“Wir haben uns ein Netz von zwischenmenschlichen Beziehungen vorzustellen, ein intersubjektives Relationsfeld. (…) Diese Fäden verknoten sich provisorisch und bilden das, was wir ‘menschliches Subjekt’ nennen“, schreibt Vilém Flusser und liefert damit zugleich den Schlüssel zu seinem Leben und Werk. Seiner Theorie der “telematischen Gesellschaftt” folgend, in der man den einzelnen Menschen nicht als losgelöstes Subjekt betrachten kann, sondern das Selbst erst in der Relation zu dem Anderen entsteht, sind auch Flussers Schriften nur aus dieser Perspektive zu verstehen: Durch das Einbeziehen seines “intersubjektiven Relationsfeldes”. Ein Buch, das es sich zum Ziel gesetzt hat, Flussers Leben und Denken nähern zu bringen, muss diese Vernetzungen aufzeigen. Und diesen Weg gehen die beiden Herausgeber Wagnermaier und Röller. In ihren biografisch-philosophischen Essays, die für die “absolute“ Reihe von “orange press” kennzeichnend sind, zeichnen die beiden Autoren nicht nur das Leben des Mediendemokraten Flusser chronologisch nach, sondern versuchen durch Daten, Zitate und Anekdoten eine Stimmung und ein Umfeld zu rekonstruieren, das für den eigenwilligen Denker kennzeichnend war. Die Auswahl der Texte unterstreicht dieses Vorhaben. Klassisch-Bekanntes steht neben einer schönen Auswahl von unbekannteren Essays, die mit Titeln wie “Die Stadt der Erstinkenden“ auf die Flusser eigenen Terminologien verweisen. Allein die Ansammlung von Zitaten, die zwischen die Texte geworfen werden, hat etwas belehrendes und passt nicht zu der ansonsten unaufdringlichen Konzeption des Buches. Aber noch weniger zu Flusser selbst, der sich nicht als Lehrer im klassisch-akademischen Sinne verstand, sondern als geistiger Unruhestifter, der “Zweifel an mitgebrachten Vorurteilen” hervorruft. So und nicht anders sollte man auch seine Texte lesen, augenzwinkernd. EUR 15

Bettina Schuler

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