Sven von Thülen testet das Synthmonster von Spectrasonics auf Herz und Nieren

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Spectrasonic steht für ausgebufftes Sounddesign. Der Synth “Omnisphere” legt in Sachen Möglichkeiten noch eins drauf. Sven von Thülen hat an den Knöpfchen gedreht.

von Sven von Thülen in De:Bug 130

“Power Synth” prangt in großen Lettern auf der Verpackung. Und, so viel schon mal vorweg, der neue Synthesizer der kalifornischen Software-Schmiede Spectrasonics ist wahrhaftig ein auf allen Ebenen elegant getunter Kraftprotz von einem Synthesizer. Sechs Jahre haben die Sounddesigner und Programmierer von Spectrasonics an “Omnisphere“, so der Name des neuen Spectrasonics-Schlachtschiffes, getüftelt. Die lange Entwicklungszeit hat sich gelohnt.

Bevor man mit Omnisphere in die entlegensten Winkel der Soundforschung abtauchen kann, muss man allerdings erst mal auf seinem Rechner Platz schaffen – oder sich eine externe Festplatte zulegen –, denn Omnisphere kommt mit einer über 40GB großen Soundlibrary. Hat man das einmal bewältigt (das Ganze umfasst sechs DVDs) und den leicht von der Hand gehenden Autorisierungsprozess hinter sich gebracht, kann man die nahezu unendlichen Sounddesign-Möglichkeiten von Omnisphere entdecken.

Soundmäßig haben Spectrasonics wieder alles aufgefahren, was sie schon bei Omnispheres Quasi-Vorgänger Atmosphere ausgezeichnet hat, das heißt epische Leads, klirrende Bässe und Breitwand-Pads. Alles in Top-Soundqualität. So weit so gut. Für ihren neuen Vorzeigesynth sollten aber auch ganz neue, ungehörte und organische Sounds her, also bewaffneten sich die Sounddesigner von Spectrasonics mit einer Vielzahl von Mikros und begannen in langen Sampling-Sessions die unüblichsten Soundquellen aufzunehmen: Steel Drums in Kathedralen, das Flirren einer Glühbirne und sogar ein brennendes Piano, um das Brutzeln des Feuers zu konservieren. Danach bearbeiteten sie diese Samples, indem sie einzelne Frequenzen hervorhoben, und bastelten daraus vollkommen neue organische und verblüffende Sounds.

Also ran an die Patches, die sich nach dem großen Update Ende Januar übrigens verdreifacht haben: Insgesamt 3000 stehen jetzt in der Library zur Verfügung. Wie schon Atmosphere besteht jedes Patch aus zwei Layern, die unabhängig voneinander moduliert, geknetet und gemixt werden können, also unabhängigen Synthese-Prozessen unterliegen. Jedes Layer wiederum (und da fangen die Neuerungen von Omnisphere an) hat einen Primär-Oszillator – entweder Sample-Mode oder Synth-Mode. Im Synth-Mode hat man es mit einem aufgemotzten virtuell analogen Synthesizer zu tun, mit dem man dank Hardsync, Symmetrie und Shape die Wellenformen noch einmal ein gutes Stück jenseits der klassischen analogen Wellenformen verbiegen kann. Im Sample-Mode fängt es dann an, spannend zu werden, denn dort kann man jeden Sound aus der riesigen Sample-Library als “Oszillator” benutzen. Darüber hinaus kann man in jedem der beiden Modi auf unterschiedlichste polyphone Sub-Oszillatoren von Ring-Modulation über FM-Synthese bis zu diversen “multi” Modes zurückgreifen und das sowohl an den virtuell analogen Wellenformen als auch den Wellenformen der Samples!

Hinter den Multi-Modes verstecken sich weitere großartige Features wie zum Beispiel Harmonia, mit dem man noch einmal, mit vier zusätzlichen voneinander unabhängigen Oszillatoren, auf den Sound zugreifen kann. Wer es ernst meint, kann im Synth-Mode bis zu zehn Oszillatoren pro Patch laufen lassen. Puh, erst mal durchatmen.

Auch bei den Filtern und Envelopes hat man es mit einer solchen Fülle an Möglichkeiten zu tun, dass einem erst einmal schwindelig werden kann. Es gibt über 30 verschiedene Tiefpass-, Hochpass- und andere Filter, mit denen einem sich auch hier eine unendliche Anzahl an Zugriffsmöglichkeiten eröffnet. Neben den klassischen ADSR Envelopes für Filter, Amp und Mod gibt es noch vier zusätzliche Envelopes, die es einem ermöglichen, die geladenen Sounds wirklich in jede Richtung zu drehen und zum Tanzen zu bringen. Dabei hat jeder Envelope neben dem ADSR-Interface auch ein graphisches, in das man hineinzoomen und in dem man die Hüllkurven-Verläufe einzeichnen und verändern kann. Klar, dass es auch hier eine ganze Armada an Presets gibt. Mit dem Chaos-Envelope gibt es auch hier ein Feature, das besonders viel Spaß macht und einen stundenlang in Beschlag nehmen kann. Dank Chaos-Envelope kann man auf Knopfdruck die wildesten Hüllkurven hervorzaubern und darüber hinaus die Envelopes selber in (sich ständig modulierende) Bewegung bringen. Wer braucht da noch einen modularen Synthesizer?

Ein Arpeggiator darf bei Omnisphere natürlich auch nicht fehlen. Aufgebaut wie ein Step-Sequenzer mit bis zu 32 Schritten, kann man schnell und einfach unterschiedlichste Rhythmen programmieren. Auch die Effekt-Sektion ist übersichtlich und benutzerfreundlich. Jede der zwei Stimmen (Layer) pro Patch hat ein Rack, in dem bis zu vier Effekte (Kompressoren, Wah-Wahs, Limiter, Chorus, Delay, Reverb, etc.) Platz finden. Darüber hinaus hat man noch ein weiteres Effekt-Rack, mit dem man auf beide Stimmen zugreifen kann. Man kann also maximal zwölf Effekte gleichzeitig laufen lassen.

Spectrasonics haben es geschafft, trotz dieser nahezu unendlichen Zahl an Sounddesign-Möglichkeiten, die sich einem bei Omnisphere eröffnen, ihr neues Flagship-Produkt trotzdem äußerst benutzerfreundlich zu gestalten, denn er besteht aus übereinander liegenden Schichten, in die man sich hinein und wieder heraus zoomen kann. Je tiefer man geht, desto komplexer wird es.
Die schiere Anzahl an Möglichkeiten hat so zum Glück keinen nachhaltig einschüchternden Effekt. Was ein Synthesizer dieses Ausmaßes natürlich braucht, ist ein ebenso leistungsstarker Rechner. Mit meinem 2,2 Ghz Intel MacBook Pro gab es keinerlei Probleme – auch wenn das Laden mancher großer Samples etwas länger dauerte – aber bei mehreren mit Omnisphere belegten Spuren fing er schon an, ordentlich ins Schwitzen zu kommen. Dafür bekommt man allerdings einen Synthie, mit dem man sehr, sehr lange Zeit viel Spaß haben wird.

Spectrasonics

Preis: 377 Euro

System-Voraussetzungen für alle User:

2GB oder mehr RAM, 50GB freier Speicher auf der Festplatte

Mac Empfehlungen:

2.0 GHz oder schnellerer Prozessor, ab G5, OSX 10.4.9, AudioUnit, VST 2.4 oder RTAS fähige Host-Software

Windows Empfehlungen:

Pentium 3.0 GHz oder höher (Intel Core2Duo empfohlen), VST 2.4 or RTAS fähige Host-Software, Microsoft XP SP2 oder höher/Vista

6 Responses

  1. Peter

    wie hoch und schwer ist das ding denn? hat es normal midi, oder usb?

  2. raffo

    wer hat meinen kaffee ausgeschüttet?

  3. Horst

    Jo dat Teil hat Midi und wiegt nur 30 KG. Geile Sache, übrigens hab neuen Kaffe aufgestezt Du Schwanz 😉

  4. Jan

    @Peter

    Es ist eine Software, die hat kein Gewicht! 🙂 Unterstützt aber Midi.

    @ll

    Ihr habt ja echt mal ein hohes Niveau!