Eine Woche Neue Musik: Pendeln zwischen Berghain und Philharmonie

TA at Domino Festival, Brussels (photograph by Mich Leeman)

Samstag Abend, kurz vor zehn, es ist eisig kalt und schneit – eigentlich fast romantisch, hier in Wilmersdorf, auf dem Weg zum Haus der Berliner Festspiele. Das MaerzMusik Festival hat am Tag zuvor seine Eröffnung gefeiert. Heute Abend wird das Ensemble Speak Percussion erwartet – ein Dreierbund schicker junger Australier. Auf dem Programm stehen Werke von ebenfalls jungen australischen Komponisten, die eigens Stücke für das Ensemble maßgeschneidert haben. Eines davon, das spannendste des Abends, trägt den Titel “Cradles“, komponiert von Thomas Meadowcraft. Er selbst steht dafür groovend und cool hinter der Orgel, mit zwei Percussionisten links und rechts, die wild gestikulierend Tonband aus Bandmaschinen ziehen und mit dem unzähligen Schlag-Schnick-Schnack klingeln. Eigentlich ziemlich animierend diese laszive, sexy Wurlitzerorgel, gepaart mit den Quietschgeräuschen der Magnetspulen, nur darf man ja leider nicht mitspielen. Aber wer hat das als kleines Kind nicht geliebt, am Kassettendeck herumzuschrauben, die Stimmen zu manipulieren und an der Geschwindigkeit zu drehen. Schön, dass “ernste Musik” auch manchmal einfach Spaß machen darf.

Dienstag, einige Tage später, befinden wir uns in der Philharmonie und lauschen dem Hamburger Ensemble Resonanz, das Kompositionen von u.a. Beat Furrer und dem Tiroler Mützenträger Wolfgang Mitterer spielt. Eines der drei Hauptthemen (Schlagwerke) des diesjährigen MaerzMusik wird in Mitterers “rasch” auf eigenwillige Weise ausformuliert. Ein Schlagzeuger bespielt hektisch, und doch filigran und jazzig ein eigens für das Stück zusammengedachtes String-Drum-Set. Was heißen soll, dass Kontrabass, Cello, Bratsche und Geige an einer Schlagzeugaufhängung montiert sind und als Schlagflächen dienen. Klingt ziemlich gut, und ist auch noch schön anzuschauen. Der Streicherapparat, sowohl vor Ort als auch teilweise als gedoppelte Folie vom Band, integriert sich allerdings nur bedingt in die virtuose Klöppelei.

© Jann Wilken

Das wirklich Interessante an dem Abend ist aber der versuchte Brückenschlag zwischen den unterschiedlichen Publikumsschichten. Zwar sieht man in der Philharmonie großteils die üblichen Figuren, allerdings trauen sich diese, trotz fortgeschrittenem Alter und Garderobe, später doch Richtung Ostbahnhof ins Berghain. Reue? Eigentlich spielt, oder besser, sollte dieser Clash ja keine Rolle mehr spielen. Club, Konzert, Opernhaus – diese Differenzen vermischen sich doch scheinbar ohnehin, oder ist das nur der bemühte Versuch von Festivals und Veranstaltern? Dass man in Clubs in der Regel auch raucht, trinkt und nicht immer ganz so mucksmäuschenstill auf seinem zugewiesenen Platz sitzt, hat sich aber wohl noch nicht in aller Welt herumgesprochen. So werden wir doch gleich bei den ersten brummenden Tönen von Thomas Ankersmit von hinten angezischt: “Wenn ihr rauchen wollt, geht doch vor die Tür!!“, motzt so ein etwas älterer Herr in schwarzem Mantel. Kurz argumentierend, dann aber aufgrund von Lärmbelästigung nachgebend, widmet man sich wieder dem Eigentlichen. Thomas Ankersmit sitzt gebeugt vor seinem aufgefächterten Modularsynthesizer und schraubt dröhnendes Brummen aus seinem Gerät. Die Wahl ihn hier, im Berghain, auf einer Funktion-One-Anlage spielen zu lassen, macht Sinn, denn trotz der Schmerzen, die die Ohren aufgrund der enormen Lautstärke ertragen müssen, ist der Klang doch keinen Deut kratzig, sondern lupenrein. Und so kommt es, dass nachdem minutenlang ein stehender Subbass durch die Körper fährt, sich das eigene Körperempfinden nachher anfühlt, als wäre man gerade durchgeboxt worden. Fremd, nicht wie der eigene Körper, wie eingeschlafene Gliedmaßen, oder taubgefrorene Finger im Winter. Die einzige Frage, die am Ende des Konzerts übrig bleibt, ist, ob das jetzt alles nur Effekt war, nur das Austesten der Grenzen des Soundsystem und unserer Wahrnehmungsfähigkeit oder es tatsächlich musikalisch sein sollte? Die anschließende Performance von Marcelo Aguirre und Jens Brand, die laut Ankündigung irgendwas mit Death-Metal zu tun haben soll, ist jedenfalls nicht wirklich der Rede wert, ziemlich uninspiriert. Es gibt einzig ein paar Schmunzler für die Videoarbeit aus zusammen- oder auseinandergecutteten Schneewittchen-Disney-Fragmenten und trashigem Horror-Porno. Der Rest ist nerviges Schlagzeuggekloppe.
Auch das Konzert von Mahmout Refat – ebenfalls im Berghain – am Donnerstag ließ wenig Euphorie aufkommen. Die langatmige Performance des Ägypters spielt mit Field Recordings verschiedenster Ursprünge (Stimmen, Tiere, Verkehrsmittel und am prägnantesten ein Klavier und Saxophon) und übermalt diese mit dickem Soundpinsel. Obwohl stellenweise nett einlullend, ist es doch gerade aufgrund der nicht-existierenden performativen Darbietung eher einschläfernd. Live-Musik könnte doch so viel spannender sein.

Zum Beispiel so wie am Freitag Tarek Atoui im Haus der Berliner Festspiele das gezeigt hat. Hibbelig tänzelnd bewegt sich der große Libanese auf der Bühne und gestikuliert wild mit beiden Armen und Füßen. Erst nach einigen Minuten verstehe ich die teils sehr witzigen Bewegungen. Nicht nur auf dem Tisch sind Bewegungssensoren befestigt, sondern auch darunter, sodass sein ganzer Körper Instrument in dem Spiel ist. Vor zu hohem Lautstärkepegel ist man schon vorab an der Tür gewarnt und prophylaktisch mit Ohropax ausgestattet worden, aber, dass es einigen Altersgenossen dann doch zuviel wird, bemerkt man an der Zuschauerflucht aus dem dunklen Saal. Der Sound, den Atoui mit seinem sportiven Auftritt produziert, bewegt sich meist in heftigen Noise-Wänden, nimmt aber auch hier und dort mal einen geraderen Beat an und lässt den ein oder anderen Sitzenden immerhin mitnicken.
Ziemlich erschlagen von der Lautstärke und der körperlichen Verausgabung beklatschen die Übriggebliebenen (vermutlich ca. 80%) die Performance ausgiebig und pausieren nur kurz, um Atoui – vollkommen außer Puste und fast niedlich – Zeit zum Bedanken zu geben. Anschließend wird noch ausgiebig das überraschend spärrliche Equipment begutachtet: Bis auf ein paar selbstgebaute verkabelte Sensoren und seinem MacBook steht dort nicht viel herum. Beeindruckend.
Mit diesem Wahn konnte am Freitag der Ägypter Hassan Khan an gleichem Ort mit seinem halb-komponierten, halb-improvisierten “Superstructure (II)“ leider nicht ganz mithalten und muss, vielleicht auch aufgrund vom überfütterten Musikprogramm, nach einer Stunde mit relativ bescheidenem Applaus auskommen.

Überraschend, dass ein Festival für Neue Musik, das dem Namen nach ja eigentlich verstaubt und trocken zu sein hat, eine so entspannte und lockere Atmosphäre erzeugen kann und eben nicht einen wie sonst so üblichen elitären Charakter an den Tag legt. Das mag allerdings wohl auch daran liegen, dass die Veranstaltungen des Sonic Arts Lounge Programms erst immer ab zehn am Abend stattfanden. Und wohl auch daran, dass mit der Wahl der Locations selbstverständlich ein anderes Publikum erreicht wird. Aber das ist ja eigentlich zu begrüßen. Auch wenn diese Tendenz der Fusionierung von Club und Konzertsaal manchmal schon schlimme Dimensionen annimmt. Wieso sollten diese Differenzen denn nicht bestehen bleiben? Beide haben ihre Wesenseigenheiten. Sollte man die nicht bewahren? Monokultur will doch eh niemand. Hoffen wir zumindest mal. Und auf die Idee in der Philharmonie zu rauchen, kommt ja bisher auch keiner. Also ist doch alles gut, im subventionierten Kulturbetrieb.