Frieda Grafe machte die Filmkritik im deutschsprachigen Feuilleton-Journalismus der Sechziger Jahre (nach WWII wieder) zu einem relevanten Textformat. Was Kritik, Theorie, Empathie, Politik anging, entwickelte sie eine gültige Position, an die viele engagierte Projekte der Zeit anknüpfen konnten. Theoretisch gab sie den Adornismus der damaligen Filmkritik zu Gunsten von Psychoanalyse und Semiologie auf. Mit ihrem Partner Enno Patalas gab sie die Zeitschrift Filmkritik heraus, die das klassische Kino aufarbeitete, die Konzepte der Nouvelle Vague und des Independent Cinema in Deutschland vermittelte – Wo es ja fast überhaupt keine filmischen und diskursiven Kontinuitäten mehr gab, wo das Projekt der Re-Education über Documenta und Avantgarde-Kunst konstruiert wurde. Grafe schrieb zahllose Kritiken, Essays, Vorträge, ihre Filmtips aus der SZ sind, oft nicht länger als ein Satz, ein unbewusster Vorgänger des Textformats De:bug-Review. Etwa in Bezug auf Disney schreibt sie: “Adornos pertinente Inhaltsanalysen in der ‘Kulturindustrie’ können einem den Spaß an Mickymaus schon vermiesen; dagegen hilft dann S. M. Eisenstein, der seinen Schülern am Beispiel von Disneys “melodischem Rhythmus“ die unabdingbare Notwendigkeit von Rhythmus für jede Darstellung im Kino erklärte.“ Brinkmann und Bose gibt nun den ersten Band ihrer Schriften heraus, die sich mit einem missachteten und abgewerteten Thema befassen, das in den neunziger Jahren zu ihren zentralen Projekte gehörte, mit der Farbe im Film. Ihre Problematik wird an Sirk, Cocteau, Renoir, Hitchcock, Sternberg, Makiewicz durchgearbeitet. Grafe operierte immer sehr interventionistisch als Journalistin, sie verfasste nie ein Buch. Ihre Texte bilden keine narzistisch gesicherte Ganzheit, entwickeln zunächst kaum einen Rhythmus, produzieren Leerstellen. Diese erweisen sich dann später genau als der Raum, in den sich die Beschreibungen und Begriffe verfangen können. Grafe legt aus dem Wissen um Produktionssituationen, um künstlerische Strategien, aus Analysen der Bilder um jeden Film, jeden Regisseur ein unvergleichlich dichtes Netz an. Grafe: „Man stellt nichts dar und stellt sich nicht etwas vor, sondern man erzeugt und durchläuft etwas.”

aw

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