“Mathilde – Eine große Liebe” von Jean-Pierre Jeunet kommt ins Kino


Es musste natürlich wieder ein Name sein, der im deutschen Titel des neuen Jean-Pierre Jeunet- Filmes eine Frau als Hauptakteurin auf den Schild hebt. Im Original heißt der Film – wie auch die Buchvorlage – “Un long dimanche de fiancailles”, gibt sich damit weniger plakativ und verweist nicht so offensichtlich auf das Thema, verweigert den Hinweis auf den erfolgreichen Vorgänger ”Amelie“. Auch wenn wieder Audrey Tautou die Hauptrolle spielt und die Handlung – eine junge Frau sucht ihren im Ersten Weltkrieg verschollenen Verlobten – an die Glückssuche der Montmartre-Saga um Amelie erinnert, ist der neue Jeunet-Film keine harmlos-verschrobene Komödie. Das hier ist was ganz anderes. Mathilde, nicht glauben wollend, dass ihr Verlobter Manech 1917 getötet wurde, ist nicht mehr die reh-äugige Naive. Sie weiß, was sie will. Ihr Gefühl sagt ihr, dass Manech noch lebt. Und weil sie das weiß, setzt sie alles daran, ihn zu finden – gegen jeden Widerstand ihrer Umgebung. Glaube versetzt eben Berge, heißt es doch! Daneben ist “Mathilde – Eine große Liebe” eine harte Prüfung für den Zuschauer. Den wunderschönen Landschaftsbildern oder dem glücklich küssenden Liebespaar vor dem Krieg werden die brutalen Schlachtszenen im Morast an der Somme in Nordfrankreich gegenübergestellt. Und dieser Kontrast verstört zunächst, auch weil dem Zuschauer in den Kampfszenen die Granaten und Maschinengewehrgarben um die Ohren fliegen. Anders geht es seit Spielbergs “Soldat James Ryan” eben nicht mehr, der Horror der Schlacht soll erfahrbar sein. Es wird geklotzt, was die Computer und ihre Animationen hergeben. Das ist ebenso überwältigend wie die Massenszenen im Paris der beginnenden 1920er Jahre, ob es nun vor der alten Opéra oder vor den Markthallen in Les Halles ist. Jeunet hat mit “Mathilde – Eine große Liebe” im Vorbeigehen gleich noch einen Monumentalfilm gedreht. “Mathilde – Eine große Liebe” wäre natürlich kein Jeunet-Film, wenn es keine verschrobenen Typen (wie etwa den bretonischen Postboten mit seinem Fahrrad oder den obsessiven Pariser Privatdetektiv, den Mathilde mit der Suche nach Manech beauftragt) oder schrägen Anekdoten gäbe. Und wieder sind es die Farben – Goldgelb für die romantischen Momente, Kackbraun für die Kriegssequenzen –, die so artifiziell geraten sind, dass unsere Empfindungen regelrecht zugetüncht werden. Aber stellen wir uns Liebesglück nicht ebenso farbenfroh vor, wie wir uns den Kampf im verschlammten Schützengrabengewirr des Ersten Weltkrieges entsprechend trist ausmalen. Insofern decken sich unsere Phantasien mit denen des Regisseurs. Man kann diesen Film natürlich auch zu klebrig oder zu bemüht anders finden, aber Jeunet hat seine Filmsprache weiterentwickelt, ja ausgebaut. Er geht noch stärker auf die Wirklichkeit zu, die er nur noch mit seinen komischen Einfällen bricht. Mit diesem nur leicht aufgebrochenen Naturalismus setzt er sich deutlich von Filmen wie “Delicatessen” und auch “Die fabelhafte Welt der Amélie” ab. Die offizielle Seite zum Film bietet jede Menge Infos, Photos und mehr zum Film:
http://www.mathilde-derfilm.de/

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Elektronische Lebensaspekte.