Es war live und wir waren dabei

Alle Fotos: Robert Winter

Alle Fotos: Robert Winter

Wenn man es zeitlich und finanziell einrichten kann, aufs Melt! Festival zu fahren, ist es nie verkehrt, den mächtigen Industriekränen Gräfenhainichens einen Besuch abzustatten. Dass dieses Jahr, abgesehen von The Knife, gefühlt der ganz große Wurf im Line-Up fehlte, erklärt vielleicht, warum das Festival erst sehr spät ausverkauft war. Trotzdem: Besser bildet kein Festival die aktuelle Musiklandschaft ab.

Freitag
Am Strand auf der Melt!Selektor Stage liefern die Sick Girls schon am frühen Abend sehr tanzbares Material ab und lassen sich selbst das Tanzen auch nicht versagen. Der Auftritt von Sinkane danach becirct mit synkopischen Rhythmen, Synthie und Wah-Wah-Gitarre, auch wenn das ganze vielleicht etwas zu sehr wie auf dem Album klingt. Kurz darauf übernehmen James Blakes soulige Stimme und Zeitlupenbeats auch schon das gesamte Areal um die Main Stage herum. Eigentlich keine große Überraschung, dass das ein großartiger Auftritt werden würde, er ist schließlich mittlerweile Profi.

Jimmy Blake

Jimmy Blake


Im Intro Zelt spielen derweil die Brooklyner Friends. Deren Leadsängerin Samantha Urbani singt sich zu – leider etwas eintönigem – 80s Pop in die höchsten Töne und startet eine unwiderstehliche Party. Dementsprechend fliegen kurz darauf auch schon die ersten Bierbecher über die Köpfe. Auf der Mainstage spielen derweil noch die Mercury-Prize-verwöhnten Alt-J, deren Auftritt nichts zu wünschen übrig lässt, aber auch keine wirklichen Überraschungen bereithält.

The Knife

The Knife

Dann: warten auf The Knife. Dass die Band sich schon seit längerem im Hintergrund hält ist bekannt, aber wünscht man sich zu ihrer Musik wirklich zwanzig Tänzer in silbernen Outfits, die eine Art Kosakentanz performen? Die Enttäuschung ist bei vielen groß, viele gehen einfach ganz. Vielleicht ist das doch alles zu futuristisch und weird gedacht. Mehr Einblicke hätten gut getan, es ist nie ganz klar, was von der Musik gerade vom Band kommt und was live ist. Ganz anders hingegen im Anschluss Trentemøller, der seine Klanglandschaften mit kräftigen Bässen unterlegt, aber mit kompletter Band performt. Das passt hervorragend zum Beginn der Nacht und stimmt schon mal auf die vielen DJ-Sets ein, die noch auf dem Programm stehen. Zum Beispiel das zweistündige Set von Modeselektor & Apparat – Techno mit einer Ahnung vom kommenden Moderat-Album.

Samstag
Die Mainstage ist den ganzen frühen Abend mit deutschen Bands gebucht, Claire, Sizarr, Kettcar. Bei prallem Sonnenschein spielt Christian Löffler auf der Big Wheel Stage ein passend luftiges Set mit vielen Gesangsparts (immer wieder die bezaubernde Mohna). Der gnadenlose Feuerball am Himmel scheint ihm etwas zuzusetzen, was unter einem Wellblechdach stehend (wer hat diese Bühne konzipiert?) auch verständlich ist. Die Brüder von Disclosure hingegen haben weniger Verständnis für entspanntes Grooven und präsentieren einen Hit nach dem anderen, nichts anderes will die wild tanzende Menge. Vielleicht liegt es aber auch nur an den ausgeklügelten Visuals und dem (zumindest optisch) zum Einsatz kommenden elektronischen Drum Kit und Bass. Jetzt hätte nur noch eine Gastsängerin gefehlt.

Disclosure

Disclosure

Im abgedunkelten Intro Zelt versucht Tricky derweil Musik zu machen, die wenig an seine Trip-Hop-Zeiten erinnert, nur die Stimme ist noch immer die gleich. Nebenan hat derweil Woodkid die Massen fest in der Hand. Tausende von Köpfen wippen gleichzeitig, wenn seine beiden Perkussionisten synchron auf die Riesentrommeln einhauen und dazu Trompeten und Fanfaren erklingen. Woodkid rennt von rechts nach links, singt und begeistert die Massen. Das Ende artet kurz noch durch Licht und Trommeln in eine Art Rave-Jam aus.

Woodkid

Woodkid

Das, was danach kommt, will auch groß sein. Das Spannendste am Auftritt der Babyshambles ist aber nur, ob Pete Doherty es rechtmäßig auf die Bühne schafft oder nicht. Tut er.

Ganz im kleinen Rahmen der Orangerie lässt Rummelsnuff seine Muskeln spielen und überzeugt mit russischen Soldaten- und Seemannsliedern. Zeitgenössischer kommt da schon Azealia Banks daher. Sie rappt und singt und performt und ist präsent, dass es einen umhaut. Dieses schreckliche Wort Frauenpower fällt einem ein, aber wie schön ist es, statt der üblichen Zeile „riding with my homies“ ,„riding with my bitches“ zu hören. Azealia, danke. Aber auch danke an den Kollegen, der Kunde tut von den parallel stattfindenden DJ-Weltmeisterschaften: DJ Koze im Finale gegen James Holden auf der Big-Wheel-Stage. Da kann es nur Gewinner geben, weil niemand so souverän an den Decks steht wie Cosi und Holden Platten dabei hat, die man nicht für möglich hält. Dagegen waren die Hoffnungsträger Bicep am Abend zuvor bloß Amateure.

Sonntag
Wenn es Wetterlagen gibt, bei denen man wirklich schmelzen kann, dann war das am letzten Melt!-Tag der Fall. Erschöpft versammeln sich ein paar Festivalgänger bei Rhye an unter dem Zeltdach der Gemini Stage, womöglich nur wegen dem kühlen Schatten. Die Musik von Rhye ist intim und eventuell nicht Festival geeignet, denn erst als Mike Milosh den Text vom Hit „Open“ ins Mikrofon säuselt, stehen einige auf und singen schwankend den Text mit. Kurze Zeit später ist die Atmosphäre des entspannt bestuhlten Konzertes wie ausgewechselt: Dan Deacon, der sympatische Dauer-Raver aus den USA, nur mit zwei Schlagzeugern bewaffnet, befiehlt der Menge diverse Tanzperformances. Das kann man nur gut finden.

Weniger Verbindung zu seinem Publikum kann daneben Ghostpoet aufbauen. Viele sitzen an schattigen Plätzen am Rand des Geländes der Main Stage, wodurch es auch eine physische Distanz gibt, die trennt. Besonders begeistert ist das kleine Häufchen Menschen, wenn ihnen neben den gerappten Gedichten auch mal eine von der Keyboarderin gesungene Hookline zugeworfen wird.

Atoms For Peace

Atoms For Peace

Die zwei ganz großen Kaliber hat sich das Festival bis zum Schluss aufgehoben – Flying Lotus „eröffnet“ sozusagen für Thom Yorkes neue Band, Atoms For Peace. Aus Veranstalterkreisen war zu hören, dass es sogar Mr. Ponytails Bedingung war, dass Flying Lotus auf der Bühne sein muss, bevor Yorke dem Publikum den sterbenden Schwan gibt. Gute Wahl: sehr sehr fettes Set von FlyLo, der für ein paar Tracks sogar zum Mic greift und ganz ok rappen kann. Atoms For Peace führen abschließend ein großes, zweistündiges, supermusikalisches Rockkonzert auf, das durch nichts anderes beendet werden kann, als ein großes Feuerwerk.

Text: Gislinde Böhringer