Liines Ableton Live-Controller für Lemur

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Liine und ST8 haben den vor Monaten angekündigten Ableton-Controller LiveControl 2 für Lemur für iOS endlich fertig. Das Warten hat sich gelohnt: Das kostenlose Add-On für Lemur-User hat einiges zu bieten.

von Benjamin Weiss aus De:Bug 174

LiveControl gilt als einer der ersten iPad-Controller für Ableton Live, die erste Version kam Anfang 2010, damals noch für TouchOSC. LiveControl 2 wurde gründlich überarbeitet und hat nur noch wenig Ähnlichkeit mit der alten App: Aus vorher acht Pages wurden vier – trotzdem nahm die Funktionalität noch weiter zu. Auf den Pages Launch, Modulate, Play und Sequencer lassen sich beinahe alle Aspekte von Ableton Live fernsteuern und zum Jammen benutzen.

Alle Schalter auf Play
Wer Griid kennt, wird sich auf der Launch-Page schnell zurechtfinden. Die Clip Launcher sehen genauso aus. Die Größe der Clips lässt sich horizontal und vertikal einstellen, unter den Clip-Slots gibt es Buttons für Strip (den Kanalzug) und FX (für die Insert-Effekte), die sich pro Kanal separat aufklappen lassen. Einmal geöffnet, bieten die FX den direkten Zugriff auf die ersten vier Parameter des angewählten Effekts mit Drehreglern, die weiteren lassen sich mit Pfeiltasten in Vierergruppen erreichen. Drehregler sind zwar nicht unbedingt ideal für ein Touch-Interface, in diesem Fall aber der beste Kompromiss, denn sie nehmen wesentlich weniger Platz in Anspruch als Fader und erlauben so die gleichzeitige Sicht auf die Clips. Das ist praktisch, wenn man beispielsweise gleichzeitig an einem Effekt herumwischen und einen anderen Clip einstarten will. Zur Navigation im Set gibt es je einen vertikalen und horizontalen Slider, die Transportsektion wird bei Bedarf ausgeklappt.
Neben den üblichen Scenes lassen sich auch Kombinationen von Clips in bis zu 16 Presets speichern, was zwar das gewohnte Konzept durchbricht, aber durchaus eine gute Ergänzung und Erweiterung ist.

Modulationen in der Mangel
Modulate ist komplett der Modulation von Parametern gewidmet und kombiniert die klassischen Bouncing Balls von Lemur mit synchronisierten LFOs, XY-Pad mit Motion Recorder und Preset-Morph-Features von Kapture Pad. Den vier Bouncing Balls lassen sich bis zu acht Parameter (auch verschiedener Effekte oder Instrumente gleichzeitig) auf zwei Achsen zuweisen, die dann weiter in die Mangel genommen werden können. Das ist gerade in der Kombination der verschiedenen Modi extrem ergiebig, zumal man gleichzeitig auch die Parameter noch per Fader oder Knob einstellen kann. Das bedeutet schnelles Vorankommen.

Pad und Trigger
Play ist gleichzeitig ein Keyboard und eine Drumpad-Oberfläche. Trotz Anleihen bei Push ist hier das Keyboard in der chromatischen Einstellung einer 12×12 Matrix aufgebaut. Dadurch sind die einzelnen Tasten zwar klein und gerade so noch spielbar, aber dafür gibt es auch einen direkten Zugriff auf mehr Oktaven gleichzeitig; die Skalenauswahl ist dafür etwas kleiner. Auf der rechten Seite lassen sich über den Channelstrip praxisgerecht die wichtigsten MIDI-Parameter (Kanal, Pitchbend und Modulation), Mixer-Settings und FX-Settings einstellen.

Klassische Pianorolle
Die Sequenzer-Page ist eine klassische Pianorolle. Etwas gewöhnungsbedürftig ist, dass man den zu editierenden Clip auf der Launch-Page erst selektieren muss, um ihn dort weiter bearbeiten zu können. Einzelne Noten lassen sich eintappen, auf andere Positionen ziehen, in der Länge ändern und einzeln oder gemeinsam transponieren.
Neben dem einfachen Notensetzen können auch Akkorde mit einem Tap über die Sequenz verteilt werden. Dazu gibt es diverse Möglichkeiten, Sequenzen zu spiegeln, umzukehren, mit Strum wie mit einer Gitarre zu schrammeln und Noten nach Tonhöhe zu muten. Ein paar Pattern-Funktionen vervollständigen das Bild. Mit ihnen können Sequenzen halbiert, verdoppelt und dupliziert werden, wobei es aber nicht die Möglichkeit gibt, im Playback direkt zwischen den einzelnen Takten zu springen.
LiveControl 2 ist eine wirklich gelungene Fernsteuerung für Ableton Live: sie kann fast alles, was man für die Performance oder im Studio braucht. Gerade die Kombination von Modulation, Sequenzer und Play-Page macht die Software zu einem, vor allem auch fürs intuitive Basteln prädestinierten Tool. Trotz umfangreicher Funktionalität verliert man nicht so leicht den Überblick. Die Navigation und das User-Interface sind extrem durchdacht und profitieren von der Erfahrung des Liine-Teams und ST8 und deren Apps, sind sich dabei aber nicht zu schade, sich auch hier und da bei bewährten anderen Konzepten zu bedienen. Das Patch lief stabil, nur auf der Launch-Page ist das Navigieren bei größeren Sets etwas träge, ebenso die Darstellung bei der Benutzung von mehreren schnellen Modulationen in der Modulate Page – allerdings ohne Auswirkungen auf die Rechner-Performance.

Ob LiveControl 2 ein Grund ist, Lemur zu kaufen? Nicht zwingend, denn es gibt fürs iPad zum Beispiel mit touchAble durchaus Alternativen in Sachen Live-Controller. Wer aber sowieso schon Interesse an Lemur hat und neben den optimierten Features fürs Liveset noch umfangreiche Modulationen und einen bequem und mausfrei per Hand bedienbaren Sequenzer sucht, für den könnte es durchaus zum entscheidenden Kaufargument werden.

Liine

Preis: kostenlos, Voraussetzung ist Lemur für iOS