Perfekt simuliertes Eiern

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Native Instruments wollen es wissen und legen mit Traktor Scratch ihr erstes eigenes Digital-DJ-System vor. Friedemann Becker, Produkt Manager der DJ-Division und NI-Urgestein, erklärt Sascha Kösch in einer exklusiven Preview, warum Traktor Scratch besser klingt als Konkurrenz-Systeme und warum es sich vor “echtem” Vinyl nicht mehr verstecken muss.

von Sascha Kösch aus De:Bug 111


Als ich bei Native Instruments im Studio stehe, wo sie ein relativ einfaches Setup mit einem Nuo04 Mixer, zwei Technics, einem Laptop und einem extra Screen aufgebaut hatten, wurde mir einmal mehr deutlich, wie stark der Individualisierungsprozess der DJ-Soft- und Hardware in den letzten Jahren vorangeschritten ist.

Die Möglichkeiten liegen, selbst diesseits der Scratcher-/Nicht-Scratcher-Ebene, in so vielen Bereichen jenseits des noch vor kurzem Machbaren, dass man sich durchaus vorstellen kann, dass das Selbstverständnis von DJs der kommenden Generation sich von dem der jetzigen ebenso unterscheidet wie das eines typischen DJs von heute im Vergleich zum Diskotheken-DJ der 70er, der den dortigen Plattenbestand abspielen durfte. Obwohl nun wirklich alles andere als eine Knappheit an Material (Platten, MP3s) besteht, wird die Art, wie jemand auflegt, immer mehr auch zu einer Setup-Frage. Die “Zwei Plattenspieler, ein Crossfader”-Demokratie ist vorbei. Es geht aber nicht nur um die bestmögliche Integration in ein bestehendes Setup (und Traktor Scratch ist hier mit acht Stereo-Ein- und -Ausgängen, Midi I/O, USB 2.0, 24bit/96kHz-Wandlern und Steuerbarkeit über Vinyl- & CD-Timecodes das neue Flaggschiff unter den DJ-Systemen). Es geht vor allem darum, den Sound so greifbar wie möglich zu machen. Und das fängt erst mal bei den technischen Qualitäten des Sounds an. Und genau hier gibt Traktor Scratch einiges an neuen Vorgaben.

Es gibt vieles, was man sich bei der Umsetzung von Vinyl auf digital erst mal gar nicht vor Augen führt.

Wenn man ein digitales File langsamer spielt, hört es sich eben einfach nicht so an, als wenn man Vinyl langsamer spielt. Dafür haben wir zunächst mal eine Kurve entwickelt, die die Charakteristik der Nadel, die bei geringen Geschwindigkeiten weniger Spannung erzeugt und die Amplitude der Frequenzen absenkt, emuliert. Einen Frequenz-Shift gibt es außerdem. Man orientiert sich dabei einfach am physikalischen Modell. Eine ganz theoretische Kurve, die man einfach nachbildet. Wir waren ja für den Schnitt der neuen Timecode-Platten, die übrigens nicht mehr so laut fiepsen, bei Dubplates & Mastering hier in Berlin und haben nicht nur die Timecodes geschnitten, sondern auch Vergleichsfiles, um sehen zu können, was beim Schneiden von Platten sonst überhaupt noch passiert. Völlig unterschätzt wird meiner Meinung nach die Tatsache, dass eine Schallplatte keine gleichbleibende Geschwindigkeit hat. Sie moduliert den Sound ja die ganze Zeit, weil sie eiert, die Plattenteller nicht ganz rund laufen etc. In einem System wie unserem wird das natürlich direkt auf das MP3-File übertragen, man sieht also, dass die Pitch-Anzeige leicht fluktuiert, aber wir haben das visuell geglättet. Das sind immerhin plus/minus 0,3 Bpm. Das halte ich für den Hauptaspekt von Vinyl. Das ist der Subgroove.

An welchen Stellen war sonst noch viel am eigentlich Offensichtlichen zu berechnen?

Wir haben eine Menge Zeit in die ganz langsamen Geschwindigkeiten investiert. In die Interpolation. Wir arbeiten ja mit einer Sinuswelle und die wird, je langsamer sie wird, immer löchriger. Das muss geradegerechnet werden, damit das im Umkehrpunkt schön rund klingt, wo die Geschwindigkeiten quasi Null werden und die Amplitude auch. Der Timecode selber wird als Signal auch immer high-endiger und muss dementsprechend behandelt werden. Zum Beispiel haben wir für Traktor Scratch den ersten Timecode entwickelt, der auf 2 KHz basiert. Andere Timecode-Formate wie Final Scratch und Serato arbeiten mit 1 KHz. Das Timecode-Decoding war durch die doppelte Auflösung Engineering-mäßig aufwendiger, aber dadurch können wir pro Zeiteinheit doppelt so viele Positionsinformationen auf dem Vinyl unterbringen und das merkt man gerade im Grenzbereich sehr deutlich. Auch die 24bit-Auflösung des Audio-Interfaces nutzt man dabei eingangsseitig voll aus, man braucht den Headroom absolut, damit es bei schnellen Backspins und ähnlichen Aktionen nicht clippt. Insofern ist der Timecode also kein banales Steuersignal, sondern in gewisser Weise auch schon ein absoluter High-End-Audiostrom, den man in dem ganzen System genauso sorgfältig behandelt wie den Sound, der letztendlich am Ende aus den Ausgängen kommt.
Wenn man mit einem digitalen System wie Traktor Scratch nicht nur einfach mixt, sondern auch ambitioniert scratcht, dann kann man auch ein Format wie MP3 an seine Limits bringen. Die Kompression bei MP3 basiert stark auf Maskierungseffekten und das Format ist auf das serielle Abspielen hin konzipiert. Da man beim Scratchen praktisch andauernd die Abspielrichtung wechselt und auch völlig andere Wiedergabegeschwindigkeiten generiert, tritt dann auch die Auflösung des Files viel stärker zu Tage. Deswegen geht es für das digitale Scratchen aus unserer Sicht ganz klar in Richtung unkomprimiertes Audio oder zu verlustfrei komprimierten Formaten wie FLAC, das ungefähr im Verhältnis eins zu zwei komprimiert und auch von Traktor unterstützt wird. So viel Speicherplatz muss sein, zumindest wenn man an die Sache professionell rangeht und es wirklich ernst meint. Insofern macht es auch absolut Sinn, das Beatport inzwischen unkomprimierte WAV-Files als Download-Option anbietet.
DSP-mäßig ist bei Traktor Scratch auch sehr speziell, wie der Rumble/Feedback Filter funktioniert, der nicht einfach nur ein stumpfer Filter ist, also einen Frequenzbereich maskiert. Wir haben den Filter Oktant genannt, er ist sehr effektiv. Wir haben einige Tests gemacht, sogar eine aufgedrehte Box direkt auf den Rand des laufenden Plattenspielers gestellt. Das Timecodesignal kalibriert trotzdem blitzschnell und das Tracking geht nie verloren. Man kann also aufdrehen, bis das Amt kommt.

Native Instruments

Preis: 599 Euro (Komplettsystem mit Audio-Interface) bzw. 400 Euro für Final-Scratch oder Serato-User.

[ratings]

2 Responses

  1. Markant

    Alte Berichte wieder auskramen, was soll das!?

  2. Boris

    ..ich hoffe das serato mit den 2 khz noch mitzieht,denn dieser 1 khz ton ,der von den timecodevinyls kommt ist ja nicht zum aushalten..so mal eben abends ein paar platten bei gedämpfter lautstärke auflegen ist bei serato überhaupt nicht drin..da topt definitiv traktor.