Touchscreen als Controller – das ist so ungefähr die kürzeste Umschreibung für das, was Jazzmutants Lemur ist. Wenn man ihn aber das erste mal in Aktion sieht, gehen die Assoziationen aber vor allem in Richtung Kommandobrücke bei Startrek, wo Spock auf futuristisch aussehenden Touchscreens seltsame Bedienelemente hin- und herwischt.
von Benjamin Weiss aka Nerk

Übersicht
Der Lemur besteht aus einem flachen 12” Touchscreen – Monitor, der auf dem Rücken liegt und mit genau vier Tastern auskommt. Das Gehäuse macht einen sehr robusten Eindruck, auf der Rückseite gibts noch einen Anschluss für den Strom und für das Ethernetkabel, über das der Lemur mit einem Rechner verbunden wird. Die Monitoroberfläche ist mit einer Folie überzogen, auf der sich die Sensoren befinden. Die Steuerdaten des Lemur sind im OSC Format (Open Sound Control) das eine wesentlich genauere Auflösung und höhere Geschwindigkeit erlaubt als zum Beispiel MIDI und über Ethernetkabel verschickt wird. Das schränkt natürlich den Einsatz des Lemur zunächst auf alle OSC-fähigen Programme ein, von denen es inzwischen aber auch einige gibt: Reaktor, Max/Msp, Traktor und SuperCollider zum Beispiel. Für alle anderen kann der Lemur jetzt auch MIDI, dazu aber weiter unten mehr.

Der Jazzmutant Editor
Es gibt zwar bereits einige Patches zum Spielen von zum Beispiel Ableton Live oder Reaktor, der Sinn des Lemur besteht aber vor allem darin, dass man sich aus dem Baukasten der Kontrollelemente etwas selbst zusammenbastelt. Dazu muss der Jazz Editor geöffnet werden, mit dem man den Lemur über den Rechner konfiguriert. Das Hauptfenster wird immer vom Lemur selbst gespiegelt, so daß aktuelle Editierungen sofort übernommen werden. Zunächst sind beide Bildschirme schwarz, man muss sie also mit Bedienelementen füllen. Im Moment gibt es in Lemur folgende Elemente: Fader, Monitor (kann beliebige Werte anzeigen), Multiball, Multislider, Pads, RingArea, SignalScope und Switches. Alle diese Elemente sind frei auf dem Bildschirm positionierbar, lassen sich mit der gewünschten Farbe versehen und auch in der Grösse ändern. Der Fader lässt sich mit einer Art Schwerkraftsimulation versehen, so dass er nach dem Faden in der Richtung noch ein wenig hin- und herpendelt. Diesen Effekt kann man allen Bedienelementen in unterschiedlicher Stärke zuweisen; was zunächst mehr als optischer Gimmick erscheint, erweist sich beim Ansteuern für gewisse Parameter als ziemlich praktisch.
Multiball ist dagegen ein völlig neuer Controller: bis zu zehn bunte Bälle lassen sich gleichzeitig mit den Fingern ansteuern, wobei jeder 3 Parameter steuern kann (X, Y und Helligkeit, die durch die Druckstärke des jeweiligen Fingers erzeugt wird). Multislider ist ein Multifadermodul, das aus bis zu 64 Einzelfadern bestehen kann, praktisch zum Beispiel fürs Zeichnen von Hüllkurven oder auch zum “Spielen” von Saiteninstrumenten, wobei die Saitenbewegung durch ein spezielles Schwerkraftmodell simuliert werden kann. RingArea schließlich besteht aus einem Ball, der mit einer virtuellen Schnur an mindestens einem Ring befestigt ist, um den herum er pendelt. Schließlich gibts noch Pads und Switches und SignalScope, das verschiedene Parameter grafisch auf der Lemuroberfläche darstellen kann.
Die selbst erzeugten Patches lassen sich natürlich auch abspeichern, wobei ein Patch aus verschiedenen “Seiten” bestehen kann, die man per Taste am Lemur selbst wechselt. Weitere Bedienelemente sind in Planung.

MIDI ?!
Der Lemur baut voll auf dem OSC Format auf, kann inzwischen aber auch MIDI versenden, allerdings immer nur in Verbindung mit dem Jazzmutant Editor. Man braucht also immer einen Rechner, um ihn zu benutzen. Gerade zur Ansteuerung von Softsynths, Effekten oder auch zur Automation ist der Lemur aber bestens geeignet, deswegen wünsche ich mir noch einen eingebauten MIDI-Anschluss zum Bedienen von Hardware, die kein OSC versteht.

Haptik
Zunächst braucht man ein wenig Übung und vor allem nicht allzu viele Bedienelemente, sonst wirds schnell eng auf dem 12” Touchscreen. Dann machen aber vor allem die Multiballs Spass, deren hin- und herschlackern ich erstmal verwirrend fand, nach und nach aber immer besser einsetzen konnte. Die oft von (potentiellen) Usern bemängelte fehlende haptische Rückmeldung hat mich dabei eigentlich nie gestört, aber natürlich muss man immer den Blick auf dem Screen haben, damit man nicht plötzlich etwas ungewolltes ansteuert. Vor allem reagiert Lemur wirklich schnell, was man von vielen MIDIcontrollern nicht unbedingt sagen kann.

Fazit
Der Lemur macht auf jeden Fall sehr viel Spass, wenn man sich erstmal drauf eingelassen hat; er bietet Kontrollmöglichkeiten, die wirklich mit Hardware so nicht möglich sind. Der Platz auf dem 12” Bildschirm wird aber schnell eng und so sollte man sich auf nicht mehr als fünf Bedienelemente beschränken.
Der Preis wird wohl die meisten abschrecken, helfen könnte da vielleicht das Integrieren einer MIDI Buchse, mit der man dann auch Hardware direkt ansteuern könnte. Demnächst soll es noch eine größere Variante des Lemur geben, im Zuge dessen soll dann der Preis für den jetzigen Lemur gesenkt werden. Natürlich muss man auch sehen, dass der Lemur eines der ersten Geräte seiner Art ist, aber bereits sehr ausgereift und stabil in der Funktionalität. Bleibt zu hoffen, dass die Leute von Jazzmutant genug Geräte verkaufen können, um den Lemur weiterzuentwickeln.

Preis: ca. 2000,- Euro
Preis / Leistung ***
Bedienung *****
Jazzmutant / Lemur
Info zu OSC

2 Responses

  1. Lemur « e-beats

    […] Josh Freese hat in sein aktuelles NIN Setup den äusserst schicken JazzMutant Lemur Touchscreen-Controller integriert. Wie geschickt, dass die Nine Inch Nails Proben visuell […]