Softgemoddet ist halb gewonnen

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Benjamin Weiss aka Nerk in De:Bug 116.

Seit dem ersten alternativen System für die Linn Drum ist das Modden von Geräten fast schon ein Sport. Ohne Veränderungen an der Hardware werden rein Software-seitig die Synths, Sampler & Drumcomputer getunt. Ein aktuelles Beispiel dafür sind die alternativen OS-Versionen für Akais MPC 1000 und MPC 2500 des nach wie vor mysteriösen Coder-Kollektivs JJ.

Wie alles anfing
Vor etwa anderthalb Jahren tauchte auf einer leicht dubios wirkenden japanischen Webseite ein sogenanntes PlugIn für die MPC 1000 auf, das das Pitchen von Audiofiles mit den Q-Link-Fadern erlaubte. Nach kurzer Zeit war die Webseite wieder weg, ein paar Monate später dann das vollmundige Versprechen, mit einem selbstgeschriebenen System alsbald sämtliche Features der größeren MPC 2500 zu integrieren, die auf dem gleichen Hauptchip basiert. Die erste Beta-Version war da schon online, man konnte sie zum Testen runterladen, wenn auch nicht abspeichern. Schnell war das Interesse der MPC-Community geweckt und es entwickelte sich eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Usern und Programmierern, die schnell und umgehend auf gefundene Bugs und Feature-Wünsche reagierten.

Was alles anders ist
Zunächst machte sich das JJ-Team auf, die Bedienungsoberfläche intuitiver und logischer zu gestalten, angefangen mit einer alphabetischen Reihenfolge in den Directories, Veränderungen der Fontgröße und Menüs. Dann kamen noch Verbesserungen der Sample-Editierung dazu. Außerdem wurde der berühmt berüchtigte “New Folder Bug” des Originalsystems (führte dazu, dass die Maschine einfriert, sobald man auf der CF-Karte oder der Festplatte einen neuen Ordner anlegen wollte, was besonders ärgerlich war, wenn man gerade ein paar Stunden lang Samples bearbeitet, Programme erstellt oder Sequenzen gemacht hatte) mal eben beseitigt.

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Dann kamen die Neuerungen und Erweiterungen: Mit den Q-Link-Fadern kann man jetzt Tempoänderungen realisieren, Start- und Endpunkte von Samples live editieren, Timing Shift steuern, oder auch MIDI-Controller drauflegen, mit denen sich externe Geräte steuern lassen. Jeder Sequenz wurden acht Audiotracks spendiert, mit denen man sowohl externe, als auch interne Audiosignale aufnehmen kann, während eine Sequenz läuft. Ein Grid Edit (ähnlich wie die Pianorolle in Cubase und Logic) wurde eingeführt, mit dem sich sowohl MIDI, als auch Audio- und Sequenzdaten und Controllerverläufe komfortabel editieren lassen. Um das Editieren von Samples in Programmen zu vereinfachen, kann man sie nun auch alle zusammen gleichzeitig in einem Prameter verändern um zum Beispiel die Lautstärke eines ganzen Programmes an ein anderes anzupassen. Der Umgang mit zerhackten Loops wurde logischer gestaltet und funktioniert wesentlich besser, der Synchronisationsbereich wurde erweitert (MIDI Clock, MMC, und MTC) sodass sich auch DAWs wie Cubase extern von der MPC steuern lassen.

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An Effekten kamen neben dem zweiten Delay ein Echtzeit-Pitchshifter für den Audioeingang hinzu, außerdem Bitconvert (zum Runterrechnen von Samples auf 12 bis 4 Bit) und ein Ring- Modulator. Schließlich gibt es noch Simultaneous Sequence (womit man zwei Sequenzen gleichzeitig laufen lassen kann), Simultaneous Pad (damit lassen sich mit einem Pad mehrere andere gleichzeitig antriggern) und Recordable Track Mutes. Mit Sicherheit habe ich das eine oder andere Detail hier nicht aufgeführt, aber trotz der Fülle an neuen Funktionen ist das OS immer übersichtlich, und meistens bugfrei geblieben.

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Showstopperbug
Dass es bei der Update-Freudigkeit der JJs gelegentlich auch zu dem einen oder anderen Showstopperbug kam, soll hier nicht verschwiegen werden. Allerdings hat es selten länger als zwei bis drei Tage (!) gedauert, bis diese Bugs ausgeräumt wurden. Inzwischen hat JJ angekündigt, dass es zukünftig keine neuen Features mehr geben wird, da der Chip der MPC 1000 speichertechnisch ausgereizt ist, die einzigen Updates werden reine Bugfixes sein, wobei ich bei der letzten Version vor diesem Text hier (4.83) beim besten Willen keinen Bug mehr feststellen konnte.

Bleibt die Frage, warum Akai (die offiziell zum JJ OS keinen Kommentar abgeben wollen, aber wissen, dass es es gibt) nicht kurzerhand die JJs als Programmierer einkaufen, denn sie haben aus einer okayen Sampler/Sequenzer-Kombination mit ein paar Macken und teilweise hackeligem Workflow ohne jegliche Hardwareänderungen ein sehr überzeugendes und gut zu bedienendes Live- und Produktionstool gezaubert.

Preis: 30 $

MPC JJ OS

[ratings]

4 Responses

  1. Luksi

    JJ entwickelt derzeit ein neues System unter dem Namen JJOS2.
    Wichtigste neuerungen: ADSR-Hüllkurven, Pitch-Hüllkurven, nicht-destruktives Samplechop/slice und Aftertouch.
    Angepeilter Release: ca. mitte Dezember.
    (Mehr Infos auf mpc-forum.com)
    Angeblich hat JJ eine Möglichkeit gefunden, die aktuelle Beschränkung der Betriebssystemgröße zu umgehen.

  2. Bonzo

    “Bleibt die Frage, warum Akai (die offiziell zum JJ OS keinen Kommentar abgeben wollen, aber wissen, dass es es gibt) nicht kurzerhand die JJs als Programmierer einkaufen, denn sie haben aus einer okayen Sampler/Sequenzer-Kombination mit ein paar Macken und teilweise hackeligem Workflow ohne jegliche Hardwareänderungen ein sehr überzeugendes und gut zu bedienendes Live- und Produktionstool gezaubert.”

    Ist doch ganz klar.

    Wenn die MPC 1000 plötzlich leistungstärker als die “großen” MPC`s wird, kauft keiner mehr die wirklich teuren Dinger.
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass Akai das so unbedingt gutheißen würde.

  3. nerk

    so klar isses auch nicht: schliesslich gibt es das jj os auch für die 2500er und wenn jj auch eines für die 5000er machen würde, wäre das sicher keine schlechte idee. davon abgesehen: hast du dir mal die preise der “großen” in den letzten beiden jahren angesehen? die 500er kostet jetzt auch nur noch 1500.