Mit Nintendos Wii kämpfen Micromattic gegen die Laptopstarre

wii 1
Musik-Produktion und Performance könten durch die Wii revolutioniert werden. Der Controller sorgt für ganz neue Bewegungsfreiheit und Körperlichkeit beim digitalen Musizieren. Das Projekt “Micromattic” reizt die Möglichkeiten aus.

von Lennart Döring in De:Bug 129.

Die Nintendo Wii kam als Spielzeug auf die Welt, hat sich aber mittlerweile zu einem unheimlich vielseitigen musikalischen Werkzeug gemausert. Der Wii-Controller arbeitet nämlich mit dem allgegenwärtigen Nahfunkstandard Bluetooth. Mit der Hilfe von Software wie ”OSCulator“ kann man etwa Bluetooth-Daten in MIDI-Signale umwandeln und so mit der als Spielzeug konzipierten Fernbedienung professionelle Musiksoftware wie Ableton Live steuern. Das nutzen einige Acts bei ihrer Liveperformance, um die autistische Mausklickerei zu vermeiden und sich dem Publikum zuzuwenden.
Auf die Spitze treiben dieses Prinzip “Micromattic”, die sich musikalisch im Dunstkreis der Border Community von Nathan Fake und James Holden bewegen. Die Gruppe hat eine Liveshow entwickelt, bei der improvisierter Minimaltechno und visuelle Effekte mit den Nintendo-Controllern erzeugt werden. Sie versuchen mit Hilfe der Technik, die Technik zu überwinden, um auf der Bühne Mensch zu sein und kein Sklave der Maschine. Bei Ihren Performances sind Nikolai Seizov aka ”Microwave“ und Matt Venn für den musikalischen Teil verantwortlich und die bulgarische Künstlerin ”Yagama“ übernimmt den visuellen Part. Wir haben mit Nikolai Seizov über den Controller und seine Möglichkeiten gesprochen:

Debug: Wann kam der Wii-Contoller ins Spiel?

Seizov: Das war Anfang 2008. Im Sommer habe ich es dann in mein Liveset integriert, auf dem Artmospheric-Festival in Bulgarien. Bei dem Auftritt war Matt sozusagen der Frontmann. Er hatte viel mehr geübt und hat echt kranke Sachen gebracht. Er hat “gebeatboxed“, das gelooped und die Sounds so modifiziert, dass du niemals glauben würdest, dass die Sounds aus seinem Mund gekommen sind.

Debug: Ist der Wii-Controller nur ein Performancetool oder benutzt du es bereits bei der Produktion deiner Tracks?

Seizov: Meistens natürlich auf der Bühne. Ich ordne Bewegungen bestimmten Parametern zu, so dass ich mit meinen Händen bestimmte Effekte steuere. Das kann das Feedback eines Delays sein oder der Timecode eines Delays oder eines Reverbs. Mein Setup ändert sich aber ständig. Im Studio verbinde ich den Controller mit einem Synthesizer und zeichne sozusagen Sounds in die Luft. Das ist ein unglaublich faszinierendes Konzept. Es hat aber auch seine Schwächen: Der Controller ist relativ unpräzise. Das muss man üben.

Debug: Dass die Wii unpräzise ist, kann doch auch eine Inspirationsquelle sein?

Seizov: Ja, genau. Der Knackpunkt ist vor allem, dass es ein unglaublicher Unterschied ist, wenn du deinen Körper benutzt, um dich in Klängen auszudrücken. Im Gegensatz zum Klicken und Tippen mit Maus und Tastatur bringt es das Element der Kreativität auf ein ganz neues Level. Man fühlt sich von den Zwängen der Maschine befreit. Du kannst ein Mensch sein, während du Musik machst.

Großer Auftritt mit der Wii
Debug: Zurück zur Bühne: Habt ihr verteilte Rollen? Macht einer den Beat und der andere die Melodien?

Seizov: Nein, wir haben keine wirklichen Rollen. Also ich benutze meine eigenen Loops und winzige Teile von anderen Stücken, zerhacke das in kleine Stücke und bilde so eine Art rhythmisches Fundament. Matt macht eher abstrakte Sachen und Melodien, aber weil wir auf der Bühne komplett improvisieren, kann es im nächsten Moment auch schon wieder andersherum sein.
Das hat Vor- und Nachteile: Beim Improvisieren transportierst du deine Stimmung mit deiner Musik: Wenn du dich scheiße fühlst, vielleicht müde bist oder deprimiert oder die Party einen schlechten Vibe hat, dann wird deine Musik schwach und du machst alles noch schlimmer.

wi 2

Debug: Was nimmst du mit auf die Bühne?

Seizov: Ich benutze einen Laptop mit Ableton Live und Osculator, das ist eine Software zum Steuern von MIDI-Daten mit dem Wii-Controller, und natürlich den Wii-Controller selbst. Dann habe ich noch einen MIDI-Controller zum Mixen und für die EQs. Und ganz neu in meinem Liveset ist ein Stepsequenzer aus der Electribe-Reihe von Korg. Ich hoffe, dass ich in Zukunft auf Ableton Live verzichten kann und nur noch einen Software-Synth und eben die neue Drummachine benutze.

Debug: Welche Programme nutzen Matt Venn und Yagama?

Seizov: Yagama benutzt OSCulator, um mit dem Wii-Controller VDMX zu steuern. Dazu einen MIDI-Controller mit dem sie Videos mixt und verschiedene Layer steuert. Was Matt macht, ist sicher am spannendsten. Er programmiert in PureData, das ist eine Programmiersprache für Multimediaanwendungen. Damit hat er sich ein Interface geschaffen, das zwischen OSCulator und Ableton Live sitzt. Wenn er einen einfachen Befehl ausführt, wie zum Beispiel einen Knopf auf dem Wii-Controller drücken, dann löst das eine ganze Kette an Befehlen aus. Zum Beispiel: Auf einem Kanal läuft ein Loop. Er drückt also einen Knopf und dieser Loop endet. Gleichzeitig beginnt eine viertaktige Aufnahme, die dann den alten Loop ersetzt. Er hat das Ganze auf eine neue Ebene gebracht. Aber das reicht ihm noch nicht: Jetzt will er sich eine dieser Tanzmatten kaufen. Die funktionieren auch über MIDI und er will sie als Sequenzer benutzen.

Debug: Sind alternative Interfaces wie die Wii die Zukunft der elektronischen Musik?

Seizov: Ich kann es nicht erwarten, diese Controller in die Finger zu kriegen, die im Moment entwickelt und angekündigt werden. Angeblich kann man mit dem Gehirn steuern, was der Computer machen soll. Man setzt sich also so einen Helm auf und fertig. Das ist für mich die Zukunft: Ich auf einem Mountainbike mit so einem Brain-Controller-Helm und einem Rucksack mit Solar-Panel in den Bergen. Da sehe ich die Zukunft (lacht). Den Körper vom Computer lösen und frei sein in seiner Produktion.

Debug: Das ist verrückt.

Seizov: Die Befreiung findet natürlich nur in der physischen Welt statt. Es geht einfach darum, nicht mehr in einem Stuhl vor dem Schreibtisch zu hocken. Das ist es nämlich, was mich am Musikmachen nervt. Den ganzen Tag sitzt man rum. Das ist nicht die Natur des Menschen. Ich will Wege finden, mich davon zu lösen. Im Sommer habe ich zum Beispiel einen Track im Stehen produziert und der war so anders als der Rest. Man konnte die Energie spüren. Für mich ist die Zukunft der elektronischen Musik, die eigene Kreativität in einer menschlichen Art und Weise nutzen zu können. Weg vom Schreibtisch, weg von den Maschinen.

wii 3

Debug: Auf der Bühne geht es dir also auch darum, kein Laptop-starrender Nerd zu sein?

Seizov: Ich habe für mich die Erfahrung gemacht, wenn da jemand auf der Bühne steht und sich nicht gut fühlt bei dem, was er tut, dann wird auch das Publikum nicht gut finden, was er tut. Wenn du auf der Bühne stehst vor deinem Laptop und dann sind da 2000 Parameter, die du kontrollieren musst, die jeden Moment kollabieren können, dann kannst du dich gar nicht wohl fühlen. Das ist einfach eine stressige Situation. Ich will das nicht. Ich kann das nicht genießen. Und wenn du selbst das nicht genießt, wird das Publikum das erst recht nicht tun. Ich möchte vom PC befreit sein und mit dem Publikum verbunden sein. Das fasziniert mich. Im anderen Fall ist man doch nur eine Verlängerung des PCs. Der steht im Mittelpunkt. Man ist kein führendes Element der Performance.

Um den Wii-Controller zum Musikmachen zu benutzen, braucht man lediglich einen Computer mit Bluetooth. Die nötige Software bekommt man kostenlos im Netz. Man kann sie in zwei Kategorien aufteilen: Stand-Alone-Programme und Applikationen, die Wii-Daten in Midi umwandeln, um damit Software zu steuern. Man kann, wenn man ein MIDI-Interface besitzt, sogar Hardware-Synthesizer damit ansteuern. So ein Programm zum Umwandeln ist zum Beispiel “Osculator“. Die Installation ist einfach und man schafft nach wenigen Minuten ganz passable Ergebnisse. Einen anderen Ansatz haben die Stand-Alone-Anwendungen: Mit der “Loop Machine“ kann man Loops abspielen und modifizieren. Der Entwickler beschreibt es selbst als ein stark vereinfachtes “Ableton Live“. Mit dem “Wiinstrument“ kann man wie bei “OSCulator“ Rumgefuchtel in MIDI übersetzen und im Drumstiicks-Mode sogar auf dem Bildschirm rumtrommeln. Ein anderes Programm ist der “SiimpleSynth“. Ein Synthesizer, der über Bewegungen gesteuert werden kann.

Osculator
Loop Machine

4 Responses

  1. paul

    genau das was wir mit Institut FATIMA seit zwei jahren machen. am donnerstag, 21 uhr auf dem sonar, sonarkomplex stage.

  2. malte

    “Wenn er einen einfachen Befehl ausführt, wie zum Beispiel einen Knopf auf dem Wii-Controller drücken, dann löst das eine ganze Kette an Befehlen aus. Zum Beispiel: Auf einem Kanal läuft ein Loop. Er drückt also einen Knopf und dieser Loop endet. Gleichzeitig beginnt eine viertaktige Aufnahme, die dann den alten Loop ersetzt. ”

    wahnsinn – wie hat er das denn hin bekommen?