Es war live und wir waren dabei, in Katowice.

Foto: Radoslaw Kazmierczak

Foto: Radoslaw Kazmierczak

Überall rosa Miniatur-Heißluftballons. Gemütliche Grüppchen von Menschen, die sich allesamt die Straße entlang des Feldes auf das Gelände schlängeln. Diese gewisse Nervosität und Euphorie, die sich am Beginn eines Festival- und Feierwochenendes aufstaut, gutgelaunte Gesichter, sehr unaufgeregte Meute. Dabei soll der erste Abend des achten Tauron Nowa Muzyka Festivals mit Scooter-artigen Sprechchören beginnen. Wir sind leider, obwohl es ja so vielversprechend angekündigt wurde, nicht inmitten von Fördertürmen und kohlegerusten Backsteingebäuden, sondern auf einem Festivalgelände, außerhalb von Katowice, direkt vor einem Wald. Mir wird gesagt, dass vor drei Wochen das Off Festival genau hier auch stattgefunden hat. Schade eigentlich; ist das postindustrielle Katowice doch von Kopf bis Fuß eingerust von seinen umliegenden Kohlebergwerken, die teilweise immer noch in Betrieb sind. Die kurzweilige Enttäuschung ist aber schnell vergessen. Tosca stehen auf der Mainstage und geben in österreichischem Englisch Parolen von sich – nicht so wirklich antörnend. Der Abend soll dann aber doch noch gut starten mit dem Briten Darling Farah, der in nur einer Stunde ein ziemlich beklopptes Brett an den frühen Abend zimmert, von kitschigem House zu dreckigem Techno, fast ein bisschen zu viel für die kurze Spielzeit. Musikalisch groovt man sich nicht sonderlich gemächlich ein. Jon Hopkins spielt auf der Hauptbühne aus seinem aktuellen Album, mit kristallenem Sound und wuchtigen Dubstep-Einlagen. Diese Bühne ist mir aber einfach zu groß. Trotzdem schweben schon freitags vor zwölf Uhr sämtliche polnischen Hände in der Luft. Warm-Up? Nein, danke. Fast ohne Pause wechselt man weiter zu JETS, die leider enttäuschen. Statt ihren verspielt-melodischen Sound mitzubringen, haben sie arge Platten im Gepäck und Fäuste-in-die-Luft-Gesten am Start, die eher an amerikanische Riesenraves erinnern. Die Nacht entpuppt sich aber auch ein wenig als Flucht vor der Mainstage und der “Alt-Herren-Veranstaltung“ (LFO, Amon Tobin, Squarepusher). Trotz des fortgeschrittenen Alters herrscht dort nonstop ein recht harscher Ton, was aber auch an den generell sehr kurzen Set-Times liegen mag. Gerade auch deswegen bildet Thundercat mit Band im Red Bull Zelt ein angenehmes Kontrastprogramm. Kopfnickend, grinsend und funky sind sie das Highlight: in aller Ruhe covert man Daft Punk, wirft sich die Soli zu und ist dabei einfach nur cool.

Thundercat / Foto: Radoslaw Kazmierczak

Thundercat / Foto: Radoslaw Kazmierczak

Dass das Festival in die Stadt Katowice und die Region ringsum integriert ist, kriegen wir vor allem am nächsten Tag zu spüren. Es geht in eines der vielen Kohlebergwerke in der Umgebung, von denen noch erschreckend viele heutzutage aktiv sind. Die anfängliche Irritierung über die omnipräsenten pinken Ballons löst sich damit auch – Tauron ist der größte Energiekonzern der Region und hat das Festival in seinen Klauen. Naja, das hat man nachts spätestens eh wieder vergessen. In dem Städtchen Zabrze trifft die lokale Oldtimergemeinschaft sich am Nachmittag vor dem Zechenmuseum Guido, um Karren zu bestaunen, Dorfmädels vor Chevys zu fotografieren oder der furchtbaren Blues Band zu lauschen. Entzückend. Achso, unter Tage hat man uns auch kurz gebracht.

Die Nachmittage bleiben festivalfrei, was einerseits fast schade ist, aber so auch die Möglichkeit besteht, sich die Umgebung und die leicht verwegene Stadt Katowice anzuschauen. Zwischen Baustellen und ersten Biertreffs findet man so seine Festivalbekanntschaften von letzter Nacht verkatert wieder. Ein leicht verwegener Haufen aus polnischen Vice-Druffis, britischen Touris und erschrockenen Einwohnern belagern die schick-renovierte kleine Fußgängerzone.

Mit einem solchen Vorprogramm gestaltet sich auch der Samstagabend anfangs ruhiger und gelassener. Matias Aguayo übt sich im sexy Hüftschwung. Im Publikum dagegen wird geschunkelt und gesteppt. Eigentlicher Fixpunkt des Abends ist die kleine Open-Air-Bühne vor dem Teich, den aber scheinbar niemand jemals erblicken konnte. Dort spielen die britischen Burschen von Numbers ihren Showcase. Endlich freut sich mein konservatives Gemüt mal über vor sich hintrudelnden House. Als Gast hat man sich den Syrer Omar Souleyman geladen. Die wohl absurdeste Show des Festivals: technische Probleme durch das ganze Set; ein Keyboarder, der eine Stunde lang scheinbar das Gleiche spielt und ein sonnenbebrillter Scheich, der seine unverständlichen Kirmesgesänge von sich gibt und die Meute mit müdem Klatschen animiert. Funktioniert alles, bis auf die Technik, aber das scheint wirklich niemanden zu stören. Drüben bei Moderat zeigt sich ein gänzlich anderes Bild. Eine Masse an Menschen, absolute Souveränität auf der Bühne und ein Hit nach dem anderen. Aus den Ärmeln geschüttelt. Perfekt inszeniert, fast schon erschreckend.

Foto: Tomasz Böhm

Foto: Tomasz Böhm

Der frühe Morgen soll dann Robag Wruhme gehören. Er ist der letzte, der geht. Nach zwei Stunden Waten durch minimalen, knüppeligen Techno und später etwas bekömmlicheren House, schließt Robag sein Set zum ersten Mal mit einem niemals endenden “Allowance“ von Isolée (es scheint sowieso, als sei dies der verträumte Sommer-Afterhour-Über-Hit). Noch tiefer geht er allerdings, wenn er anfängt The Album Leafs “Window“ einzuspielen, überlagert von einem pathostriefenden Peace-Love-Unity-Gebrabbel. 6 Uhr morgens auf dem bierzeltschunkelnden Bretterboden. Man grinst sich durch die Menge, sonnt sich vor dem Zelt oder versucht noch einen der letzten Drinks des Wochenendes abzustauben. Die Sonne scheint bereits seit einer Stunde ins Zelt, wenn der bejubelte und vor allem mit grölenden Fußstampfereien gefeierte Robag selbst nicht so genau weiß, ob er noch weiter spielen darf. Rising Sun, Depeche Mode und etliche Zugaben später ist es sieben und die verpeilte Gemeinschaft verlässt das Gelände. Auf dem Flugplatz davor liegen die letzten Träumer im taunassen Gras. Eine Propellermaschine startet vom Acker. Die Gemeinde aus britischen Cowboyhüten, polnischer Hipsteria, Katowicer Dorftrotteln und ihren Bierfreunden, glatzköpfigen Oldschool-Ravern, Sparkassen-Angestellten und den paar wenigen Ausländern zerstreut sich langsam in ihre Betten.

Nach einem halbverschlafenen Sonntag treffen sich die letzten Überlebenden, um Abends in einer nüchtern-hölzernen evangelischen Kirche das Abschluss-Konzert zu hören: seufzende Gesänge von Darkstar vor rotem Nebel und Sternenhimmel-Kuppel. Ein ziemlich gelungener Abschied von einem dichten und ereignisreichen Wochenende in Katowice.

Tauron Nowa Muzyka