wie aus DNA und Neuronen Sound wird

Vor ungefähr vier Jahren hat Jürgen Michaelis von Jomox damit begonnen, einen völlig neuartigen Synthesizer zu entwickeln. Der Resonator Neuronium basiert auf dem Konzept der neuronalen Netze. Soll heissen: ähnlich wie im Gehirn wo sich Nervenzellen zu immer neuen Netzen verknüpfen, die sich gegenseitig beeinflussen, können hier sechs analoge Knotenpunkte (=Neuronen) miteinander verknüpft werden. Aber nicht nur das Gehirn wurde als Modell herangezogen, die Modulation funktioniert in einigen Bereichen wie die Weitergabe von DNA.

von Benjamin Weiss aka Nerk

Übersicht
Die sechs Neuronen sind in einem Sechseck angeordnet, mit je einem Drehregler und einem Button ausgestattet und besitzen je einen Einzelausgang, die Signale werden aber zusätzlich noch durch den Stereoausgang ausgegeben.
Rechts neben dem Sechseck befindet sich ein kleines Display, das die Namen der editierten Parameter zeigt und noch zwei Drehregler zum Editieren und sechs Buttons (einer pro Neuron) zugeordnet hat.
Am ehesten bekannt sein dürfte zunächst die Neuron Frequency, die bei der subtraktiven Synthese der Cutoff Frequency entspricht und für jedes Neuron einzeln einstellbar ist. Im Display erscheinen die Frequencywerte für alle Neuronen gleichzeitig, was die Übersicht erleichtert. Natürlich können die Frequencywerte zusätzlich über den internen Sequenzer (siehe weiter unten) und Frequenzmodulation gesteuert werden, wobei alle vorhandenen Werte addiert werden.
Berührt man einen der Drehregler so wird das zugehörige Neuron als Modulationsquelle aktiviert. Im Display werden daraufhin der Sender und der Empfänger (=Modulationsziel) der Verknüpfung angezeigt und auch die LEDs zeigen an, welches Neuron gerade mit welchem verknüpft wird und ob die Verbindung eine additive oder frequenzmodulierende ist. Alle Neuronen können sowohl alle anderen Neuronen als auch sich selbst modulieren.
Die Neuronen besitzen je einen 16-Stepsequenzer, der zur Midiclock synchronisiert werden kann.
Die Step – Anzahl lässt sich für jedes Neuron individuell einstellen, es können also bis zu 6 verschiedene Taktmasse gleichzeitig vor sich hintuckern.
Midi als Noteninformation kann der Resonator Neuronium auch verwenden, wobei jedes Neuron seinen eigenen Midikanal hat. Da das Gerät aber auch ohne Noten allein durch Modulationen und Rückkopplung schon einiges von sich geben kann, braucht man sie nicht unbedingt. Der Sequenzer der Neuronen wird bei jeder empfangenen Note neu gestartet und kann Cutoff (=Neuron Frequency), GECO und Recombination steuern. Mit GECO (Generative Evolutionary Controlled Oscillator) kommt die Evolution ins Spiel. Der GECO ist das, was man sonst einen Oszillator nennen würde und wird in jedem Neuron durch einen Mikroprozessor erzeugt. Eine GECO Sequenz kann sich mit anderen GECO Sequenzen “paaren”, wobei die Informationen ähnlich wie bei der sexuellen Fortpflanzung weitergegeben und neu kombiniert werden.

Die Neuronen 1 und 4 haben zusätzlich die Möglichkeit, externe Audiosignale eingespeist zu bekommen, so dass man diese in den Kreislauf von Filtern, Modulationen und gegenseitigem Manipulieren integrieren kann. Je nachdem wie heftig die Modulationsketten eingestellt sind wird das Ausgangsmaterial einfach zum Impulsgeber für weitere Klangveränderungen oder bleibt teilweise erhalten; für “klassische” Filterverläufe sind die Möglichkeiten des Resonator Neuronium aber völlig überdimensioniert, das wäre etwa so wie mit dem ganzen Orchester auflaufen, wo eigentlich nur ne Triangel gebraucht wird.
Wem all diese Modulationsmöglichkeiten des Resonator Neuronium noch (immer) nicht ausreichen, der kann auch mehrere Geräte miteinander verbinden. Das geschieht über den sogenannten D-Sub Connector und erlaubt das Erstellen komplexer Netzwerke.

Bedienung und Sound
Die Bedienung ist aufgrund des völlig neuen Konzepts mit einer doch recht steilen Lernkurve verbunden, bei mir hats etwa drei Tage gedauert, bis ich sie so richtig durchschaut hatte. Hat man das Grundprinzip aber mal ein wenig verinnerlicht, fängts an, richtig Spass zu machen, denn das Interface entpuppt sich als ein sehr durchdachtes und intuitives.
Der Sound ist so abwechslungsreich wie das Konzept speziell, von tieflagigen Basswabersequenzen bis hin zu durch den ganzen Klangraum modulierenden Geräuschcollagen und brüllendem Acid des ächsten Jahrhunderts ist alles, was man sich so vorstellen kann, mit dabei. Aber auch nur sehr subtil sich ändernde Sounds sind möglich.

Fazit
Reproduzierbarkeit als Feature muss man sich abgewöhnen, sobald man anfängt, mit dem Resonator Neuronium zu spielen. Nie klingt ein abgespeichertes Preset so, wie man es verlassen hat, am besten beim Spielen also immer die Aufnahme mitlaufen lassen, denn das Ding lebt.
Klar ist das gute Teil ziemlich teuer, aber zieht man die Entwicklungsarbeit sowie den wohl eher kleinen Anwenderkreis und die sorgfältige Verarbeitung, den unverwechselbaren Sound und das einzigartige Konzept in Betracht ist es auf jeden Fall den Preis wert.

Jomox
Preis: 2499 Euro
Soundbeispiel 1
Soundbeispiel 2

8 Responses

  1. Vuk V.

    Review dürftig geschrieben und nicht sehr ausführlich – kann ja mal passieren. ABER:
    Soundbeispiele zeugen von völliger Unfähigkeit im Umgang mit Synthesizern oder einem Hörbewusstsein, welches sich, anders als bei den anderen Menschen, nur in einem Frequenzbereich jenseits der 10 KHz – also irgendwo in Richtung Hundepfeiffe – wohlfühlt. Nicht gut! Gar nicht gut!

    Vuk Voltage

  2. nerk

    äh nun ja. die soundbeispiele sind nicht von mir, sondern von Jürgen Michaelis, das ist übrigens der Typ, der den Resonator entwickelt und gebaut hat 🙂 manche leute können ja über 10 kHz auch gar nix mehr hören :))

  3. gottlos

    na, dann passt der RN ja bestens zur airbase & sunsyn ;P

  4. Vuk V.

    Ok, wollte gar nicht so dick negativ auftragen. ABER, wenn das schon alles ist, was man an musikalisch sinnvollem Zeug aus der Kiste rausholen kann, dann ist sie mir höchstens 2399 Euro wert ;). Ich meine, letztes Jahr auf der Frankfurter Messe eine Demo mit “bürgerlicheren” Sounds gehört zu haben, aber vielleicht spielt mir meine Erinnerung auch nur einen gutmütigen Streich. Die XBase von Jomox ist ein cooler und brauchbarer Drumsynth, aber Selbst Minimal-elektroniker werden mit diesem Ding keinen ganzen Gig bestreiten können, oder? Wir haben wenigstens beim hören der Soundbeispiele alle Herzlich gelacht, Zitat vom Kollegen:”Ey, ich glaub dein ProTools ist kaputt, schau mal nach, das macht seltsame Geräusche!” 😀

    Viel Gruß,

    Vuk Voltage

  5. herrloh

    Das Ding ist der Knaller, gerade weil die Sounds so verschroben sind!
    Endlich mal ein innovatives Konzept das nicht versucht den xten oldschool Analogsynth nachzubauen.

  6. cntberlin

    die töne sind superkomplex. desshalb ist das teil einzigartig und sein geld wert.
    allerdings frage ich mich, ob man diese kiste einigermaßen unter kontrolle haben kann..

  7. Jochen Trappe

    Also die Idee, Bereiche der KI für die Musik zu verwenden, finde ich innovativ und die Tatsache, dass das Gerät keine Software sondern Hardware ist beeindruckt mich sehr. Die Sounds erinnern mich aber eher an meine ersten Gehversuche in Reaktor. Für 2500€ sind mir die Sounds definitiv nicht cool genug.