Unsere Platte des Tages

urbanized

von Finn Johannsen

Seit House Mitte der 90er Jahre die Großraumclubs eroberte, befindet sich House mit Gesang in einer erheblichen Schaffenskrise. Wo vorher Hymnen mit schönen Melodien mit Armgeruder im Club mitgesungen wurden, herrscht nun Überforderung hinsichtlich der Diva plus Kirchenchor-Standards und Unterforderung hinsichtlich der Tatsache, dass in dieser Konstellation nicht mehr eingängige Songs in der Tradition von Soul und Disco benötigt werden, sondern nur noch einschüchternde Breitwandspiritualität. Und wenn mich später heute noch ein Blitz aus dem Himmel treffen mag, der Gospel ist schuld. Dabei gibt es eigentlich genug Beispiele, wie man das Thema für alle Seiten gewinnbringend angeht ohne sich in imperativen Grußformeln auf Filterdiscobasis für die Handtaschenklientel zu erschöpfen oder gleich die ganz große Messe abzuhalten. Lovesongs zum Beispiel, die einfach so schön und wahrhaftig sind, dass der Himmel nicht erst beschrieen werden muss damit er sich öffnen möge. Bei dieser Platte von 1992 macht er das jedenfalls ganz von selbst. Ursprünglich von Mood II Swing zur ihrer besten Schaffensperiode ausgetüftelt, machen Masters At Work in ihrem Remix aus dem Song eine herzerweichende Erklärung an die bittersüße Hilflosigkeit, die nur die ganz große Liebe auszulösen vermag. Elegant schwingt er dahin, dieser Track, von wenig mehr zusammenhalten als einem genialen Klavierakkord und diesem überzeugenden Hilferuf von Silvano, der mich aus etwas rätselhaften Gründen immer an eine Garage-Version von Chris Isaaks “Wicked Game“ erinnert. Aber rätselhafte Assoziationen sollte man niemals verleugnen.

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