn als DJ, das muss man schon zugeben. Aber sein Set leistete für die Tänzer das, was ein Sattel für Reiter leistet: schaukelt einen sicher durch die Nacht. Ich glaube, “grundsolide” ist das Attribut dafür. Aber Ewans Grace-Jones-Bootleg hat mich zu einem neuen Step inspiriert – siehe oben und friss Elastan für die Beine!

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Colleen played...


Yup, gestern war Cécile Schott aus Paris nach Auftritten in Hamburg und Berlin in Nürnberg und hat das Publikum (trotz HipHop mit Wummerbässen von einer Veranstaltung im Stockwerk drüber) absolut hypnotisiert. Den schlafwandlerischen Sound von “Everyone alive wants answers” baute sie hier in neuen Tracks mit Livesamples via Melodika, Glockenspiel, Cello, Gitarre, Effekt- und Looppedalen nach und es wurde superduperklar, dass die nächste Platte auch der Hammer wird. Also, falls Ihr in Köln wohnt, dann schaut Euch das am 01.11. UNBEDINGT an, wenn Colleen zusammen mit Wechsel Garland die Gewölbe Kölns verzaubert.
http://www.colleenplays.org

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An der Quelle, aus der Absolut Vodka sprudelt


Michael Persson wollte mal zeigen, in welch Bilderbuchumfeld “Absolut Vodka” destilliert wird. Der “Director Communications“ bei der schwedischen Wodkamarke hatte dafür Medienvertreter mit Sinn fürs Schöne aus aller Welt in seine Heimatstadt Stockholm eingeladen. Eine Stadt wie aus einem Weihnachtsfilm: malerisch verteilt auf Inselchen, verbunden durch flache Schnörkelbrücken, gesäumt von hochherrschaftlichen Altbauten, in denen indirektes Licht, helles Holz und schlichte Ikea-Gardinen im Auftrag der skandinavischen Konsensgesellschaft gegen die Dunkelheit des endlosen Winters kämpfen. Dazu eine nächtliche Bootsfahrt durch die Hafenbecken zu einem Lagerhaus, das aufzuheizen zu dieser Jahreszeit wahrscheinlich mehr Geld gekostet hat, als viele der anwesenden Medienproletarier in einem halben Jahr verdienen. Dort präsentierte Persson dann drei Musikstücke, die sich sein Unternehmen für ein paar zehntausend Euro zugelegt hat. Ausgewählt haben sie aus den trendy Genres “Chillout“ und “Clubby Music“ Infracoms Taxi und Ex-Nuphonics Rollercone. Und um den Scheiß so richtig heiß zu machen, fallen sie als drittes mit Aril Brikha und seiner Stockholm-Detroit-Achse aus dem Bild. Die Stadt, erzählte Brikha später, ist stocklangweilig. Eben weil sie so schön ist. Man sieht halt lieber in Cocktailbars gut aus, als sich im Untergrund die Klamotten durchzuschwitzen. Bei der folgenden Party im Kellerclub unter eben dem Hotel, das August Strindberg in seiner Bohème-Novelle “Das rote Zimmer“ beschreibt, wurde dann auch deutlich, was sich tagsüber in den Straßen schon abgezeichnet hatte: Schweden sind im Schnitt nicht nur häufiger mal blond, sondern auch größer als Deutsche. Der Blick über die bebende Menge fiel deutlich schwerer als zu Hause. Der kleine Brikha rockte die großen Tänzer mit einem lupenreinen Detroit-Set. In einem Underground-Resistance-Sweatshirt. In der Linken einen Absolut Wodka Lemon.

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Filmfest Hof auf dem bayrischen Land


Die internationalen Hofer Filmtage. Hof auf dem bayrischen Land im Oktober bedeutet eigentlich bei leichtem Schneefall Landeiern. Wäre da nicht das sehr gemütliche Filmfest Hof für deutsche Produktionen. Treff ist das Kinocenter in der Hofer Fußgängerzone, wo man neben Christoph Schlingensief (im Bild, mit neuem Freakstars3000-Film), Werner Herzog (sehr müde, sehr freundlich) und Ulli Lommel (noch müder, sehr interessiert) am Foyertischchen steht und mal nachfragen kann, ohne herablassend angeguckt zu werden. Im Gegenteil. Abends gibt es nur eine aber dafür ausufernde Partystätte für die angereisten Filmis, um mit einem Gefühl von dörflicher Abgeschiedenheit im Rücken zum Kontakten übereinander herzufallen. Dazwischen ziemlich viele aufgeweckte Hofer, die alle im Filmfieber scheinen und freiwillig mit helfen. Man erkennt sie gleich an ihren dunkelgrauen Fleece-Westen mit dem Filmfest-Logo. Gemütlich ist es, das Fest und interessanterweise ist auch die Grundstimmung in vielen Filmen das Langsam-Tun, sich Zeit nehmen und keinen Bock mehr haben auf a) Leuten mit Wackel-DV authentisch auf den Pelz zu rücken und b) mit Tempo und fixen Schnitten durch die Handlung hasten. Was gibt es denn dafür Neues: Harte Lebens-Düsternisse von den Österreichern Barbara Albert („Nordrand“) mit „Böse Zellen“ und Ulrich Seidl mit „Jesus, Du weißt“. Internationale Neuheiten, wie einen über die Jahre dröge gewordenen James Ivory („Zimmer mit Aussicht“) mit „Le Divorce“ und schöne Thriller aus Neuseeland wie „Perfect Strangers“ von Gaylene Preston. Auffallend sind die Mehrfachauftritte von Peter Mullan in zwei Produktionen: David Mackenzies wunderbar still-düsterer „Young Adam“ mit einem Post-„Star Wars“-Edlen Ewan McGregor und in Emily Youngs „Kiss of Life“. Enttäuschend Søren Kragh-Jacobsens Klischee-Komödie „Skagerrak“, der wie manche andere Dogma-Regisseure aus Dänemark (Thomas Vinterberg, Lone Scherfig, Drehbuchschreiber Anders Thomas Jensen) nach dem gestrengen Zusammenreißen wieder zu schwer mäßigem Mittelmaß zurückgekehrt ist. Bei den deutschen sind es einige gute bis unangenehme Jungfilme aus/über Berlin: der tolle „Kroko“ von Sylke Enders über ein Gör, das straffällig Behindertenarbeit leisten muss, bis zum extrem elenden „4 Könige, 3 Versprechen“ (Georg Faber und Jonas Knudsen). Überraschungen sind die Doku „Die Kinder sind tot“ (Aelrun Goette) über die 23jährige Frau, die in Frankfurt/oder ihre Kinder verhungern ließ. Und als Highlight endlich mal ein deutscher Rasantfilm mit den besseren, weil weicheren Tarantino-Dialogen, „Der Typ“ vom Ludwigsburger Patrick Tauss. Mit einem Vorfilm, der sehr empfehlenswert schnell und trash-spaßig ist: „3 Engel für Ali“, der Werbetrailer fürs Hamburger Eimsbusch-Label, eine unsinns-fröhliche Krimiaction auf türkisch von Roman Schaible. Das war Filmegucken in Hof.
http://www.hofer-filmtage.de/

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Francois Kevorkian im Watergate


Ist ja immer so ne spezielle Sache mit den ganz großen Namen. Neulich Larry Heard im Kinzo, jetzt Francois Kevorkian im Watergate – das zieht natürlich einen ganzen Rattenschwanz an Erwartungen nach sich. Dub soll er auflegen hatte man es vorher orakeln gehört, eine Disco-Geschichtsstunde wollte man hören und rocken soll das Ganze natürlich auch noch. Schwierige Vorzeichen also. Und so ging es erstmal ruhiger los, draussen beschallte der RedBull-Jeep die nichtvorhandene Warteschlange, auf dem Waterfloor war Lounge mit jazzigen Klängen aus den Jazzanova Plattenkisten angesagt, während Dixon oben das WarmUp startete. Fast wähnte man sich mit 10 Euro Eintritt in einer der teuersten Lounges der Stadt, als es sich plötzlich unten leerte und oben füllte, denn Herr Kevorkian hatte sich hinter die Regler begeben, worauf sich nahezu alle Anwesenden in fröhliche Erwartung um die DJ Booth scharten. Und dann: Dub. Okay, die Vorhersagen hatten also gestimmt, doch während man sich gerade fragte, ob das nun die ganze Zeit so bleibt, war die lebende Legende schon bei House angekommen, was die Tänzer sichtlich freute aber nicht lange so blieb. Denn jeder etwas slammendere House-Track wurde von einer bassig wabernden Dub-Nummer gefolgt, oft auch beides zusammen, sprich Dub-House, dazwischen etwas Disco. Dabei führte sich der New-Yorker mit dem französischen Namen durchaus virtuos auf, hinterm DJ-Pult: Er schien die Sounds kauen zu wollen, den Mund immer in Bewegung, als ob er die Dub-Bässe persönlich modulieren wollte. Dazu wurde wild an den EQ-Knöpfen geschraubt, ständiger Wechsel zwischen CD und Vinyl plus Dubiges aus der Effekt-Kiste, dass führte zwar dann zu einer gewissen Homogenität des Sounds, brachte hin und wieder die Tänzer in Verzückung, aber so richtig zündete es nicht, im mittelvollen Watergate. Vielleicht weil der Name Kevorkian zwar in Spezialisten-Kreisen hochgeschätzt, vielen aber unbekannt ist? Weil der Spätsommer alle nach draußen lockt? Weil 10 Euro für einen Donnerstag trotz solch eines LineUp viel sind? Oder weil sich rumgesprochen hatte, dass er seine legendären Badelatschen nicht mit über den Teich nehmen würde?

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Robbie Williams in Berliner Club gesichtet

Robbie Williams himself als Tänzer in einem bekannten Berliner Club… Das wollten wir doch alle schon mal sehen. Debug hat gestern Abend die Gelegenheit bei beiden Beinen gegriffen. Nach seinem ersten Berliner Konzert in der Wuhlheide lief die Operation ”Robbie Williams tanzt auf After Show Party” generalstabsmäßig an. Strikte Nachrichtensperre, nur geladenes bzw. zusammengecastetes Publikum, alles geheim und Meister Knackpo persönlich. Nun, aus der versprochenen heißen Nacht mit Robbie und Hamburg- vs. Mitte-Schickis in geheimem Club, der ansonsten ein Rave erprobter Ort ist, wurde nichts. Robbie war zwar wirklich da, Augenzeugen berichteten, er sei mindestens zwei Stunden im Club gesichtet worden, tanzte zu Stereo MCs (was will uns dieses Detail sagen?), saß auf einem der ostig edlen Sofas, schlürfte einige Drinks, verschwank zu christlicher Zeit gegen 1h in sein Hotel und ließ uns mit unseren Fragen allein. War es der echte Robbie, ist er wirklich bereits am Nachmittag im Adidas-Store gesichtet worden, hat er das Motto seiner After Show Party verstanden? Debug will nicht spekulieren, aber das Motto der Party stellte den geneigten Partygast tatsächlich vor ein Rätsel. Zunächst schockte die Deko: eine überladene trash- und pseudodekadente Mischung aus ”Osteuropa meets best of meine Oma Einrichtungsklassikern”, die den sonst sehr kohärenten DDR-Moderne-Schick der Location aufdringlich und hingestellt zu übertünchen versuchte. Der DJ tat derweil sein Bestes, mit Abiparty-Eklektizismus für schlechte Stimmung zu sorgen. Grotesk, die Drinks aber waren umsonst. Später wurde auch Debug aus zweiter Hand aufgeklärt, es handelte sich bei dieser skurrilen Dekozusammenstellung um das Motto ”Russsicher Puff”. Ja, richtig, russischer Puff?! Doch genauso einfallsreich wie brav kam der daher. Der gute Robbie konnte wohl kaum diese dezenten Anspielungen decodieren, wo waren sie denn, die Prostituierten, der Russland-Unterwelt-Schick? No Sex, no Glamour, keine kleinen Schweinereien, nicht mal ein Abi-Party Gefummel zwischen Stuhl- und Tischbein. Womöglich war den Veranstaltern das Motto selbst zu scharf…
http://www.robbiewilliams.com/

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Turner im Club Neustadt der Volksbühne


Ja, es war Turner, dieser hanseatische Hessen-Houser mit Hang zum melancholischen Indietronic-Song, der den übervollen Club Neustadt der Berliner Volksbühne am Samstag derart beglückte, dass man sich sogar mit Sperrholzambiente, Rauchverbot und den garstig-ostigen Bardamen richtig anfreunden wollte. Nur zur Erinnerung: Club Neustadt heißt, ausgesucht gute Clubacts (wie letztes Wochenende Phantom/Ghost, Justus Köhnke und Apparat) auf die Bühne der mit Sperrholzrängen und Baustellencontainer zur “Neustadt” verfremdeten Volksbühne zu stellen, um 23h die Gäste einzuladen, die Biertheke bereits um 2h hochzuklappen und um 2:30h dann wieder alle mit Neonlicht und unzweideutigen Aufforderungen rauszuschmeißen. Die Atmosphäre hat also immer etwas a priori Außergewöhnliches: kein Clubabgehänge mit Floor und Getränkegutscheinen, sondern mit Holzbänken vorlieb nehmen und dem Künstler lauschen. Allen Grund dazu hatte man diesen Samstag, brachte doch der hinreißende Vor-Turner den genauso liebenswerten Lawrence (Dial) als Gitarrist (!!) mit. Gesang auf G4, Luftgitarre auf gespielte Gitarre: Paul und Pete als Simon und Garfunkel, als Traumduo oder zeitgenössische Boygroup für Indiepopper, die wir mal waren und immer noch sein wollen? Ja, das alles zusammen und nicht genug, denn fürs gute Geld gabs das Konzert sogar gleich zweimal. Einmal auf der Bühne und einmal simultan als B-Version im vorher abgedrehten Soundcheck-Video auf der Leinwand. Was bereits bei Turners letztem Berliner Auftritt im Vorprogramm von Tocotronic amüsierte, mutierte hier fast zur A-Version des wirklichen Konzerts. Ihre Video-Doubles fest im Blick ging der Applaus am Ende aber an die echte Band. Sie spielten einfach länger.
http://www.volksbuehne-berlin.de

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Electroclash mit Larry Tee, W.I.T., Waldorf im Big Eden, Berlin

”Do you like to fuck? ’cause we love a crowd that wanna fuck. So let’s fuck!” Dann lassen sie den Fuck mal hochgehen, Mister Larry Tee. Okay, was haltet ihr davon? Irgendwie Progressive House (geht immer) plus Vocoderstimmen (80s, heiß, Kids, heiß) im zebragestreiften, Lümmelflokati-austaffierten Big Eden, ja, diesem 80er Abschlepptempel, voll passend, die Location für Electroclash. Sieht das etwa jemand anders? Der kriegt gleich ein Freigetränk auf die Augen. Bevorzugt wurden klare Hartdrinks, die hinterlassen keine Flecken auf der Garderobe, wenn man die Gymnastik auf der Bühne imitiert: Die drei vorwitzigsten Mädchen deines Jahrgangs wollen ihre Naturkundelehrer pikieren und führen auf der Aula-Fete eine Robert Palmer-Video-Reizshow in goldenen Manche mögens heiß-Kleidern vor. Was würdet ihr sagen? Für 15-Jährige ganz schön post-emanzipiert. Aber 15 ist nicht mal mehr die Nachwuchs-Geheimwaffe Martin Matiske von DJ Hell. Geschweige denn die Frauen von W.I.T. Aber ein oder zwei Hits werden sie den Chicks on Speed schon vor der Nase wegrauben. Auch wenn ihre Übertreibungen den routinierten Sexisten-Blick noch nicht mal so in Frage stellen wie die frühen Roxy Music-Cover. Die asymmetrischen Haarschnitte im Publikum gingen immerhin steil, und getanzt wurde nicht nur pflichtschuldig. Electroclash hits the town – und irgendwo ist dann bestimmt auch ein Reissack umgefallen. Ab zwei hörte man immer öfter: He, ich muss zurück nach Berlin, kann mich wer mitnehmen? Im WMF zeigte Highfish mit seinem Ableton Live-Set dann, wo der eigentliche Clash hängt.
http://www.electroclash.com

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Filmfestival "Mostra" in Venedig

Einmal kurz jet-setten nach Venedig zu La Mostra. Das klingt wie dicke Mutti, Matrone oder so. Ist aber das Filmfestival als Teil der Kunstexpo Biennale in Venedig und mit 59 Jahren das älteste der Welt. Stilvoll, ehrwürdig und beschaulich geht’s da zu. Die Atmosphäre ist lässig und das Casino mit den Kinos steht direkt am Strand des Lido, der Sandbank vor Venedig, ideal, um kurz zwischen zwei Filmen an den Strand zu hoppen. Den ganzen Tag beschallen nervige Radiostationen mit Grungemucke die Umgebung, an den Fressständen herrscht Betrieb wie auf dem Blankeneser Straßenfest, wo vornehme, graumelierte Herren mit Prosecci und Damen in unglaublich aufgebrezelten Paillettengaderoben mit ihren Stilettos winken. Alles wirkt ja so kultiviert, dabei gab’s das letzte halbe Jahr nur Zoff auf die aufbrausend italienische Art: Medienpremierminister Berlusconi hatte seine Fingerchen nach der Biennale ausgestreckt und seinen Genossen Franco Bernabe, einen Kunstbanausen, zum Chef der gesamten Veranstaltung ernannt. Daraufhin wollte keiner mehr Direktor des Filmfestivals werden. Nachdem Leute wie Martin Scorsese abgelehnt haben, ist Moritz de Hadeln eingesprungen, da sein Vertrag mit der Berlinale nicht verlängert wurde. Die Mostra ist lange nicht so kommerziell wie die Berlinale und Filme aus Hollywood fallen eher unter den Tisch. Dafür gibt’s im Wettbewerb Toddy Haynes mit ”Far from Haven“, Larry Clark ist da mit ”Ken Park“, Steven Soderberghs ”Full Frontal“, Shinya Tsukamoto, bekannt für seine Fleischmaschine in ”Tetsuo-The Ironman“ hat was Neues gemacht und das Regiedebut von John Malkovich, den spanischen ”Pasos de baile“. Ein deutscher Wettbewerbsbeitrag ist Winfried Bonengels ”Führer Ex“ über ostdeutsche Skins in den 80ern, nach dem Buch von Ingo Hasselbach. Auf der Pressekonferenz dazu wollten die italienischen Reporter vor allem wissen, wie der Film denn bei Vorführungen in Deutschland ankommt. Bonengel über Neonazis allgemein: ”Das Ende ist nicht in Sicht, solange man den jungen Leuten nicht die Möglichkeit gibt, dass sie irgendwas anderes tun können. Viele haben nicht den Glauben an ihre eigene Zukunft. Niemand tut was für sie. Sie erwarten in ihrer Situation, dass sie eigentlich keinen Platz in der Gesellschaft haben. Es nimmt zu, dass Leute verzweifelt versuchen, irgendwo zu existieren und niemand nimmt sie wahr.“ Und sein Hauptdarsteller Aaron Hildebrand: ”Ich muss eingestehen, ich rede mit meinen Freunden nicht über dieses Thema. Uns ist eigentlich klar, was so was bedeutet. Darüber redet man nicht.”

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Westbam-Albumpräsentation bei Low Spirit

Right on, right on. Wie im aktuellen Heft zu lesen, haben Max und Klaus nach mehreren Jahren mal wieder einen neuen Bam-Longplay am Start. Und: Das Teil ist überraschend gut geworden. Diverse Techno-Electro-Whatever they name it-Rocker, die auch Dich, ohne Scheuklappen und in einem netten Set eingebunden, garantiert das Tanzbein schwingen lassen. Da wette ich meine legendäre S-Express Daniel Miller/Phillip Glass-Remix Maxi drauf ! Zunächst sollte die Präsentation in der Strandbar Mitte stattfinden (für Nicht-Berliner: ein leicht problematisches aber trotzdem sehr angesagtes Stück Kunststrand an der Spree bei der Museumsinsel), aber aufgrund von Lautstärkekonventionen ging die Chose direkt im Low-Spirit-Hauptquartier ab. Auch dort wurde mittels viel Sand und Westbam-Strandliegen eine künstliche Beach-Atmo gezaubert. Überall an den Wänden, auch am gegenüberliegenden Ufer, Cinemascope-Westbam-Projektionen, dazu Getränke für lau. Die Mischungen sind zwar etwas dezent, aber wer will denn meckern. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, das mit mehr Leuten gerechnet wurde. Ziehen wir die Fressen ab, die allein ich aus der Posse kenne (und ich hänge nicht gerade jeden Abend mit denen ab), dann bleibt unterm Strich wenig übrig. Lexy, Paul v. Dyk und Konsorten lassen sich die Laune trotzdem nicht verderben. Die eigentliche Präsentation von “Right On” läuft ausschließlich per Funkkopfhörer, da hätte man auch gleich in die Strandbar gehen können. Maximilian Lenz kommentiert die angeskipten Tracks und spielt den einen oder anderen Titel auch aus. “Ein neuer Stil” für “die Disco in deinem Kopf” ist zwar nicht zuhören, aber anyway. Rainald Goetz sitzt wie der Hofnarr neben den Rädern aus Stahl und sieht dabei so sympathisch verstrahlt aus, das ich am liebsten sofort all’ seine Bücher noch einmal lesen möchte. Danach noch eine Privataudienz in den Low Spirit Studios, sehr sehr dick, no doubt. Drei, vier voll aufgerüstete Projektstudios in einem richtig entspannten und nett iluminierten Komplex. Dazu beantwortet Klaus die Fragen einiger Schülerzeitungsredakteure. “Wofür braucht ihr eigentlich all die Hi-End-Ausrüstung, wenn viele Sounds dann doch nach Preset klingen ?” Guter Abend, definitiv.
http://www.westbam.de

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Ugly Duckling in Hamburg, Fabrik, 11.06.2002

Das kalifornische Hip Hop-Trio Ugly Duckling ist zum wievielten Mal in Hamburg? Vielleicht zum 5.? Den ersten Support von zweien habe ich leider verpasst; Schreiner aus Berlin hat mir den Hintergrund zu Auseinandersetzungen um den zwecks Berichterstattung mehr oder minder kostenlosen Eintritt in die Fabrik gestaltet. Dafür dann Olympic Lifts aus der Schwarzbiertrinker-Heimat (bei dem Berliner Label Bungalow Records erschien erst kürzlich ihr Debüt Album) als gelungener Warm-Up für die drei Enten aus LA. Da hatte man so das Gefühl, dass Olympic Lifts zeigen, was Crossover wohl eigentlich mal bedeuten sollte: von allem ein bisschen, von nichts zu viel, und ruhig zugeben, woher man und das alles hat. Ein paar Sporteinlagen auf der Bühne als Referenz zur Namensgebung waren außerdem für das Publikum mehr als unterhaltsam. Ugly Duckling gaben dann einen gelungenen Querschnitt durch ihr bisheriges Oeuvre, streuten ein paar Lektionen in HipHop (à la: So lächerlich seht ihr aus, wenn ihr versucht Gangster-Rapper zu sein, aber nun mal echt nicht aus der Bronx kommt), in Frauen bezirzen (Do you wear Ferrari? Your Outfit really suites your Curves.) in Selbstironie (die fette Goldkette steht dem jungen Einstein mit Zarathustra-Untermalung auch nicht wirklich besser, macht aber mehr her) ein und riefen nach einer Stunde (oder ist die Zeit nur so schnell vergangen?) zum Wiedersehen an der Bar oder beim nächsten Hamburg-Besuch auf. Weitere Termine: 12.06. Darmstadt – Centralstation, 13.06. Heidelberg – Karlstorbahnhof, 14.06. CH – Will – Remise, 15.06. CH – Aarau – Kiff, 16.06. Stuttgart – Röhre, 17.06. München – Backstage, 18.06. Berlin – Casino, 19.06. Leipzig – Conne Island, 20.06. Hannover – Gig Lounge, 22.06. Friedrichshafen – Metro, 23.06. AUS-Wien

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Bericht von der TYPO 2002

Ein heisser Nachmittag auf dem Dach des Haus der Kulturen der Welt. Drinnen im Auditorium spricht eine andere kleine Welt für sich, die der Typographen, Designer, und Mediengestalter auf der TYPO 2002, der größten Konferenz ihrer Art in Deutschland, aber mit internationalem Ruf, wie man dem Gemurmel vor Ort entnehmen konnte. Um 15 Uhr stand heute, Freitag Martin Majoor auf dem Podium, der dem vollbesetzten Stuhlreihen etwas aus seinem Leben als Designer, aber vor allem als Schriftenentwickler erzählt. Er berichtet über die Entstehung und Entwicklung seiner weltberühmten Schrift Scala und über seine neuste Schöpfung Seria. Dabei schafft er es, jedem auch nicht versierten Schriftenkenner, mit seinem auf die das Schriftenuniversum fixierten Bericht in den Bann zu ziehen. Für eine Stunde lang, interessieren Schriftschnitte, -größen so sehr, dass man beschliesst selber unbedingt mal eine Schrift (oder eine neue) zu designen, die wie Majoors Quintessenz lautet, Serifen und Sans Serifen Schriften zu vereinen. Nach wenigen Erfrischungsminuten treten Zwei auf, die laut der Anmoderation als Stars der Szene gehandelt werden. Trendorientert und markenversiert, aber doch auch ihrem eigenen Stil treugeblieben sind Heinrich Paravicini und Johannes Plass von Mutabor. Noch zu Studentenzeiten gründeten die beiden Designer, die gleichnamige international vertriebene Zeitschrift Muatbor, deren 10. Ausgabe vor kurzem im Handel erhältlich wurde. Als gestandene Geschäftsmänner tragen die Hamburger drei Vorzeigeprojekte vor, gerade so, als sei dies das Perfekte “so muss man es machen, um Erfolg zu haben”. Gekonnt witzig, mit den typischen Mutabor Illustrationen versehen, rollt als erstes die Erfolgsgeschichte des rotring Schreibgeräts “Core” ab. Das wichtigste Element bei der Erzeugung eines Markenwertes ist für Muatbor das “Informationsgefühl”, wie wird der Konsument emotional an das Produkt herangeführt, und viel wichtiger, wie findet er sich darin wieder. Auch die nächsten zwei Beispiele zeigen, dass Corporate – und Kommunikations- Design viel mehr mit Augen-offen-halten zu tun hat, als jedes Institut für Verhaltensforschung es je geahnt hätte. Denn es geht es eben nicht darum eine Imagekampagne für eine vermeintlich Zielgruppe zu entwickeln, sondern vorrauszusehen, welche die möglichen Interessen einer solchen Gruppen sein könnten, diese so offen und spekulativ in das Design einfliessen zu lassen. Das dabei letztlich auch “nur” eine raffinierte Marketingkampange entwächst, ist klar, dennoch las sich die Reaktion des Publikums positiv. Wer hat schließlich noch die Phantasie, das Periodensystem als Produktpalette umzufunktionieren, oder einen virtuellen Handgheld als Logo einzusetzen? Nach dem schnellen Durchlauf durch die professionell geführten Projekte blieben keine Fragen offen und die Menge tummelte sich lieber am Kanalufer bei Roster und kaltem Bier. Die TYPO 2002 wird veranstaltet von Fontshop, Berlin. Sie dauert noch bis morgen Samstag 11. Mai, 20 Uhr.
http://www.typo-berlin.de

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Aphex Twins Drukqs im Londoner Planetarium.

Zu den wenig bekannten, durchaus amüsanten und im allgemeinen meist höchst merkwürdigen Dingen im Leben eines sogenannten “Musikjournalisten” gehören sogenannte Listening Sessions. Man fährt wo hin (weit weg, in unserem Fall London) geht in eine merkwürdige Location (was tolles halt, in unserem Fall Planetarium, neben Mdm. Tusseauds oder wie immer sich das schreibt), und tut weiter nichts als sich eine neue Schallplatte anzuhören. Manchmal gibt es noch Snacks dazu, oder einen Zettel den man unterschreiben muss und schwören dass man nichts und niemand davon erzählt (womit man sich sicher sein kann, daß es der Musikjournalist doch tut, vielleicht sogar um so mehr, was in ungefähr der Absicht entspricht). Dem war diesmal nicht so. Dennoch. Das Planetarium verzückte alle Gäste (ein paar Hundert ausgesuchte “Musikjournalisten”, Medienleute, Freunde von Warp und Rephlex etc.) mit einer erstmal rasanten Achterbahn-Lightshow, so dass nach dem zweiten Track alles in wilden Applaus ausbrach. Bis zum Ende sollte es das gewesen sein, denn die Lightshow hatte ihre besten Momente hinter sich. Seisdrum, man ist ja schliesslich wegen der Musik da, dem neuen Album von Aphex Twin, jedenfalls der Hälfte, denn irgendwie dachte sich Warp wohl, zwei CD Längen sind einfach zuviel für den durchschnittlichen Planetariums-Vip-Besucher. Die war funky. Und irgendwie hat Aphex, das konnte man ja schon öfter hören, im Moment beste Laune. Hat sich mal versagt immer so zu tun als wäre er ein Genie das direkt aus der Antimaterie gewachsen auf uns hinabgestiegen wäre, und spielt lieber mit diversen Klassikern des Geniegenres herum, bis auch dem letzten auffallen muss: das kann so ernst nicht gemeint sein. Will sagen: es gibt einen dezent verstreuten Haufen von Barpiano/Cembalo/Spinett Eric Satie Cover-Versionen und -Mutationen auf dem Album, und die klingen einfach nach nettem Plinker-Plonker, nach abgehangen putziger Melodie für jedermann mit viel Athmosphäre, so in der Art einer Einladung zum guten Whisky neben dem heimischen Kaminfeuer. Etwas das man von Aphex Twin nicht erwarten würde, vielleicht. Der Rest des Albums, das man eigentlich ein Drum and Bass Album nennen müsste, besteht aus Breaks, endlos vielen Breaks. Tracks wie ein Ausrufen der nächsten Welle von Drum and Bass Killerproduktionen mit DSP Extrariegeln und endlos abschweifender Samplebank. Bei den meisten Tracks hat man das Gefühl daß sich Aphex Twin einfach so durch die Samplebänke wirft, wie durch die grosse stehende Welle an die jeder Surfer glaubt, dabei extrem viel Musikgeschichte hochwirbelt, und gelegentlich sogar explizit (wie auf einem Track mit der kompletten Geschichte der Drummachines in knapp 5 Minuten) drauf verweist. Die Partys Anfang der 90er waren da vielleicht doch prägender als es manchmal klang, und warum nicht dahin wollen, ob es zurück ist, oder nicht spielt bei Intensität keine Rolle. Ein paar der Tracks sind dazu noch sehr spooky, weil teilweise als Soundtrack für seine Cunningham Co-Produktion entworfen, manche erinnern ein wenig an die Acidzeiten, den rigoros albernen Stumpfsinn und viele habe ich nicht gehört. Wie also nimmt die Bande der VIP-Journos das auf? Natürlich wie immer mit dezentem Kulturpessimus, das ist beim NME nicht anders als bei der FAZ, weshalb das keinen interessiert, das Album von Aphex Twin aber dennoch mit Sicherheit extrem viel Spass machen wird, schliesslich ist er ja, wie man vielleicht mittlerweile verstanden haben sollte, vor allem ein gebrochener Komiker. Ende Oktober soll es, nachdem es zwei Jahre im Releaseplan geschoben wurde, dann soweit sein. Wer mehr wissen will, oder sich die Art der Unterhaltsamkeit von Druqks vorstellen möchte, der sehe sich die spartanische Flashwebseite an, deren Sound- und Schriftfiles unregelmässig aber ab und an upgedated werden. http://www.drukqs.com

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SoundXchange 01- Brainstorming im Instrumentenmuseum

SoundXchange-Das Klangbenutzerforum. Die HdK Berlin bereitet mit der Werkstatt für Klang und Gestaltung einen Studiengang zur Klangforschung vor. Die Auftaktveranstaltung *Wer benutzt Sound und wozu?* fragte: Wie gestaltet sich das Arbeiten mit Klängen? Gibt es Anknüpfungspunkte oder Überschneidungen? Oder macht jeder weiter Soundforschung mit Scheuklappen? Nein, das nun nicht. Man plauschte zunächst ein wenig übers Geräusche-Biz. Analog oder Digital, auch mit dieser Entwicklung eröffneten sich ungeahnte Möglichkeiten der Klangerzeugung – schon klar. Die Referenten Jan Ole Jöhnk (DJ & Musikjournalist, Berlin), Peter Friedrich Stephan (Kunsthochschule für Medien Köln), Hans-Martin Gerhard (Gesamtfahrzeug-Akustik, Dr.Ing. h.c. F. Porsche AG) und Mo Loschelder (Elektro Music Department, Berlin) suchten noch nach Ausdruck ihrer eigenen Arbeiten und fuhren dann doch teilweise den Regler hoch und ließen hören. Den roten Faden konnte man (noch) nicht entdecken, der den geplanten Studiengang Klangforschung sinngebend durchziehen könnte. Aber um das konkret zu bekommen, bleiben ja noch die nächsten beiden öffentlichen Austauschforen. #2*An welchem Ort ist Klang?* – Mittwoch 13. Juni 2001, 17-20 Uhr WMF, Ziegelstraße 23 (zwischen Tucholsky- und Monbijoustraße), 10117 BerlinGespräch 1 Barbara Barthelmes (Musikwissenschaftlerin, Berlin)Steffen Holly (MAGIX GmbH Berlin, Vertrieb undSoftwareentwicklung Samplitude)Gespräch 2 Thomas Kessler (Komponist und Leiter des Studios fürElektronische Musik der Musik-Akademie Basel)Flatz (Performance-Künstler, München) #3*between categories: Was ist Musik?* – Mittwoch 4. Juli 2001, 17-20 UhrAuf der MS Heiterkeit, all-around-music.berlin,Treptower Hafen, Puschkinallee 16-17 (Höhe ParkplatzRosengarten), 12435 BerlinGespräch 1 Karl Bartos (Ex-Kraftwerk; angefragt)Josef Gründler (Komponist und Dozent an der Hochschule fürMusik und darstellende Kunst Graz)Gespräch 2 Konrad Rennert (Komponist, Wien)N.N. Details können unter soundxchange@hdk-berlin.de erfragt werden.

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Judith Butler und die Körper Revolution

Vor den Kulissen zu „Dantons Tod“, auf einem Tribunal nämlich, sprachen Judith Butler und Sasha Waltz am Sonntag Mittag im Streitraum der Schaubühne über den Körper und seine Funktionen für den Einzelnen oder im Allgemeinen. Statt jedoch das langweilige Verhältnis von Identität und gesellschaftlicher Norm polemisch abzuhandeln, berichteten die Beiden zunächst von der Unmöglichkeit dem Körper oder das, was ihn ausmacht, Bewegung, Ausdruck von Emotionen, im Sprechen näher zukommen. Das er Objekt der Begierde ist, als Protestmittel oder Kapital gebraucht wird, schien allen so weit klar, dem Publikum etwas eher als der Moderation, jedenfalls wollte Judith Butler sich nicht nur auf den politischen Teil der Geschlechterdebatte oder auf die Auswirkungen des Human Engineering festnageln lassen, sondern viel lieber mit Sasha Waltz über die Arbeit an/mit Körpern, über ihre Dekonstruktion und die möglichen Verschiebungen historisch gewachsener Definitionen reden. Wie der Titel der Veranstaltung ankündigte (body: recognizable/unrecognizable) bleibt der Körper etwas Verstelltes, das erst in Momenten der Provokation oder durch Überraschungseffekte erkennbar wird. Butlers Auftritt hatte nichts Verkrampftes und ihre Message wurde sogar Uneingeweihten klar: man muss den Körper umfunktionieren, weniger seine Erscheinung, sondern mehr sein Innen, weil er etwas anderes sein kann, als das, wofür er heute gebraucht wird. Dabei sollen, wenn nötig gesetzliche Rahmenbedingungen nachhelfen. Aber wenn man genau hinsieht, sind auch die eigenen Möglichkeiten, noch lange nicht ausgeschöpft. Also doch.

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Nancy Fraser und die Knowledge Society

Nancy Fraser macht es sich gemütlich in New York! Die Professorin of Political Science and Philosophy an der New School University wurde von der Heinrich–Stiftung–Böll Stiftung eingeladen, um den Kongress “GUT ZU WISSEN” mit programmatischem Frischfutter zu eröffnen. Leider waren ihre Vorstellungen darüber, was soziale Gerechtigkeit in der Wissensgesellschaft ausmacht, nicht wirklich aufsehneregend! Jedenfalls schien die wissbegierige Zuhörerschaft nicht über alle Massen von ihren Thesen überzeugt, sondern eher gelangweilt. Denn auch hierzulande und in der Umgebung (Europa) hat sich inzwischen herumgesprochen, dass Umverteilungskämpfe passé sind, stattdessen der Wettbewerb um das Wissen als neue Ware des 21. Jahrhunderts ausgebrochen ist. Was sich wiederum bedrohlich auf die alte Bildungsdomäne Kulturpolitik auswirkt, so Mrs. Fraser. Und da der Nationalstaat sowieso längst durch die Auswirkungen der Globalisierung unterwandert wird, braucht es neue Institutionen (!?), die sich um gemeinschaftliche, eben globale Interessen wie Wissen kümmert. Bis hier hin kein genialer Vorschlag aus Amerika, sondern der elegante Versuch Machtfragen und Interessenskonflikte auszulassen. Aber die werden sicher noch in den zahlreichen Foren der Veranstaltung schonungslos zur Sprache gebracht werden: Also hingehen kann und sollte man auf jeden Fall! Denn es ist »gut zu wissen«, wer in Zukunft nach welchen Parametern Arbeit, Bildung, Demokratie und Gerechtigkeit bestimmen wird.
http://www.bildung2010.de/gutzuwissen/

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Saul Williams rockiger Wortsprudel

Live und dabei bei einem Konzert. Im klassischen Sinn. Also ein Raum gefüllt mit Menschen die vor einer Bühne stehen und gucken was da oben so passiert, ein bisschen Rumwackeln, und bestenfalls auf das was da passiert irgendwie reagieren. Heute stehen Saul Williams und Band als Hauptattraktion da oben. Im Berliner Maria am Ostbahnhof. Saul Williams ist afroamerikanischer Poet. Ein reflektierender Lyriker, der die rein unterhaltende Funktion des MCs erweitern möchte, und uns daher mit einem ausdrucksschweren Wortgeflecht voller Querverweise die Köpfe zubombt. Das Ganze ist wenn überhaupt als irgendetwas ziwschen HipHop, Rock und Spoken Word klassifizierbar. Vor Saul Williams gibt es im Foyer einen ambitionierten Classics DJ, und auf der Bühne eine zwei Mann Truppe aus Leipzig. Deren MC vergisst vor lauter Gefühlsausdruck und überstrapazierender um Symphatie werbender, etwas einseitiger Interaktion mit den Anwesenden, seinen Namen zu erwähnen. Nach einer halben Stunde mehr oder weniger mitreissendem Liedvortragens, und einer ungefähr mindestens nochmal so langen Pause, die irgendwie mit rumstehen und CD hören überbrückt werden muss, ist es daher ganz gut, als Saul Williams mitsamt funky Drummer, Violinistin, Gitarrist und Keyboarder endlich auf die Bühne tritt. Und die Saul Willliams Experience mit ‘Ohm’ beginnen lässt. Es folgt eine Schwemme an Worten und Musik, zum Teil vielleicht etwas sehr Rocklastig Gitarrenfixiert, nichtsdestotrotz extrem fett und Energiegeladen im Gesamten. Dass Saul Williams und Band soviel Freude beim Musik machen zu haben scheinen überträgt sich auf die Hörer und trägt so seinen Teil zum offenmundigen Kopfwackeln im Publikum bei. Saul Williams ist extrem kraftvoll in seiner Aussage und sehr imposant als Live-Erlebnis. Also alle Wiener auf ins Flex heute am 5.5., dort findet das voerst letzte Konzert von Saul Williams in Europa statt. Auf saulwilliams.com erfährt man genauer, was Saul Williams eigentlich mitteilen möchte.
http://www.saulwilliams.com

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Carl Craig geht mir am Arsch vorbei

Berlin, am 15.04.2001 Es droht ein öder Abend zu werden. Von Freund und Freundin verlassen wird zum letzten Ausweg gegriffen: Schwester geschnappt und ins Sternradio gefahren. Da soll ja Carl Craig auflegen, und der wird ja nicht nur von 313ern als Gott verehrt. Punkt Mitternacht sind wir da. Es füllt sich langsam und das Publikum ist immernoch genauso gemischt wie im letzten Sommer. Also nickel-nebrillte Spex-Leser neben immer-gut-draufen Muskel-Prolls (“na Großer, machst du kurz Platz ?”), Mit-bis-End-Dreißiger “Musikinteressierte” neben Disco-Girlies. Es ist jedenfalls voll und die Musik ganz nett, von House Classics über “Stomping Techno” bis hin zu Cheesy Vocal House ist alles dabei. Naja, nur einer fehlt: Carl Craig…. Ich denke, naja, der wird bestimmt so um 1 auftauchen, er ist ja Headliner des Abends und nicht mehr der Jüngste. Um 1 denke ich dann, naja gut, um 2 wird er kommen (die Stars kommen ja immer um 2). Um 3 ist er dann immernoch nicht da, und ich werde langsam müde. Um kurz nach 3 kommt er dann tatsächlich rein, vor ihm eine aufgeregtes Fräulein mit einer Pappkiste. Ich bemerke ihn erst, als er mir sanft am Hintern vorbeigestreift ist. Ein Zeichen ! Carl Craig geht mir am Arsch vorbei ! Ganz wichtig natürlich: Promotertante vor ihm sowie Bodyguard und Kampfkoloss hinter ihm (der unvermeidliche Träger der Plattenkiste). Herr Craig ist natürlich voll professionell mit Oropax bestückt und lässt sich Zeit. Er ordert erstmal einen Kaffee und ein Wasser, was ihm von einer Art Ober auch tatsächlich auf einem Tablett serviert wird. Auch dannach lässt er sich noch lange nicht zum Auflegen bitten. Meine Kondition lässt nach und ich beschliesse, als er kurz nach halb vier immernoch nicht loslegt, dass Carl Craig sehen und ein zartes Streifen des Hinterns ja auch ganz nett sind, schnappe meine Schwester und gehe. Ich hoffe für alle Dagebliebenen, dass er noch aufgelegt hat und nicht pausenlos Kaffee und Wasser geordert hat… Ich bin jedenfalls traurig, nicht (mehr?) zur Partyfraktion der Bis-in-den-Morgen- Tanzenden zu gehoeren. vielleicht bin ich ja eine verstaubte alte erzkonservative Spaßbremse geworden, dass ich den Auftritt des Star-Djs vor um 4 Uhr morgens erwarte ? Etwas ratlos,

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