Geschichte kann gnadenlos sein. Gleich zwei LPs mit dem Namen “Hinterland” sind dieser Tage erschienen. Caspars schwülstiges Etwas, eine Platte, die nur wie Naidoo sein will, und Recondites zweites Album. Bei Google verliert man so ganz automatisch, unsere Herzen jedoch lachen. Man hätte es ja ahnen können. Lorenz Brunners Sound atmete schon immer tiefe Melancholie, so etwas wie helle Dunkelheit. Die Tracks auf seinem eigenen Label “Plangent” deuteten die Richtung an, die sich nun manifestiert, radikal verdichtet. Das begann in den Arrangements, in der Auswahl der Töne und setzte sich beim Artwork fort. Rauhe Papphüllen mit gestempelter Natur-Abstraktion. Ja, es war die alte Leier der Verschleierung. Es war aber auch eine Erleuchtung. Und “Hinterland” leuchtet heller als alles andere zur Zeit. In einer der ersten textlichen Annäherungen mit Recondite in diesem Magazin, im Dezember 2011, hieß es: “Es ist kein Geheimnis, dass die Welt etwas schöner wird, wenn man ihre Konturen nur leicht verwischt.” Genau das ist der Dreh- und Angelpunkt des Albums. Die Lernkurve ist alles andere als steil und doch ist alles anders. Ein bisschen wie auf Kodein, wenn sich Dinge von einander entkoppeln, nicht mehr vollständig synchron laufen. Wenn der Autofokus lahmt, immer wieder versucht, scharf zu stellen und doch nur weiche Flächen produziert. Recondite gelingt es, dieses Konzept der Unschärfe auf Albumlänge zu perfektionieren. Die Beats sitzen. Sind klar und kräftig, verbinden gelebte Modernität mit kleinen Reminiszenzen an die Vergangenheit, leben vorbildliche Reduktion, bilden ein Fundament, wie es heutzutage im Häuserbau schon längst nicht mehr zum Einsatz kommt. Recondite jedoch baut für die Ewigkeit. Denn der Rest ist fluide. Richtet sich nicht nach den Vorgaben der Schlagwerk-Kellergeschosse, sondern nach der Umgebung, in die er seine Gebilde setzt. Minimale Eingriffe in die Natur. Sobald die Oberfläche erreicht ist, wird in die Natur hineingebaut. Und die will mal links, mal rechts, mal hoch, mal seitlich. Durch das Geäst der natürlich gewachsenen Deepness. Mit seinen Melodien hätte Recondite auch die Elektronika revolutionieren können. Er ist der Pate des Waldes, nicht Voigt. Ein mystisches Plinkern. Es windet. Hört man Recondite zu, kann man die Farne förmlich anfassen. Und auf denen ist ordentlich was los. Es sprießt, es krabbelt und grabbelt, es pulsiert, es lebt. Und doch bleibt es zu großen Teilen unscharf. Neblig. Weit weg. Recondite spendiert die Entwürfe, große, hallige Skizzen, der Rest passiert im Kopf, sobald der mitwippt, man sich fallen lässt. Recondite hat genau das, was alle anderen nicht haben und doch haben wollen. Style. Mut. Die Darkness so bunt anzumalen, dass sie bei aller Übermacht in tiefem Purpur glüht. Bayreuth in 4/4. Götterdammerung in 808.
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thaddi

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