Unsere Platte des Tages


Seit jeher gibt es diese Typen, die einen untrüglichen Riecher für wichtige Entwicklungen haben. Typen, die in irgendeiner Funktion den Wagen in Bewegung setzen, und dann längst abgesprungen sind, wenn die Mehrheit später einsteigt. Milo Johnson fing 1979 mit Auflegen an und war Teil des legendären Soundsystems The Wild Bunch aus Bristol, dessen andere Mitglieder später groß Karriere machten: Nellee Hooper ging zu Soul II Soul und der Rest wurde Massive Attack. Milo Johnson hingegen machte ebenso erfolgreich und metropolenübergreifend in Mode und Design und wurde sporadischer DJ und Produzent auf hohem Level, der seinem eigenen Erbe 2002 mit einer schönen Mix-CD auf Strut ein schönes Denkmal setzte. Von 1992 bis 1993 produzierte Milo eine Reihe äußerst merkwürdiger House-Platten, deren stilistischer Hintergrund sicherlich bei den Disco-, Electro-, und Dub-Klassikern seiner DJ-Laufbahn auszumachen ist. Zu jener Zeit war House mit Disco-Samples nichts Bahnbrechendes, Legionen von Latino-New-Yorkern hatten eigentlich schon alles ausgereizt was man mit Vocal- und Arrangementschnipseln aus dem Backkatalog der Traditionslabels von Salsoul bis West End und darüber hinaus anstellen konnte, und die große dekonstruktivistische CutUp-Offensive aus Chicago war auch schon in Vorbereitung. Was das Projekt Nature Boy dennoch einzigartig macht, ist die Art und Weise, wie mit den historischen Referenzen umgegangen wird. Durchgehend gibt es eine total kaputte Grundstimmung, die zum einen an Mülleimer-Beats und bis zur Verzerrung aufgedrehtem Bässen liegt, zum anderen daran, dass die Samples teilweise komplett losgelöst vom Originalkontext zu etwas zusammengesetzt werden, dass mit den ursprünglichen Verheißungen von Disco nicht mehr viel zu tun hat. Dieser Eskapismus wird nicht von Edelschampus befeuert, sondern vom billigsten Fusel. Die Samples sind nicht mehr als hinterhältige Lockvögel, Verkehrsschilder die verdreht wurden und einen Weg weisen, den man lieber folgen sollte, denn dort leuchtet nichts mehr und kaum jemand kam je zurück. Ruff Disco in der Tat, im ugliest Edit. Nature Boy – Ruff Disco Volume One (Black Label, 1992)

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Elektronische Lebensaspekte.