Halbmodulare Analogsynthesizer sind zurzeit schwer in Mode: Zwischen dem Rolls Royce Cwejman S1 und dem Fricke Kraftzwerg wird jetzt die Lücke mit dem Future Retro XS besetzt.

Halbmodulare Analogsynthesizer sind zurzeit schwer in Mode: Zwischen dem Rolls Royce Cwejman S1 und dem Fricke Kraftzwerg wird jetzt die Lücke mit dem Future Retro XS besetzt. Die Entwicklungsgeschichte des Future Retro XS von Jared Flicklinger zieht sich schon ein paar Jahre hin, aber jetzt werden die ersten Exemplare ausgeliefert und eins kann man sagen: Das Warten hat sich gelohnt.

von Benjamin Weiss aka Nerk aus De:Bug 127

Video: Future Retro XS mit Future Retro Revolution als Sequenzer

Übersicht
In einem Gehäuse von drei Höheneinheiten ist der XS so untergebracht, dass man ihn entweder bequem ins Rack schrauben oder aber auch als Desktopgerät nutzen kann. Er ist großzügig ausgestattet mit Ein- und Ausgängen, die zum Steuern genutzt werden können.
Der XS reagiert auf normale CV-Steuerdaten (1V/Oktave) und positive Gatesignale, wodurch man ihn sowohl mit diversen analogen Synths, Modularsystemen und Sequenzern verschalten, aber auch einfach mit einer (Audio-)Spur aus dem Drumcomputer ansteuern kann. Das macht zum Beispiel mit der Machinedrum viel Spaß, wenn man eine Retrigger-Drumspur zum Steuern benutzt. Außerdem ist er (was in der ursprünglichen ersten Version noch nicht geplant war) nun auch MIDI-tauglich. Neben Note On, Pitch und Pitchbend versteht er Mod Wheel, Velocity und Midi Clock (für den LFO) und kann daher auch als MIDI-to-CV-Interface genutzt werden. Interessanterweise lassen sich MIDI und CV auch mischen, um damit die Oszillatoren zu steuern, zum Beispiel so: Oszillator A wird über MIDI gesteuert, während B vom CV-Input seine Tonhöheninformationen bekommt.
Die Presets gibt es ausnahmsweise prinzipbedingt mal wieder auf Papier: Auf zwanzig Patch Sheets wird grob die klangliche Bandbreite des Future Retro XS umrissen, die von Drums über Bässe, Noises, Sequenztexturen und diverse Effektsounds reicht und immer mit einem sehr durchsetzungsfähigen, charaktervollen Sound überzeugt. Die beiden Hauptoszillatoren des XS decken das gesamte Audiofrequenzspektrum ab und gehen angeblich bis über 100 kHz, können aber auch als LFO genutzt werden. Der dritte ist mehr als Modulationszugabe gedacht und bietet neben diversen Suboszillatormodi auch einen Ringmodulator.
Der Filter kommt mit 12dB Flankensteilheit in den Charakteristika Tiefpass, Hochpass, Notch und Bandpass und einem weich-satten Ansprechverhalten und zeichnet sich durch eine angenehm praxisorientierte Parametrisierung aus, was eigentlich für alle Regelwege und Konstruktionsdetails gilt.

Video: Future Retro XS filtert TR 808

Bedienung & Sound
Vom ersten Sound an beweist der Future Retro XS, was er drauf hat: wummernde Basssequenzen, schmatzend-fiepsiges Oszillatorquietschen, gnadenlose Ravesequenzen und irisierende Frequenzmodulationen. Die Bedienung ist trotz der Möglichkeiten recht übersichtlich gehalten und dürfte auch Neulingen schnell einleuchten, wobei man anhand der Patch Sheets auch einiges über modulare Synthese lernen kann.
Durch die wirklich sehr vielfältigen Routingmöglichkeiten bleibt der XS aber nicht auf klassisches Acid-Gefiepse oder die Nachahmung diverser anderer Analogsynths beschränkt, sondern bietet ein breites Spektrum an möglichen Einsatzgebieten. Unter anderem ist er auch als Effekt und Filterbank prima einsetzbar. Auch für die Live-Situation ist der XS prädestiniert: nicht allzu schwer, nicht allzu groß, praktisch und einfach zu bedienen und mit einem sehr, sehr fetten Sound. Kurz schlucken muss man vielleicht beim Preis, aber dafür hat der Future Retro XS seinen Platz genau in der Mitte zwischen dem Cwejman S1 (kostet doppelt so viel) und Frickes Kraftzwerg (kostet halb so viel) und ist echte Handarbeit in Kleinserienfertigung.

Future Retro
deutscher Vertrieb: SchneidersBuero

Preis: 1190 Euro