Die bunten Würfel sind gefallen und machen Musik

Nach jahrzentelanger Stagnation tut sich mittlerweile wieder einiges in Bezug auf alternative Interfaces bei elektronischen Instrumenten: Ein recht außergewöhnlicher und im wahrsten Sinne des Wortes dreidimensionaler Ansatz sind die bunt leuchtenden Audio Cubes von Percussa, die der Belgier Bert Schiettecatte entwickelt hat.

von Benjamin Weiss aka Nerk aus De:Bug 127

Hardware
Die Audio Cubes bestehen aus milchig-weißem Plastik, besitzen jeweils einen USB-Anschluss und einen Ein- und Ausgang im Klinkenformat, können in 4096 Farben leuchten und verfügen über ein Wireless-Protokoll, mit dem sie untereinander kommunizieren können. Dazu kommt auf vier Seiten je ein Infrarotsensor, der auf Entfernung reagiert. Das mit dem Leuchten mag einem zunächst als überflüssiger Lichtorgelschnick vorkommen, macht aber durchaus Sinn, denn anhand der Farbe und Helligkeit eines Cubes kann man auch ablesen, welchen Parameter in welcher Intensität er gerade sendet. Außerdem ist in jedem Cube ein Akku, der sich über USB aufladen lässt.

Programmierung
Die Cubes werden per USB an den Rechner angeschlossen, die Editorsoftware beruht auf Max/MSPs Runtime. Midi Bridge ist dabei der Editor für die Midifunktionen der Cubes. Jede der vier mit Controllern ausgerüsteten Seiten kann im Sensormodus jeweils eine Midinote und einen Midicontroller senden; die Bandbreite zwischen Minimal- und Maximalwert lässt sich definieren und jeder einzelne Sensor kalibrieren. Im Receiver-Modus “erkennt” ein Cube einen anderen, wenn der in die Nähe gerückt wird und sich im Sender-Modus befindet, und löst dadurch einen Midinotenevent aus. Die Mididaten lassen sich dann über die Midi Bridge in Programme wie Ableton Live oder Reason schicken, man kann aber auch externe Geräte über ein Midi-Interface damit ansteuern. Wer übrigens eigene Patches basteln will, braucht dafür die Vollversion von Max/MSP.

Interne Sounds
Die Cubes sind nicht zwingend an die USB-Verbindung gebunden, da sie auch einen eigenen internen Klangerzeuger besitzen. Der kommt mit 32 kHz und 9 Bit, was eher LoFi-mäßig klingt, aber durchaus auch einen gewissen pixeligen Charme hat. Mit dem Editor kann man die Cubes auf Stand-Alone trimmen: Sie können dabei sowohl Audio erzeugen (ein einfacher Synthesizer und ein Sampleplayer stehen dafür bereit) als auch Audio bearbeiten (wofür es diverse Effekte wie unter anderem Delay, Distortion und einen Granulierer gibt). Das geht einerseits über die Klinkenanschlüsse, sodass sich auch andere Geräte einbinden lassen, andererseits zwischen den Cubes auch über ihr eigenes Wireless-Protokoll. Ein Modularsystem ohne Kabel also, wobei sich die Verschaltungen dadurch ergeben, wie die Cubes räumlich zueinander angeordnet sind.

Auf den ersten Blick erscheinen die Audio Cubes recht teuer, was sich aber durch die Vielfältigkeit der Einsatzmöglichkeiten relativiert, außerdem muss man auch in Betracht ziehen, dass dahinter nicht ein Multi wie Yamaha beim Tenori-On steht, sondern die kleine belgische Firma Percussa, deren einziges Produkt die Cubes sind. Auch wenn ich zunächst skeptisch war, warum man gerade Würfel zu Midi-Controllern machen sollte, geht das Konzept erstaunlich gut auf. Die technische Ausführung ist zuverlässig, die Datenübertragung schnell und die Editorsoftware stabil.
Leider reagieren die Infrarotsensoren der Cubes auch auf sichtbares Licht, was im Club (am besten noch mit ordentlich Stroboskop) natürlich fatal sein kann; kalibrieren sollte man sie daher auf jeden Fall an Ort und Stelle mit dem gleichen Licht. Insgesamt sind die Audio Cubes ein ziemlich interessanter Ansatz und sehr antestenswert für alle, die mal ein wenig abseits der Pfade klassischer Interfaces wandeln wollen.

Percussa

Preis: 2er Set: 399 Euro, 4er Set: 649 Euro

Systemvoraussetzungen:
Mac: ab OS X 10.4, USB, ab G3
PC: ab Windows XP, USB, ab Pentium 3

6 Responses

  1. numinos

    Hallo Nerk,

    > Nach jahrzentelanger Stagnation tut sich mittlerweile wieder einiges in Bezug auf alternative Interfaces bei elektronischen Instrumenten.

    Ähh, auf welchem schönen Eiland hast du denn die letzten Jahrzehnte geweilt? Ich will da auch hin, um mal richtig abschalten zu können 😉

    Spaß beiseite – wir erleben doch gerade in den letzten acht Jahren eine noch nie gekannte Blüte von innovativen Controllern. Erinnern wir uns an die frühen Achtziger – was gab’s denn da für den Massenmarkt, um seine Synthesizer extern zu steuern? Richtig – ein dämliches Umhänge-Keyboard von Roland, eine öde Plastik-Tröte von Yamaha und eine handvoll unbezahlbarer Einzelstücke – mehr nicht!

    Also wenn in den letzten Jahren irgendwo so richtig ein Fass angestochen wurde, dann in den Bereichen Controller, DAW und Digital-DJing.

    best

    NUMINOS

  2. nerk

    hallo numinos,
    also ich glaube das mit den letzten acht jahren ist mehr so wishful thinking von dir 🙂 letzte drei jahre vielleicht, controller keyboards mit ein paar knöpfen dran würde ich nicht unbdingt als neues interface betrachten 🙂 und das fass wurde glaube ich bisher nur leicht angepiekst!

  3. formfrage

    “jahrzentelange stagnation” ?
    liest du eigentlich eure eigene website?

  4. nerk

    hallo formfrage,
    ich schreibe sogar unsere eigene webseite! aber: sag mir doch einer von euch bescheidwissern, was zum beispiel in den 90ern ein innovatives interface gewesen ist. oder wieviele euch tatsächlich einfallen, die es schon seit mehr als drei jahren gibt. ne?

  5. formfrage

    hi nerk,
    entschuldige die kleine provokation.
    ich denke, heutzutage finden die innovationen bei interfaces auf der software-ebene statt (stichwort: lemur). so gesehen tut sich doch einiges.

  6. nerk

    hey formfrage, brauchst dich nicht zu entschuldigen 🙂 bischen provokation tut ja auch gut 🙂