Zum Re-Release von Repetitive Digital Noise, gönnen wir uns ein Atom Heart Interview von 1994.

So eben ist eine LP von Atom Heart unter seinem Pseudonym “I” in der Serie der Archiv-Releases erschienen, die zum ersten Mal 1992 auf dem Label Pod Communications rauskam. Da überkam uns die Nostalgie und wir haben für euch mal ein Interview mit Atom Heart in der Frontpage ausgegraben, dass wir 1994 gemacht hatten, damals, als Atom TM ganz kurz vor dem Wahnsinnsprojekt Rather Interesting stand. Also, wenn ihr breit seid für eine Reise in die Vergangeheit, dann Player angeschmissen, und rein in die Welt vor ca. 20 Jahren.

Atom Heart, Atomu Shinzu ist nicht nur einer der vielseitigsten deutschen Producer, sondern auch einer derjenigen, die es verstehen jeder einzelnen neuen Platte, jedem Projekt, dass er verfolgt eine so sichere einzigartige Identität aufzuprägen, dass man sich wundern muss, wie ein Einzelner es schafft so extrem verschiedene Charaktere wie zum Beispiel “Dr. Müller”, ein Hardcoreprojekt auf PCP und “Lisa Carbon” auf Rephlex und Pod so überzeugend zu verkörpern, ohne dabei schizophren zu werden. Atomu Shinzu ist nicht die Art von Musiker der es reicht einfach nur prima an der 303 zu drehen, oder die Presets seines Sythesizers gut in Schwung zu bringen, oder vielleicht einen klaren Sound auszubeuten, der ihm eine wie auch immer korrekte Identität verschafft, eine Rechtfertigung, sondern er versucht und begreift immer neue Soundwelten, in denenen er sich vorübergehend tief verankern kann. Er setzt seine Projekte praktisch wie Figuren in einem eigens inszenierten Theaterstück – und die Dramatik wird einem sicher nicht entgehen, wenn man nur nicht den Faden verliert – wer eigentlich alles Atomu Shinzu ist.

Wir sprachen mit ihm in einem leeren Restaurant, zwischen Blechgänsen im Springbrunnen und Tischtüchern, die bestimmt heute noch weiß glänzen und sich bestimmt gut zu seinen orangenen Schuhen abgrenzten. Er wirkte ruhig und konzentriert und wir wollten natürlich genau wissen, wie es nach dem vorläufigen aus für Pod, auf dem massiv viele von seinen Platten erschienen waren eigentlich mit ihm weitergegangen war.

FP: Was ist nach all deinen Veröffentlichungen auf Pod, dass ja bald wieder einen Neustart versuchen wird eigentlich passiert?

AH: Es hat sich alles ein wenig zerfasert. Es gab Veröffentlichungen auf Delirium, After Six A.M. und verschiedenen Labeln, aber das ging mir ziemlich auf den Keks und ich habe es deshalb jetzt Richtung Rough Trade, meiner neuen Hauptplattenfirma wieder gebündelt. Zumindest was Atom Heart angeht.

FP: Was ist eigentlich mit Olaf von Pod?

AH: Der legt jetzt wieder los, von England aus über PlasticCat.

FP: Rephlex sind ja auch eher so Parttime-Technos, deine neue Lisa Carbon erscheint ja auf Rephlex, das sind doch ziemliche Witzbolde oder?

AH: Ja ja, ich glaube die brauchen immer etwas was so aus dem Programm springt.

FP: Wie gehst du eigentlich mit deinen Tracks im Allgemeinen um? Wie verteilst du all das was du machst auf die Label?

AH: Das mache nur teilweise ich, je nachdem ob Katja, meine Managerin die Leute besser kennt, entscheidet sie oder ich wo die Tracks hingehen könnten.

FP: Gehen deine andern Projekte eigentlich die ganze Zeit weiter?

AH: Es gibt einige zumindest, das sind immer gleich ganze Geschichten, z.B. Urban Primitivism, da ist der Markt einfach auch ein bisschen schwierig und es ist auch die Frage ob man da Lust zu hat. Damals war das so, aber jetzt wohne ich wieder hier, nachdem ich die ganze Zeit im Ausland war, und ich war einfach so drauf, aber zur Zeit interessieren mich andere Sachen.

FP: Welche?

AH: Also kein Hardcore, um mal die Schublade zu ziehen. Ich finde Fusionen und House, noch eine Schublade, und andere Sachen zur Zeit ganz interessant. Um Hardcore zu machen, muss man einen Drang haben den Klang zu zerstören, und der fehlt mir im Moment. Eher dass Gegenteil. Die Leute auf Rephlex hätten zum Beispiel gerne eine neue Atomu Shinzu gemacht, aber da habe ich einfach keine Inspiration zu im Moment. Denen gefiel der Stil.

FP: Im Moment wird ja gerne auf House-Elemente zurückgegangen.

AH: Es macht ja auch keinen Sinn schneller zu werden, man hat sich vor einiger Zeit noch einfach nicht so gerne auf Fusionen von Sounds eingelassen, sondern lieber die extremeren Wege genommen. Aber ich denke man war da auch am Ende. Man denkt dann einfach wieder nach, was man aus bestehenden Elementen noch anderes machen könnte. Ich vervolge allerdings wenig von dem was tatsächlich passiert, ich habe ja nicht mal einen Plattenspieler.

FP: Warum?

AH: Weil er zuviel Platz weggenommen hat. Das ist nicht unbedingt mein Medium. Ich habe manchmal einen Drang zum Minimalismus, speziell in meinem Studio, und da es einfach keinen 19 Zoll Plattenspieler gibt, ist er rausgeflogen. Es macht mir keinen Spaß Platten zu hören, allein schon das Umdrehen, das widerstrebt meinem persönlichen Hörerlebnis. Ich hätte am liebsten alles in 19 Zoll, Waschmaschine, Kühlschrank, Fernseher. Ich habe alle analogen Synths aus meinem Studio verbannt.
Ich habe mich schon lange mehr für digitales interessiert, wenn man schon zehn Jahre mit analogen Geräten gearbeitet hat, dann weiß man automatisch, was man da rausholen kann, auch wenn die einen an guten Tagen dann doch noch überraschen können. Aber ich habe irgendwann gemerkt, dass ich die Musik im Kopf schon zusammensetzte, alles schon im voraus berechnet habe. Dadurch geht der Reiz verloren und ich zwinge mich gerne in neue Gebiete. Also alles Analoge ausgestöpselt, eingepackt und auf den Speicher gestellt und dann hat man dann plötzlich nur noch einen Sampler, und muss damit Musik machen.

FP: Das ist alles?

AH: Ich hab noch zwei so andere Kisten, aber der Sampler hat schon ziemlich viel Speicherplatz, und ich benutze ihn ja eh eher als Soundgenerator. Man hat alle Parameter wie sonst auch. Das ist auf digitalem Gebiet eine ganz andere Ästhetik. Das fordert einen. Das bietet mehr Möglichkeiten. Die Ästhetik ist ja immer bestimmt auch von dem was das Instrument von dem was man eingeben möchte wieder herrausgibt. Und das ist bei einem Sampler einfach ganz anders. Die Fehler sind auch ganz anders. Mischpulte, Effektgeräte und der Sampler, da ist eigentlich alles gleichwichtig.

FP: Es ist schade, dass sich im Effektgerätebereich so wenig tut, wenn man das mal mit Filmen vergleicht, dann ist es schon traurig.

AH: Alle haben halt diese Standards, aber was für verrückte Algorhythmen man schreiben könnte, das überlegen sie sich nie. Dafür aber gibt ziemlich seltsame besonders alte Geräte.

FP: Wie trennst du die einzelnen Projekte voneinander?

AH: Es sind verschiedene Parameter, die die einzelnen Sachen irgendwie bestimmen, aber man geht da auch nicht so ran. Ich erinnere mich an den ersten Atomu Shinzu Track, da hatte ich plötzlich das Gefühl etwas völlig neues gemacht zu haben, was es vorher noch nie gab. Das war halt dieser Breakbeat und die Flächen und eher hart und ohne viel Veränderung, aber man zählt das nicht so vorher ab. Atom Heart ist eher eine mellow Geschichte. Jedes mal wenn ich eine neue Idee hab, wie etwas klingen könnte, dann fällt mir auch gleich eine Idee dazu ein, ein Name, ein Image, sogar schon das Cover. Bilder ist vielleicht der beste Begriff.

FP: Atom Heart ist aber ein ziemlich zentrales Bild, oder? Du übersetzt es ja auch in andere Projekte wie das japanische Atomu Shinzu oder das französische Cœr Atomique.

AH: Ja, es gibt auch Projekte, da mache ich eine Platte, denke mir, dass ich vielleicht später noch etwas in dieser Richtung mache, aber weiß irgendwie auch das mir mehr dazu im Moment nicht einfällt. Es geht auf jeden Fall von der Idee aus, was erlaubt ist und was nicht, dieses Gucken was passiert, ist dann an einer anderen Stelle wichtig. Manchmal, wenn man etwas machen möchte holt man einfach aus keinem Gerät etwas heraus, dann lässt man es besser. Manchmal will man eine LP fertig machen, aber der fehlende Track kommt einfach nicht, dann muss man unter Umständen sehr lange warten. Dieses Unerwartete spielt da dann wieder eine große Rolle. Oder wenn die Maschinen abstürzen, oder wenn Fehler passieren, die zwar manchmal echt mies sind, aber eben auch oft drin bleiben, weil sie einfach gut passen und abstrakter werden. Wenn eine Maschine etwas macht, was ein Mensch nie machen würde, zumindest jemand mit einem Klangempfinden, dann muss man persönlich mit seiner Beurteilung zurücktreten und versuchen das ganze neutral zu hören, wenn man nicht mehr weiß wie es eigentlich genau klang, so wie wenn man etwas zum ersten Mal hört. Und wenn ein so abstraktes Element dann in der Musik ist, dann stellt man sich automatisch den Typen und sein Gehirn vor, der sich so etwas ausgedacht haben könnte und dann wird es richtig gut. Welcher Idiot hat sich so etwas nur ausgedacht, obwohl es sich eine Maschine noch nicht einmal ausgedacht hat sondern es einfach gemacht hat. Auf der Morphogenetic Fields sind auch ein paar solcher Sachen drauf.

FP: Viele wagen so etwas gar nicht erst, sondern versuchen den Fehler dann auszubügeln.

AH: Ich kenne auch wenige die sich persönlich zurücknehmen. Das musste ich allerdings auch lernen. Sehr lange Zeit bin ich ziemlich starr an die Titel herangegangen. Ich finde es witzig: Rauschen, Fehler, das sagt ja dann auch wieder etwas über die Person aus die das macht. Wenn man sich mal alte Detroitsachen auf CD anhört, dann ist es im Gunde einfach unglaublich, wie die rauschen. Man fragt sich einfach woher die überhaupt soviel Rauschen bekommen haben. Wenn man das danm sauber nachprogrammiert ist alles weg, wie ein nachcolorierter Dick und Doof Film.

FP: Oder die zigste Basic Channel Kopie.

AH: Man muss sich so etwas erlauben. Viele Leute die ich kenne, die jetzt Techno machen, die sind eigentlich eigestiegen weil sie zu Hause ein Studio haben und ihr Studio irgendwie bezahlen müssen. Vorher haben sie alle ganz andere Sachen gemacht. Deshalb gehen sie natürlich etws uncool an die Musik ran. Die verstehen die Freiheit nicht, die in dieser Musik steckt. Man muss es beherrschen sich mit dem Wissen das man hat, nicht nur zu limitieren, sondern sich auch Freiräume zu schaffen. Es ist auch wichtig einen sauberen Klang machen zu können.

FP: Welche Platten werden denn von dir noch kommen in der nächsten Zeit?

AH: Erst mal die Lisa Carbon, dann eine Platte bei Hyperium, die erste Bitnicks, dann gibt’s eine neue auf Fax, Softcore, eine die ist grade in Verhandlung, die heißt Almost Digital, das war die erste die ich mit rein digitalem Equipment gemacht habe, und ab September gibt es mein eigenes Label, Rather Interesting.

FP: Du scheinst gerne so abschwächende Titel zu machen.

AH: Abschwächend? Das geht aber auch in beide Richtungen. Auf Pod kommt natürlich noch die nächste I, und die DOM, von mir und einem Frankfurter. Ich muss mich leider ziemlich limitieren mit den Zusammenarbeiten, weil ich so schon genug zu tun habe. Die ganzen DJ Kollaborationen und so etwas mache ich eigentlich nicht mehr. Ich veröffentliche so schon genug.

FP: Passiert es dir manchmal, dass du eins deiner eigenen Stücke nicht wiedererkennst?

AH: Oh ja, vor ein paar Tagen da habe ich MTV gesehen und es lief ein Stück von Ongaku, von dem ich zwar wußte dass es ein Video gibt, aber ich hatte es noch nie gesehen. Mein Neffe hatte mich angerufen und meinte ich soll doch mal das Fernsehn anmachen, was ich nicht oft mache, und meinte es liefe ein Lied von mir. Ich mach’ das Fernsehn an und sag ihm, ne, das ist nicht von mir, aber mein Neffe, der ist 5 Jahre, meinte: doch das ist von dir, und ich musste erst eine Minute richtig zuhören, um mich zu erinnern. Das Seltsamste allerdings, was mir passiert ist, ist, dass mal eine Platte von ‘mir’ auf Solid Pleasure erschienen ist, die ich nie im Leben gemacht habe und von der nicht mal die Titel stimmen. ‘Mother’? Ich bin aber auch kein wirklicher Musikkonsument, ich höre halt ab und zu was an.

(nach ein bisschen zufälliger Recherche ist uns zu Öhren gekommen, dass diese Platte tatsächlich Stücke von Moritz von Oswald, auch bekannt unter dem Namen ……………)

FP: Gibt es irgendwelche Sachen die dir immer wieder gut gefallen?

AS: Ja, aber die Sachen tauchen meist irgendwie so auf. Meistens, wenn ich jemand frage, was das für ein Stück ist, dann ist es von Carl Craig. Aber gewisse Richtungen sind mir ziemlich egal.

FP: Es ist traurig dass so viele Tracks einfach vergessen werden. Ins Nichts untertauchen und nie wieder gehört werden.

AH: Das bringt allerdings auch die Musik mit sich, weil es einfach zu viele Sachen sind die erscheinen.

FP: Dafür kann man immer wieder neue Sachen wieder entdecken.

AH: Das ist ein bißchen wie ein Liveauftritt, etwas passiert, dann verschwindet es für immer und man kann es nie wieder finden.

FP: Was ist eigentlich mit deinen Acid Ramcash Platten?

AH: Oh, die sind unglaublich schnell gemacht, im Grunde habe ich für die Platten jeweils kaum länger gebraucht, als die Musik dann auch tatsächlich dauert. Das einzig aufwendige daran war, die Bögen für die Gema auszufüllen, weil die aus irgendeinem Grund keine Nummern mögen, und die Titel ja alle aus einer ziemlichen Reihe von Zahlen bestehen. Ich musste die dann alle in Buchstaben eintragen, damit die glücklich sind. Die Gema ist ein seltsamer Verein. Und ich bin ein Feind des Copyrights. Alle meine Platten tragen jetzt dieses Zeichen, ¢, für Macos, das heißt “Musicians against Copyrights of Samples”, das jedem erlaubt von meinen Platten, und von jedem, der das auch macht, zu sampeln was er will. Diese gesamte Idee jemand hätte die Rechte an einem Klang ist irgendwie nicht in Ordnung. Wer immer da noch beitreten will, soll sich bei mir melden.

Aus Frontpage 94-11

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