Berlinale-Tagebuch II

Der Potsdamer Platz wird von gut gelaunten Filmschaffenden von allerwärts bevölkert: Die Berlinale geht weiter und auch der zweite Tag macht so viel Spaß wie der erste. Nach wie vor ist vom feistesten Möchtegern-Hollywoodfilm bis zum dezentrierendsten Doku-Drama alles zu haben. So sehr sich die Diskurse in die Bilder schieben, so unfassbar ist was es zu sehen gibt … Filmtips Zunächst erscheint „Arlit, deuxième Paris/ Arlit, the Second Paris“ (Forum – Benin, Frankreich) als der perfekte Dokumentarfilm: Er zeigt die verfallende Stadt Arlit in Benin, ist endlich einmal nicht über Themen und Thesen aufgezogen. Vielmehr strukturieren ihn bestimmte Kameraschwenks über die Stadt hinweg und die Sprechweisen der BewohnerInnen. Wie um jegliche diskursive Überkodierung abprallen zu lassen, gibt es immer wieder sehr ähnliche Einstellungen: Eine Art Loop entsteht, wenn wirklich jede interviewte Person erzählt, daß Arlit einst das afrikanische Paris gewesen sei. Dramaturgisch völlig unbefriedigend integriert, übt die zweite Hälfte des Films Kritik an den internationalen Firmen, die in der Gegend unter ungenügenden Sicherheitsvorkehrungen Uran abbauten. „Les Mauvais Joureurs/ Gamblers“ (Panorama – Frankreich) ist ein „Mean Streets“, das im Pariser Textil-Milieu spielt, die Hauptfiguren sind armenische und chinesische Migranten. Was die Handlung angeht, hält sich der Film zunächst sehr zurück, zeigt in präzisen und scharfen Szenen die Rede, die Affekte, die Posen von Menschen, für die jede soziale Situation eine Daseinsbehauptung ist und Gewalt ein wesentlicher Existenzbeweis. Die konstruierten Momentaufnahmen sind großartig, als die Geschichte überhand nimmt, verliert der Film sich. Michael Ciminos Westernepos „Heaven´s Gate“ wollte die Heldentaten des New Hollywood wie „Apocalypse Now“ oder „Little Big Man“ übertreffen und trieb damit das Studio United Artists in den Konkurs. Das Modell des Autorenfilms, der künstlergesteuerten Filmproduktion, verschwand damit in Hollywood. Im Dokumentarfilm „Final Cut: The Making and Unmaking of Heaven´s Gate” (Forum – USA) wird, hauptsächlich durch Interviews, die Geschichte des Films nacherzählt. „Final Cut“ biedert sich in jeder Hinsicht beim Publikum an und bewegt sich in den Thesen auf Allgemeinplätzen. Wie sich in Claire Denis´ „Vers Mathilde/ Towards Mathilde“ (Forum – Frankreich) die Bewegungen von zeitgenössischem Tanz, elektronischer Musik, Architektur, Choreographie-Unterricht und Kino berühren, überschneiden, dann ineinander laufen und manchmal zusammengehen, gehört zu den aufregendsten und schönsten Bildern dieser Berlinale. In „Shin Sung-il-eui hangbang-bulmyung/ Shin Sung-il is Lost“ (Forum – Korea) erzieht die Leiterin eines Weisenhauses anhand gefälschter Bibelzitate dazu, essen zu verabscheuen. Aus einem harten Realismus werden sehr spezifische Bilder psychischer Räume entwickelt, gegen die viele Filme David Lynchs bloß schwülstig wirken. Wenige können aus einem ziemlich neutralen Blick in die Landschaft und auf Personen soviel Sinn erzeugen wie Raymond Depardon in „Profils paysans: Le quotidien/ Ländliche Ansichten: Alltag“ (Forum – Frankreich). Der Film zeigt alte Bergbauern in Lozère, Ardèche oder Haute-Loire, die die Letzten sind, die eine über Jahrhunderte hinweg ausgeübte Lebens- und Wirtschaftsweise praktizieren. Es scheint, als habe das filmische Bild eine Dimension der Leere in der Welt erfunden, die es vorher nicht gab – und als werde in diesem ungekerbten Bildraum die Obsoletheit dieser altertümliche Existenzweise bloß doppelt deutlich. Ekkehard Knörers Weblog zur Berlinale: http://jump-cut.de

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Elektronische Lebensaspekte.