Es war live und wir waren dabei. In Kopenhagen. Muss ja nicht immer Kroatien sein

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Kopenhagen ist eine besondere Stadt. Das wissen alle, die schon einmal da gewesen sind. Denn Kopenhagen ist understate und smart, nicht zu groß, nicht zu klein. So gelten die Dänen doch als das glücklichste Volk der Welt, verputzen planetenweit jedoch angeblich auch die meisten Psychopharmaka. Die Hauptstadt sahnt regelmäßig Preise für die Stadt mit der höchsten Lebensqualität ab, wie auch dieses Jahr wieder beim Monocle. Das im Regelfall mediokre Wetter kann nicht als Aushängeschild gelten. Aber dafür ernähren sich Kopenhagener besser als viele der europäischen Hauptstadtkollegen und Kopenhagen ist, wie bekannt, auch die fahrradfreundlichste Stadt Europas. Jeder der sich einmal in den Auto-Velo-Krieg in Berlin oder Frankfurt gewagt hat, wird sich wundern, wie entspannt es sich fortbewegen lässt. Grüne Wellen für Radler, wo hat man das schon gesehen? Knapp 1.000 km legt der Kopenhagener im Jahresschnitt auf zwei Rädern zurück. Wenn es regnet, ruft man sich ein Taxi und das Rad wird hinten drangeschnallt. Hier in Deutschland wird das wohl nie passieren, Taxifahrer hierzulande werden nahezu handgreiflich, wenn man sie fragt, ob man das Rad mitnehmen kann.

Wie dem auch sei, seit 2007 gibt es in Kopenhagen auch das Strøm Festival. Nicht ganz so understate positioniert man sich als das elektronische Musikfestival in Skandinavien. Es geht über eine Woche und es geht nicht nur ums Feiern. Neben Partys und Konzerten ist auch die Strøm School ein wichtiger Bestandteil der ganzen Sache. Bildung, auch im Sinne von Musikproduktion, ist den Dänen besonders wichtig. Master-Studenten beispielsweise in Dänemark bekommen Geld vom Staat, um ihr Studium zu absolvieren und nicht andersherum. Es gibt hier also am KPH zahlreiche Workshops und Panels. Wie mache ich einen Beat? Wie programmiere ich einen Track? Was ist ein Synthesizer? UK-Stars wie Pinch und dBridge erzählen aus ihrem Erfahrungsschatz. DJ Hvad erklärt den Rookies diverse Mixtechniken fürs Auflegen. Kinder drehen an Turntables und versuchen sich in Klangsynthese. Die Kinder- und Nachwuchspolitik des Landes spiegelt sich auch hier wieder. Mir erklärt ein Einheimischer, wo Norwegen die Rohstoffe hat und Schweden H&M und IKEA, müsse man sich doch auf die Soft Skills einer Gesellschaft konzentrieren. Das sei die Politik und die Attitüde des Landes. Da macht man auch bei elektronischer Musik keine Ausnahme. Wenn, dann richtig. Kennt ihr das, wenn man vor zu viel Sympathie einem in die Fresse hauen möchte?

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Eine weitere Besonderheit am Strøm sind die Locations: Grünanlagen wie der Enghaveparken, das preisgekrönte Studentenwohnheim Tietgenkollegiet, die Metro oder die unterirdischen Zisternen in Søndermarken mit einem 17 Sekunden langen Hall. Es ist, als würden auch die Einheimischen in dieser Woche ihre Stadt neu entdecken. “Copenhagen is so much like Berlin. There is a strong connection between these cities.” Diesen Satz höre ich nicht nur einmal. Nein, eigentlich fast jedes mal, sobald ich jemanden treffe, wird die vermeintliche Seelengemeinschaft kundgetan. Sei es der liberale Touch der City, die linke Szene, der Hedonismus, die Partykultur. Aber wieso Vergleiche bemühen, wenn es keine braucht.

Das Lineup zum Beispiel kommt zum Beispiel recht unberlinerisch daher. Statt des mittlerweile globalisierten Techno-House-Bookingsuds werden viele inländische Künstler gefeaturet. Beim Boiler Room auf einem verlassenen Boot spielen Trentemøller, Kasper Bjørke und Kenton Slash Demon. Die Copenhagen Underground Posse, kurz CUP, macht einen sympathischen, nass-schmutzigen Rave in einem unterirdischen Fußgängertunnel bis die Polizei am nächsten Morgen die Veranstaltung freundlich auflöst. Kommt jemand von außerhalb, scheinen UK-Artists die Wahl zu sein: Die erwähnten dBridge und Pinch, The Haxan Cloak und Rockwell. Man steht auf Bass, viel und wuchtig darf es sein. Was bei uns im Großen nie so recht funktionieren wollte oder wenn, eher eine jungsmuckenmäßige Nische gewesen ist, stößt in Dänemark auf eine andere Resonanz. Hier wird gerne der Hintern geschüttelt, radikal abgehottet. Ist bei den gut aussehenden Dänen aber auch durchaus nett anzuschauen. Das Hardcore Continuum hat hier offenbar anders eingeschlagen als in Berlin. Das Strøm Festival lässt sich ganz wunderbar mit einem ausgiebigen Städtetrip verbinden. Viele der Veranstaltungen sind kostenlos oder fair im Preis. Strampelt man von Event zu Event sieht man viel von der Stadt. Außerdem gibt es keinen Bändchenalarm oder horrende dreistellige Investionen, um dabei zu sein. Das macht wenig Stress, ohnehin sind hier ja sowieso alle entspannt. Davon schneiden wir uns gerne eine Scheibe ab. Und der nächste Zweitwohnsitz steht irgendwie auch schon fest, muss ja irgendwo hin, das ganze Geld.

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