Unsere Platte des Tages

Ich habe ein Faible für Live-Aufnahmen. Wer jetzt schon abwinkt, braucht nicht weiterzulesen. Wir werden nie Freunde. Schiefgehen kann so ein Live-Album immer, völlig egal ob Indie oder Elektronik. Schlecht aufgenommen (die Balance zwischen Publikums-Atmosphäre und eigentlicher Sound ist die hohe Kunst von Mischern) oder schlecht gespielt. Letzteres können Yazoo gar nicht: kommt eh alles vom Band. Bei Yazoo kann höchsten Alison Moyet schlecht singen. Tut sie aber nicht, auch wenn man dem neuen Live-Album der Reunion-Tour anhört, dass die Tracks aus verschiedenen Konzerten zusammengestückelt sind, eigentlich ein Frevel.
Nach der Veröffentlichung ihres ersten Albums, 1982, spielten Vince Clarke und Alison Moyet ein paar Shows, kurz und knapp, nach 60 Minuten war schon wieder alles vorbei. Überlebt hat aus dieser Zeit lediglich ein Mitschnitt der BBC, zig Mal kopiert, von Kassette zu Kassette und schließlich auch auf Vinyl als Bootleg gepresst. Dann war Yazoo auch schon wieder vorbei, 1983, nach dem zweiten Album, zog Clarke die Reißleine, aus den gleichen Gründen, aus denen er zwei Jahre zuvor Depeche Mode verlassen hatte. Vor zwei Jahren dann, 2008, wurde der Backcatalogue neu veröffentlicht und die beiden rauften sich für eine neue Tournee zusammen, die erste richtige eigentlich. Wir haben damals berichtet. Diese Tour kann man jetzt nachhören. Eine Freude, auch wenn sich bei einigen Tracks ein dezenter Stampf-Beat eingeschlichen hat.
Warum das eine Freude ist? Weil man Yazoo nicht auf “Only You” und “Don’t Go” reduzieren darf. Klar kann man diese Gassenhauer nicht mehr hören. Yazoo war ein kurzes Zusammentreffen zwei großer Talente. Clarkes Songwriting, sein Gespür für Pop, ist einzigartig. Vielleicht nicht immer so ausproduziert, wie man sich das wünschen würde – aktuell ist das auf jeden Fall ein Problem – generell aber unantastbar. Und Alison Moyet sang und singt wie eine Göttin mit Raucherhusten. Sensationell kraft- und doch soulig gefühlvoll. Diese beiden Welten, die sich eigentlich ausschließen, vermischen sich bei Yazoo zu etwas Einzigartigem. Live ist das fast noch besser als auf Platte. Denn die Backing-Tracks klingen noch naiver als in den 80ern. Dazu Moyets würdevoll gealterte Stimme. Dieses Album bebt. Atmet Geschichte. Man muss es eben nur mögen.

Yazoo – Reconnected Live (Mute, 2010)

Yazoo – Reconnected Live (sampler) by MuteRecords

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