Michael Döringer und Bianca Heuser über ihr Wochenende

Man wird ja nicht jünger. Festivals findet man mit der Zeit auch immer doofer, aber Melt!? Na klar, muss. In diesem Jahr haben wir uns ausnahmsweise dazu entschlossen, erst am Freitag anzureisen, Pre-Party mit Mike Skinner hin oder her, Hauptsache man kann sich eine Nacht im Zelt sparen. Nachteil: Wenn man den ganzen, früh begonnenen Tag mit Schlepperei, Aufbau und Campingplatz-Eingewöhnung zu tun hat, ist man abends ziemlich platt. Kein Wunder also, dass wir es z.B. weder zu den frühabendlichen Raveonettes, noch zum Sunrise-Dance mit Floating Points geschafft haben.

Der Freitag beginnt für uns deshalb mit John Talabots Live-Set, das uns das Eingrooven aber besonders einfach macht: Leichter, sonniger Funk; die perfekte Nachmittags-Disco (es war eigentlich 20 Uhr, erstes Anzeichen von Realitätsverschiebung) an der Big Wheel Stage. Die hat sich seit dem letzten Mal übrigens deutlich verändert. Statt im Bagger steht die Bühne jetzt silbern glänzend, und sogar im Vergleich zu den Baggern ziemlich wuchtig, ganz weit hinten. Das macht Sinn, weil die Zahl der Melt-Besucher, deren vorrangiges Ziel ein echter Rave ist, mit jedem Jahr steigt, gefällt uns aber trotzdem nicht so gut. Also erst mal an den Strand. Auf der von Modeselektor kuratierten Bühne am Wasser sind gerade Brandt Brauer Frick mit einer treibenden Live-Show zugange. Danach kommt Shed, der in seinem prächtigen Set ein paar Eindrücke seines neuen Albums (unserer Platte des Monats) gibt.

Am Strand ist es doch am schönsten, Modeselektor haben erneut fein selektiert und featuren natürlich besonders gerne die eigenen Labelacts und sich selbst. Mouse on Mars, Hudson Mohawke, ein Affentanz mit den Selektoren höchstpersönlich, und mit unserem Lieblings-Matheprof Dan Snaith findet der erste Abend ein Ende. Uff, und trotzdem so viel anderes verpasst.

Samstag: Abhängen auf dem Zeltplatz, Zeit zum Nachdenken und günstigen Biertrinken. Das macht auf dem Gelände leider nicht so viel Spaß, die offizielle Verpflegung scheint sich ohne Ausnahme um einen Euro verteuert zu haben – ein Bier für vier, ein Schälchen Spätzle für fünf Euro. Schon etwas hart, und dieses Fressmonopol wird gut gesichert – “Keine Snacks!” bekommen wir am Einlass zu hören, unser angerissenes Päckchen Kekse muss leider draußen bleiben. Unser Taschenmesser scheint dafür niemanden zu stören. Aber ansonsten ist auf dem Melt! wieder alles ganz wunderbar entspannt und gut organisiert, kein Grund sich zu beklagen. Es wird Abend und wir sind immer noch auf dem Zeltplatz, es gibt auch keinen wirklichen Anreiz vor Araabmuzik aufs Gelände zu gehen, haben wir beschlossen. Man hat bei einem Großteil des Lineups einfach auch das Gefühl, dass man die Acts in den letzten Monaten schon in Berlin gesehen hat, oder demnächst dort sehen wird. Zumindest die DJs. Dixon, Steffi, Oskar Offermann, Gerd Janson – nichtsdestotrotz eine Spitzenauswahl.

Bei Araabmuzik finden wir ihn schließlich, den wahrscheinlich sympathischsten Melt!-Besucher des Jahres: Ein bärtiger Metalhead, der heftig sein Haar zum Beat schüttelt. Finden wir total angemessen. Später werden wir außerdem noch Zeuge des irrwitzigen DJ-Sets von Gaslamp Killer, der die neuesten FlyLo-Joints, Camp Lo und sogar die Beatles zusammenbringt und unentwegt über die Bühne bounct. Dieses hyperaktive Samplezapping sollte sich jeder bei nächster Gelegenheit anhören. Dann treibt es uns noch mal zur Hauptbühne, zur spektakulären One-Man-Show von Squarepusher. Auf seine neueste LED-Helm-Kreation könnten sogar Daft Punk neidisch sein. Leider sehen wir die Show nicht ganz, weil uns aus der Ferne die dicken Bassdrums von Laurent Garniers LBS-Projekt auf der Big-Wheel-Stage locken. Ein Großrave, wie ihn sonst nur Richie Hawtin am Melt-Sonntag zustande bringt, mit breitschultrigem World-Domination-Techno, vor dem man nur erzittern kann. Er befiehlt: Akkus leertanzen! Und umzingelt von hundert high-as-a-kite Briten unterwerfen wir uns dem Beat. Gute Nacht!

Sonntag schafft es die De:Bug-Taskforce vom Sirenengesang Lana Del Reys gelockt schon kurz nach dem Frühstück an die Gemini-Stage. So ziemlich alle wollen Lana auf der Bühne sehen, und die Lästereien über Lippen und Posen verstummen auch sehr schnell, als sie ihren Balladenreigen anstimmt. Tatsächlich eine astreine Performance, unzählige Handys werden in die luft gehalten. Lana lässt sich eine Zigarette bringen und anzünden, und alle applaudieren; Lana winkt, und das Publikum ist ganz außer sich; Lana steigt in den Graben, und der ersten Reihe stockt der Atem. Nach 40 Minuten zieht sie ein letztes mal den Träger ihres blauen Mini-Kleides wieder hoch und verschwindet, ohne sich noch mal umzudrehen. Perfekt.

Nach einem letzten kleinen Schauer zieht es uns dann noch einmal vor die Mainstage. Unsere liebste kanadische Indieband Destroyer spielt im letzten Abendsonnenschein, ganz passend zum Insel-Look der Band. Ein bisschen schwofen, Whiskey schlürfen und dem Saxophon entgegenschmachten und auch schon wieder vorbei. Schön.

Kurz vor Ende trennen sich dann unsere Wege: Wer Twin Shadow sagt, darf auch Justice nicht vergessen. Letztere lotsen eine Splittergruppe unserer Camping-Crew dann doch noch vor die Hauptbühne, zum Kampf in die vorderen Reihen reicht der Akku aber längst nicht mehr. Bei der Lautstärke fällt es auch schwer sich vorzustellen, dass die besseren Plätze tatsächlich das Vergnügen mehren. Aua. Die Lichtshow ist absolut bombastisch, fast schon lächerlich. Allein dem einsamen weißen Kreuz, das zu Beginn auf der Bühne leuchtete, konnte das ganze Wochenende in Sachen Dramatik nichts das Wasser reichen. Ich frage mich, wo der langhaarige Metalfan von gestern geblieben ist.

Und für alle zarten Seelen, die sich der derben Rockshow entziehen wollen, spielen Twin Shadow im Zirkuszelt ein zwar auch ordentlich rockiges, aber beglückend schönes Konzert. Das ist dann auch der beste Moment, um Adieu zu sagen, während die Feierhorden zu den jährlichen Richie- und Ellen-Happenings ziehen. War bestimmt auch dieses Mal wieder brutalste Spitzenklasse. Danke Melt!, wir kommen natürlich wieder.

4 Responses

  1. grusss

    melt ist die größte drecksveranstaltung.

  2. Mave

    Der Metalhead war ganz hinten links vor der Treppe wieder am headbangen. Das gesamte Konzert über; Respekt.

  3. Gustav

    @ grusss: Warum? Wollt nach Jahren mal wieder auf ein großes Ding und dachte wenn dann Melt! (gute Mischung etc.). Alternative?