Diesem Mann hat die Theorielandschaft hierzulande sehr viel zu verdanken. Der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht, der in Stanford lebt und lehrt, ist vor allem für seine dicken Sammelbände bekannt, Backsteine wie “Materialität der Kommunikation”, das Ende der Achtziger erschienen ist. Diese dicken Schinken voller Aufsätze der verschiedensten Geisteswissenschaftler haben den Blickhorizont der deutschen Wissenschaft über ihren Tellerrand gehoben und internationalisiert. Auffällig ist nicht nur, dass heute so jemand fehlt – es wäre mal wieder Zeit, Positionen großflächig und klug zu bündeln – sondern auch, dass man damals nicht nur in den Westen, nach Amerika oder Frankreich, sondern auch in den Osten guckte – die Seminare, die den Grundstein für die dicken Schinken legten, fanden in Dubrovnik im damaligen Jugoslawien statt.

“Diesseits der Hermeneutik – Die Produktion von Präsenz” knüpft in doppelter Weise an diese Herausgaben an. Zunächst erzählt das noch einmal die jüngere Geschichte einer Herangehensweise, die zwischen Kittler, Derrida und einem sympathischen, aber schwierigen Marxismus das Projekt einer linken, progressiven Theorie auf andere Weise fortführen wollte. Damit erklärt es allen, die das schon immer gewundert hat, warum die über Dreißigjährigen die post-strukturalistischen Namen immer mit so einem gewissen Pathos aussprechen. Von da aus setzt es mit einem philosophiegeschichtlichen Überblick ein, um dann in einem zweiten Zug den Begriff der “Präsenz” neu in Stellung zu bringen.

Wie bei seiner Herausgeberschaft sammelt Gumbrecht auch beim Schreiben die verschiedensten Positionen ein und fügt sie zusammen, von Luhmann über Butler bis hin zu Jean-Luc Nancy oder Friedrich Kittler. Aber nicht nur als Überblick, auch begrifflich macht das Buch durchaus Sinn: In Zeiten, in denen die Naturwissenschaften als Ort der Fakten anerkannt werden, wogegen die Geisteswissenschaften als bloßer Ort der Reflexion und Interpretation abgeschlagen auf den zweiten Platz geschoben werden, muss man sich wieder mit Begriffen bewaffnen.

Präsenz, einmal durch Derrida und Butler hindurchgedacht als das, was “ist”, dabei jedoch nicht gesichert werden kann, d.h. als etwas das unbestimmt ist, aber eben trotz alledem nicht unspezifisch – und das ist wichtig, denn damit ist es nicht ohne Widerstände – könnte ein solcher Begriff werden. Auch wenn Gumbrechts letztendliches Einbetten in “ästhetisches Erleben” als ein Moment der “Intensität” diesen Moment der Präsenz fast schon zu sehr befriedet, anstelle sein störrisches und störendes Potential zu erarbeiten. Aber gut, wir Jüngeren müssen ja auch noch was zu tun haben.

Ein gutes Buch, ein ausgezeichneter historischer Überblick, der von einem postrukturalistischen Blickwinkel aus sowohl in die fernere wie auch in die jüngere Philosophiegeschichte einführt, anschließend daran die Schwierigkeiten, aber auch das Potenzial eines neu zu besetzenden Präsenzbegriffes nachzeichnet und im Verlauf dessen Vorschläge für etwa 278 Magisterarbeiten macht. EUR 10,-

mercedes

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