Constantin Köhncke und Michael Döringer über ihr Wochenende

Fotos von Anette Swaffelen und Stephan Flad.

Einmal im Jahr wird Ferropolis zum Sehnsuchtsort der globalen Indietronic-Bewegung, eine Pilgerreise des guten Geschmacks sozusagen. Das mittlerweile 14. Melt! in Gräfenhainichen war erstmals bereits einen Monat vor Beginn ausverkauft, was vielleicht auch auf die immer größer werdende Menge an internationalem Publikum zurückzuführen ist. Es spricht sich eben rum, dieses Melt! Überall auf dem Gelände und auf den Campingplätzen hörte man Englisch und, vor allen Dingen, Holländisch, die zumindest subjektiv die größte Gruppe an Zugereisten darstellten. Ansonsten war das diesjährige Festival erneut von einem Line-Up geprägt, das zum einem das Beste des Jahres aus Indiebands und Elektronikaacts darbot und zum anderen Genregrenzen auch innerhalb der Acts transzendieren ließ. Wenn Nicolas Jaar und Apparat zu Frontmännern ihrer Bands werden, dann ist die Band endgültig zu einem festen Bestandteil elektronischer Musik geworden. Und mit Pulp haben es die Organisatoren geschafft, eine wahre Bandlegende wieder auf eine deutsche Bühne zu holen.

Freitag
Aber von vorne. Wer auf die Schmankerl der späten Morgenstunden nicht verzichten will, der wagt sich am besten erst Abends auf das Gelände. Für uns gibt Jamie Woon gegen 20 Uhr auf der Strandbühne den Startschuss. Spätestens hier sollte es jedem wie Schuppen von den Augen fallen: Nix Dubstep, auch nicht mit Post-, Woon ist ein Soulrocker vor dem Herrn, ein schmachtender Gitarrero. Aber einer mit großem Talent, dessen Songs live nichts von ihrer (oft übertriebenen) Leidenschaft verlieren. Jamie Woon spielt den klassischen Popstar mit Dauerlächeln, unmöglich in den Topf zu schmeissen mit anderen jungen Produzenten. Etwa mit dem, der ihm auf die Bühne folgt und die Rollenunterschiede noch deutlicher macht: Nicolas Jaar spielt auch mit Band, doch nicht als typischer Frontmann, sondern als unauffälliger Koordinator an den Tasten im Hintergrund. Dafür rockt er den Strand mächtig, mit den langsamsten Beats des Wochenendes und seinem fantastischen Saxophonisten. 1:0 für Nico.

Verplant vs. Geplant
Die französischen Swing-Houser Nôze sind vielleicht die verpeiltesten Live-Musiker der Welt. Zumindest sorgen sie in der sonst doch sehr straff organisierten Bühnenplanung (fließende Übergänge auf der Big Wheel Stage) für eine angenehme Abwechslung und die nötige Entspanntheit. Gefühlte Ewigkeiten dauert der Aufbau, dabei wird auf der Bühne schon etwas Wodka getrunken und irgendwann beginnt die Band um Nicolas Sfintescu dann auch mit der Musik. Die wiederum ist sehr angenehm entspannt und kommt zunächst auch ohne die ganz großen Hits aus, vielmehr wird hier mit echten Instrumenten mit sichtlicher Freude frei improvisiert. Wenn dann noch der Signature-Balkan-Beat einsetzt, gibt es auch im Publikum kein Halten mehr. Drüben bei Paul Kalkbrenner ist dagegen alles eher straff durchorganisiert. Die Zugaben sind kalkuliert, in einem Triptychon aus Lichtwänden steht der Posterboy der Post-Technogeneration im gleißenden Licht weißer Spotlights und ist einfach Paule, der Junge, der auszog um Techno zu machen. Ohne Frage kommt das an, was er da macht, und ohne Frage ist das, was er da macht, musikalisch auch weiterhin wunderbar effektiv, einfach und ja, immer noch ziemlich fantastisch.

Die ganz Großen an den Decks geben sich derweilen auf dem erwähnten Big Wheel Rasen die Klinke in die Hand. Miss Kittin spielt ein riesiges Set und singt zu ihren Disco-Edits, Zeit zum ausflippen. Carl Craig und Radio Slave holen einen mit Ansage wieder auf den harten Technoboden zurück. Routiniert. Groß.
Auf der wohl durchgehend spannendsten und irgendwie auch schönsten Bühne, der von Modeselektor kuratierten Melt! Selektor Stage, direkt am abfallenden Strand, wird pünktlich zum Morgengrauen schon der Auftritt von A.T.O.L. antizipiert. A.T.O.L., so sprich sich langsam herum, das sind neben den beiden Modeselektoren die Berghain-Boys Marcel Dettmann und Shed, die nun zu viert am Tisch stehen, und synchronisierten Acid-Techno zum Besten geben. Vielleicht merkt man ein bisschen, dass dies der erste Auftritt dieser Kombo ist, manches ist noch nicht so ganz rund, aber das tut der Grundidee und der Energie ihres Sounds keinen Abbruch. Irgendwie stellt man sich vor, dass es früher auch einmal so war, jeder an seinem Gerät, und alle vereint im Klang. Ein Techno-Jam und ein kleines Juwel an diesem Abend.
Wer seine Beine noch minimal bewegen kann, geht danach noch bei Tensnake ausgrooven. Ein schönes Gefühl, mit einem freundlichen Rest in den strahlend sonnigen Tag zu tänzeln, nachdem sich große Masse kurz zuvor bei Boys Noize vermutlich angemessen zerfeiert hat. Tag 1 von 3 geschafft. Melt, du heißes Ding!

Samstag
Es klingt ja immer wie eine Plattitüde, wenn gealterte Popacts von ihrem „last gig in Germany“ sprechen. Bei Mike Skinner und seinen The Streets wird dies aber auf Nachfrage sogar von höchster Stelle bestätigt. Bei mediterraner Abendwärme und einer zu allem bereit zu sein scheinenden Crowd vor der Main Stage spielt Mike Skinner dann aber auch so, als wäre es tatsächlich die letzte Show. Alle Hits werden astrein und topsauber vorgeführt, gebündelt in einer zwar ziemlich standardisierten Bühnenshow, die trotzdem für kollektive Glückseligkeit sorgt und in plötzlichen Tanzkaskaden im Publikum ausartet. „Weak become Heroes“ – das klassische Popparadigma eben. Drüben auf der Big Wheel Stage endet gerade Amé mit einer sehr passenden Version von Massive Attacks „Hymn of the Big Wheel“, bevor das Hamburger Label Pampa seinen Teil des Abend begehen wird, das mit einem fulminanten Set von Labelchef DJ Koze enden soll. Aber zunächst kommt Rajko Müller aka Isolée, der Frickler und Klangtüftler, mit dem Stichworte wie Microhouse unweigerlich verbunden sind. Aber heute spielt er nicht live, sondern legt auf, auch wenn er fast ausschließlich seine eigenen Tracks kuratiert. Eigentlich ist das der perfekte Soundtrack für die sich nun rasch füllende Big Wheel Stage, und die kurzen technischen Probleme zu Beginn können die Schönheit seiner Tracks auch nicht lange zerstören. Isolée ist zwar zunächst auch selbst verwirrt ob der technischen Probleme und schlägt irritiert die Hände über dem Kopf zusammen, aber als dann alles läuft, da brodelt es plötzlich aus ihm heraus – man hätte es ja nicht gedacht – und er mimt Bier-trinkend den DJ. So schön kann Pampa sein.

Kickdrum bleibt King
Letztere muss man gegen Mitternacht kurz verlassen und sich Richtung Beach aufmachen. Mit dem stimmgewaltigen Sampha an seiner Seite trommelt Maskenmann SBTRKT auf Fellen und Pads seine phänomenale neue Platte runter. Alles wackelt mit geschlossenen Augen zu den poppig geglätteten Garage-Beats. Seine Tracks sind unwiderstehliche Perlen und die zur Zeit beste Fusion von Bassmusik und Pop. Da muss erstmal einer nachlegen.
Back to the Pampa: Nur eine Stunde mit Koze zu tanzen reicht dann auch um sich wieder bewusst zu werden, wer der Boss ist. Rotes Halstuch, Käppi und Tracks, die kein anderer so zum Grooven bringt. Daneben sieht das Glitzervolk ziemlich alt und lahm aus. Aber Herr Kozalla serviert sie für alle, die „big fat kick drum“, tief in den Magen.
Die hat auch Siriusmo reichlich am Start. Der scheue Frickler steht im Dunklen zwischen aufgetürmten Boxen und praktiziert seinen Comic-haften Bastardtechno in die Menge. Da kann man nur staunen – oder ausrasten.

Sonntag
Nach einem angenehmen Freitag und einem heißen Samstag gibt es am Sonntag doch noch eine Regendusche für Ferropolis. Die eigenen Akkus sind zwar schon arg im roten Bereich. Doch für eine Band wie Pulp nimmt man auch Regen, Schlamm und Erschöpfung in Kauf. Es lohnt sich: Ein absolutes Hit-Set, Jarvis turnt quietschfidel auf Stöckeln über die Bühne und hat die besten Moves der Welt. Klar zu sehen, dass ihnen die Reunion Spass macht.
Das Melt 2011 geht zu Ende. Richie Hawtin kann sowieso alles und pumpt die Menge vom Gelände Richtung Sleepless Floor, wo Ellen Allien wie jedes Jahr mit dem (erstaunlich großen) Rest vom Fest eine letzte Abfahrt startet. Jetzt heißt es trocken werden, aufbrechen und runterkommen. Und sich wieder fragen, wie das beim nächsten Mal eigentlich noch getoppt werden kann. Es wird passieren, bestimmt.

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