Gleicher Schnitt, neuer Look: Die neue ProTools-Version kommt mit neuem slicken Interface, einem umfangreichen MIDI-Editor und Tonnen neuer Instrumente. Yo.

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Von Thaddeus Herrmann aus De:Bug 131

ProTools 8
Standard jetzt in Farbe und bunt

Immer, wenn eine neue ProTools-Version erscheint, denke ich an die 90er. An meine ersten Gehversuche mit der damaligen eierlegenden Wollmilchsau der Musikproduktion, dem Studio-Standard, dem System, vor dem alle Angst hatten. Bei meinem damaligen Arbeitgeber, einem öffentlich-rechtlichen Rundfunksender, wurde ich bald schief angesehen. “Ha, da kommt der Herrmann, der nimmt uns Cuttern die Arbeitsplätze weg.” Damals gab es im ganzen Funkhaus ein einziges ProTools-System. Im Hörspielstudio. Das ist alles lange her und ProTools ist nicht nur viel preiswerter geworden, sondern hat durch clevere Feature-Politik auch den Weg in den Massenmarkt geschafft und konkurriert mit den Platzhirschen Logic, Cubase oder auch Digital Performer.

Ende vergangenen Jahres wurde die Version 8 angekündigt, mittlerweile ist sie auch erhältlich. Digidesign wagt einen großen Schritt: Redesign der Benutzeroberfläche (geht meistens schief, Apple hat mit Logic 8 erstmalig gezeigt, dass das ohne Herzinfarkte geht), neue umfangreiche MIDI-Implementationen, zahllose neue Instrumente und Effekte … na dann man los. Mac-seitig fällt zunächst auf, dass User von 10.4 gar nicht mehr bedacht werden. Während alle XP-User noch mitspielen dürfen, muss auf Macs 10.5.5 laufen. PowerPC-Rechner werden nach wie vor unterstützt: immerhin.

Neuer Look
Hier ist zunächst alles ein bisschen schicker und zeitgemäßer. Ich war immer Fan des oldschooligen ProTools-Looks, auch wenn in den vergangenen Versionen hier schon stetig nachgebessert worden war. Die generelle Aufteilung zwischen Arranger und Mixer ist erhalten geblieben. Neu ist allerdings ist Einführung der Floating Windows, mit denen alle MIDI- und auch die Notations-Angelegenheiten schneller erreichbar sind: großer Pluspunkt, dazu später. Ähnlich wie beim Digital Performer kann man sich bis zu einem bestimmten Punkt seinen Arbeitsplatz vollkommen frei gestalten, immer so, wie man es für sich persönlich am besten findet. Das betrifft auch die Werkzeugleiste, die jetzt ebenfalls freier konfigurierbar ist. Im Herzen von ProTools, dem Audio-Editing direkt an der Wellenform, wurde ebenfalls viel verbessert. Höhere Auflösung, komplett neue Zoom-Eigenschaften und kleine, clevere Verbesserungen sorgen nun für ein detaillierteres Editieren ohne große Anstrengungen.

Neue Instrumente
Mehr Inhalt für weniger Geld: Damit prahlen andere DAW-Hersteller schon lange. Bei ProTools war man da bis vor kurzem immer noch zurückhaltend, außer Demo-Versionen war oft nicht viel zu holen, wenn man das Programm in der Grundversion gekauft hat. Auch das ist jetzt anders: Vier neue Klangerzeuger sind in der Version 8 mit dabei. Zusammen mit dem Sampler Structure und einer neuer Version des Synth Xpand kann man jetzt schon ohne Drittanbieter ordentlich loslegen. “Mini Grand” ist eine sehr feine Flügel-Emulation, DB33 (Hammond-Emu), Boom ist eine amtliche Drummachine mit Lauflicht-Programmierung à la TR-X0X und “Vacuum” schließlich ist ein amtlicher virtuell-analoger Synth, mit dem sich überraschende Ergebnisse in eigentlich alle Richtungen erzielen lassen.

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Neue PlugIns
Hier sind vor allem die Neuentwicklungen der AIR-Gruppe zu erwähnen, der Software-Schmiede, die auch Structure entwickelt hat. Filter, EQs, Modulations-Effekte … hier wird jenseits der bekannten DigiRacks mehr gewagt und das zahlt sich aus. Der Sound der insgesamt 20 neuen Effekte ist durch die Bank gut und sie integrieren sich hervorragend in den Workflow. Auch neu für die Klangbearbeitung: Elastic Pitch. So hat man jetzt nicht nur einen Timestretch-Algorithmus zur Verfügung, sondern kann auch die Tonhöhe des Audiomaterials beeinflussen. Im Umfang von zwei Oktaven nach oben und unten kann hier agiert werden. Die Ergebnisse sind hervorragend.

Neuer MIDI-Editor
Im Vergleich rudimentär ausgestattet waren bislang die MIDI-Funktionen von ProTools. Mit der Version 8 macht das Programm jetzt den lange überfälligen Schritt in die Jetztzeit. Völlig neu ist das Edit-Fenster, das sich als dritte Arbeitsebene in die Software integriert. MIDI-Füchse finden sich hier sofort zurecht, mehrere Spuren können mit ihren Informationen gleichzeitig dargestellt und editiert (!) werden. Auch kann man mehrere Edit-Fenster gleichzeitig offen haben, um bestimmte Gruppen des Arrangements individuell im Blick zu haben. Die farbliche Markierung zusammengehörender Tracks tut ihr Übriges. Hier hat Digidesign nicht nur endlich einen Standard integriert, er ist auch mehr als clever umgesetzt: alle Daumen hoch. Zusätzliche Controller-Tracks, Digidesign nennt sie Lanes, für Velocity, Automation und sonstige Controller-Daten, können zusätzlich eingeblendet werden. Ebenfalls neu ist der Notations-Editor, der jetzt fester Teil des Programms ist. Auch der macht einen guten Eindruck. Da ich dieses Tool bei allen DAWs generell ignoriere, hält sich meine Emphase hier in Grenzen.

Fazit
Zu den erwähnten Neuerungen kommen weitere Veränderungen, die man bei so einem Versionssprung einfach erwartet. So wurde die Zahl der Inserts pro Kanal verdoppelt, die maximale Zahl der Audiospuren ebenfalls und zahlreiche kosmetische Verbesserungen helfen beim schnellen Arbeiten. Digidesign ist mit ProTools 8 ein großer Wurf geglückt. Allen Zweiflern sei dringend ein Ausprobieren empfohlen. Da ein Großteil aller PlugIns seit Jahren bereits auch immer in der ProTools-Version vorliegt, sollte ein möglicher Umstieg nicht mal mit hohen versteckten Kosten verbunden sein. Runde Sache.

http://www.digidesig.com
Preis: ca. 145 Euro (LE- und M-Powered), ca. 240 Euro (HD-Version)
Systemvoraussetzung: Windows XP/Vista (32 Bit), Mac OS X 10.5.5 (PowerPC & Intel)

Digidesign

4 Responses

  1. Christoph

    Hallo Thaddeus,

    das macht neugierig!

    Aber kann es sein, dass Du bei den Preisen die Upgrade-Preise erwischt hast (oder einfach vergessen hast, zu erwähnen, dass es die Upgrade-Preise sind)?

    Wenn ich beim Online-Preisdiktator schaue, liegt die M-Powered-Version fast beim doppelten des von Dir angegebenen Preises, von der HD-Version mal ganz zu schweigen.

    C.

  2. Thaddeus

    völlig richtig. das wäre auch ein fast schon abenteuerlich billiges system 🙁

    sind update-preise

  3. Harald D.

    Also mein Protools 8HD system ist super unstabil, zumindest unter OSX. Vorallem die A.I.R Plugin Instrumente…